(Bild: © Keystone / AP Sony BMG / William Claxton).

Neue Rezepte auf altem Feuer

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Wenn es in Bob Dylans kolossaler Karriere eine Konstante gibt, dann, dass er sich alle Jahre neu erfindet. Auch auf seinem neuen Album «Rough and Rowdy Ways» wartet der 79-Jährige mit gewohnter Qualität und einigen Überraschungen auf.

Lange wurde diskutiert ob noch was kommt, jetzt ist es da: Ein neues Album von Bob Dylan mit originalen Songs. Zuletzt gab es das 2012 mit dem grossartigen «Tempest». Seither sind fünf Alben mit Liedern aus dem Great American Songbook erschienen, die bei Presse und Fans auf gespaltene Reaktionen stiessen. Dylans Stimme sei nicht mehr gut, schon gar nicht für diese gesanglich anspruchsvollen Werke. Es sei Zeit zum Aufhören, sagten kritische Stimmen.

Nicht, dass die Umstrittenheit neu wäre bei Dylan, er teilte schon immer die Massen. Zum ersten Mal wohl 1965 am New Port Folk Festival, wo ihn puritanische Folk-Fans mit Buhrufen von der Bühne jagten, weil er von elektrischen Instrumenten Gebrauch machte. Doch egal, wie seine Musik jeweils ankam, Dylan beugte sich nie dem öffentlichen Geschmack und den Erwartungen seiner Anhänger*innen. Stattdessen ging er kontinuierlich stromaufwärts und verwandelte sich alle paar Jahre in eine neue Version seiner selbst.

Der Altmeister zaubert

Das neue Meisterwerk wäre nicht zustande gekommen, hätte Bob Dylan nie die ausgetretenen Pfade verlassen. Und ein Meisterwerk ist es! Wer glaubte, Dylans unvorhersehbare Wege mittlerweile zu kennen, ist erneut verblüfft darüber, was der Altmeister wieder gezaubert hat. «Rough and Rowdy Ways» enthält sanfte Balladen, rockigen Blues, ein augenzwinkerndes Gruselstück im Stile Frankensteins und nicht zuletzt einen siebzehnminütigen Abgesang auf John F. Kennedy und ein untergehendes Amerika.

Das Cover von Dylans 39. Studioalbum (Bild: © Columbia Records)

Musikalisch wagt Dylan einiges Neues. Während die Songs grundsätzlich in den Formen des Blues, Folk und Rock’n’Roll verwurzelt bleiben, gibt es hier Elemente, die man von Dylan bisher nicht oder nur wenig kannte. So etwa der wehmütig leise Hintergrundchor in «I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You» oder die teilweise fast mittelalterlich anmutenden Gitarrenakkorde in «Mother of Muses». «Murder Most Foul» wird mit seinem gestrichenen Kontrabass und der rhythmisch freien Klavierbegleitung etwas Sphärisches verliehen.

Überraschend weichherzige Texte

Gesanglich merkt man dem Songwriter seine kürzliche Beschäftigung mit amerikanischen Standards an. Während er in Songs wie «False Prophet» oder «Goodbye Jimmy Reed» der kratzenden, kaputten Stimme der letzten zwei Jahrzehnte freien Lauf lässt, offenbart er in «I Contain Multitudes» oder «Black Rider» eine neue Sanftheit und Sonorität. Überraschend weichherzig fallen auch gewisse Texte aus. Während es in «It Ain’t Me Babe» – einem frühen Dylan-Song – noch hiess: «It ain’t me you’re looking for babe», so gibt sich das Ich in «I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You» nun teilweise den Gefühlen hin: «I’m sittin’ on my terrace, lost in the stars / Listening to the sounds of the sad guitars / Been thinking it all over and I’ve thought it all through / I’ve made up my mind to give myself to you.»

Auch sonst nimmt Dylan oft eine eher nachdenkliche Position ein. So etwa in «Murder Most Foul», das den Mord an Kennedy besingt, als ein Trauma, das Amerika schwer getroffen und für immer verändert hat: «…the soul of a nation been torn away / It’s beginning to go down into a slow decay». Wer will, kann darin auch eine Anspielung auf den Beginn eines Verfalls sehen, der bis heute andauert und vielleicht bald ein Ende findet. Trotzdem ist Dylan immer noch Dylan. Während der Mord an Kennedy im Mittelpunkt des Liedes steht, schlägt der Sänger weit aus und zeichnet über dieses historische Geschehen hinweg das Portrait einer vergangenen Zeit.

Das neue Album ist voller Zitate

Die Lyrics sind gespickt von Zitaten aus der Popkultur, ein grosser Teil davon in Form einer Aufforderung an den in den Sechziger- und Siebzigerjahren berühmten DJ Wolfman Jack, bestimmte Lieder zu Ehren der Epoche zu spielen. Auch der Rest des Albums ist voller Zitate, nicht nur aus der Popkultur, sondern aus Geschichte, Literatur und Film. Dieses «Klauen» aus verschiedensten Ecken hat Dylan schon immer betrieben und tat es nicht zuletzt auch für den Titel des Albums. «My Rough And Rowdy Ways» heisst ein Song des Sängers Jimmie Rodgers.

Der Struktur einer freien Bewegung um ein thematisches Zentrum indes, bedienen sich einige der neuen Songs. So etwa «Key West (Philsopher Pirate)», der wohl beeindruckendste aller Titel, in dem Dylan auf einem Piratensender die Geschichte Amerikas abhört und sie mit seiner eigenen, teilweise fiktiven Lebensgeschichte kombiniert, um dann wiederholt Key West, eine Stadt in Florida zu besingen. Der Song hat eine schwebende, fast übersinnliche Qualität. Auch wer bis jetzt die Bissigkeit Dylans vermisst, kommt auf seine Kosten: In «My Own Version of You» erschafft er sich ein neues Wesen aus Al Pacino und Marlon Brando und in «False Prophet» verteidigt er wütend seine Grösse: «I’m first among equals / Second to none / The last of the best / You can bury the rest.» Diese Grösse hat Dylan ein weiteres Mal bewiesen: «Rough And Rowdy Ways» ist ein durchwegs empfehlenswertes Werk.

 

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