Nachgefragt #1/20

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Frau Dommann, macht Fernsehen dumm?

Der Medienforscher Marshall McLuhan hat das Fernsehen 1962 als ein Medium bezeichnet, das die USA revolutioniert habe. Die Amerikaner*innen hätten eine neue Empfänglichkeit für Kleinwagen, formbetonte Kleidung und für die Raffinessen der Kochkunst entwickelt. Ob es dumm oder klug mache, war für den Medientheoretiker nicht die entscheidende Frage.

Der Soziologe Niklas Luhmann antwortete 1998 auf die Frage, warum er keinen Fernseher besässe: «Weil in den wenigen Momenten, wo ich Zeit habe, nie etwas kommt, was mich interessiert.» Er störte sich nicht am Medium an sich. Doch es gefiel ihm nicht, dass Fernsehen die Zuschauenden bloss in Sendungen ein- und aussteigen lassen konnte. Ob Luhmann mit den heutigen Time-Shift-Funktionen einen Fernseher kaufen würde, weil er Inhalte und Zeitpunkte des Fernsehens selber wählen könnte?

Ich besitze keinen Fernseher. Anders als in den 1970er-Jahren, als wir im Dorf noch synchron «Teleboy» schauten, habe ich keine Bindung mehr zu einer Sendung. Doch als ich am letzten Mittwoch auf SRF die Rundschau-Sondersendung eingeschaltet habe, hatte ich es wieder, dieses berauschende Gefühl des synchronen Live-Fernsehens: Gleichzeitig mit Hundertausenden anderen Zuschauenden war ich dabei bei der Berichterstattung zu den Cryptoleaks. Ich war definitiv klüger nachher. Ich wusste nun Bescheid, dass die Schweiz nicht jenes neutrale Land ist, für das sie sich gerne ausgibt.

Monika Dommann ist Professorin am Historischen Seminar der Universität Zürich.

 

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