Auch an der 1.-Mai-Demo war das Kollektiv präsent (Bild: Noemi Ehrat).

Nicht unterzukriegen

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Die Schweiz bereitet sich auf den zweiten nationalen Frauenstreik vor. Auch Frauen an den Zürcher Hochschulen mobilisieren.

Sie besetzen einen Vorlesungssaal an der Uni und machen damit schweizweit Schlagzeilen. Sie lassen Transparente, auf denen «Patriarchat ist doch scheisse!» und «Wenn die Uni den Frauen* zu wenig Raum gibt, dann nehmen wir ihn uns selber» steht, von der Polyterrasse und in den Lichthof hängen. Sie marschieren am 1. Mai zuvorderst mit und rufen dabei Parolen wie «Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben.» «Sie», das sind Studentinnen, Doktorandinnen und Dozentinnen, die die Hochschulgruppe des nationalen Frauenstreiks vom 14. Juni bilden.

In der ganzen Schweiz wird für den 14. Juni mobilisiert. «Wir wollen die tatsächliche Gleichstellung und wir wollen selbst über unser Leben bestimmen. Deshalb werden wir am 14. Juni 2019 streiken», heisst es im offiziellen Manifest. Auch an Schweizer Hochschulen werden Forderungen artikuliert. «Frauen* sind an Schweizer Hochschulen systematisch massiv unterrepräsentiert», schreiben sie in ihrem akademischen Manifest. Dies wollen sie ändern.

«Wir sind keine Bittstellerinnen.»

«Es braucht den Frauenstreik an der Uni, weil sie nicht ein von der Gesellschaft isolierter Ort ist, der sich wie in einem Vakuum der Lehre und Forschung widmen kann», sagt Eleni, die Teil des Hochschulstreik-Kollektivs ist. Die Uni sei eine von gesellschaftlichen Hierarchien und wirtschaftlichen Interessen geprägte Institution. «Vor allem ist die Uni eine Arbeitgeberin vieler, die im täglichen Betrieb und nicht in der Forschung oder Lehre arbeiten», sagt Eleni weiter. Vertreten sind fast alle Hochschulen: Die ETH, PH, ZHdK und die Uni. «Die Uni, beziehungsweise die Wissenschaft, gibt sich als objektiv», ergänzt Julia, eine Naturwissenschaftlerin. «Dabei entsteht Wissenschaft immer aus einer Überzeugung oder Haltung.» Dieses Bewusstsein um die Situiertheit von Forschung sollte zur Norm werden und Wissen kritisch hinterfragen. Kerstin, die am Deutschen Seminar eine Streik-Untergruppe ins Leben gerufen hat, findet aber, dass die Uni für junge feministische Menschen auch Positives zu bieten hat. «Man kann die Zeit und Ressourcen nutzen, um gemeinsam über gesellschaftliche Verhältnisse nachzudenken und neue Wege zu entdecken.» Das Gestalten neuer Denkräume berge viel Potential.

Kritik an Uni und ETH

Doch zeigen sich die Bildungsinstitutionen nicht nur begeistert von den feministischen Bewegungen – trotz offizieller Bemühungen um die Gleichstellung. Das Streikkollektiv und seine Untergruppen an Uni und ETH sind nicht von den jeweiligen Instituten anerkannt. «Wir haben die Anerkennung der Uni auch gar nicht gesucht», sagt Eleni. «Wir sind keine Bittstellerinnen.» Auch Julia, die an der ETH aktiv ist, sieht das so. «Wir sind von der ETH unabhängig, obwohl wir ab und zu mit ihr zusammenarbeiten.» Denn die Hochschule soll sich nicht mit den Aktionen der Gruppe profilieren. «Wir haben Kritik auszuüben.» Sonst bestehe die Gefahr, als Feigenblatt missbraucht zu werden, statt tatsächlich etwas zu verändern. «Die Gleichstellungsstelle der ETH existiert nur pro forma, da passiert wenig.» Dass Uni und ETH nicht enthusiastisch auf die Formierung der feministischen Gruppen reagieren, überrascht diese nicht. «Feminismus hinterfragt immer bestehende Machtstrukturen», erklärt Julia. Es sei nicht verwunderlich, dass Institutionen, deren Kader nach wie vor von Männern geprägt sind, diese nicht aufgeben wollen. «Es ist natürlich schwierig, aus privilegierter Sicht auf unsere Forderungen einzugehen», sagt sie.

«Wir wollen mehr Diversität.»

Konkrete Vorstellungen, wie die Institutionen weniger diskriminierend werden können, hat das Kollektiv. Die Uni soll ihre Position in der Gesellschaft hinterfragen und sie soll Fragen der Geschlechtergleichstellung auch in ihren Curricula Raum geben. Etwa durch das Anpassen der Lektüreauswahl. «Wir wollen mehr Diversität», lautet die Forderung. «Wenn jemand lehrt, sollte diese Person auch genug kompetent sein, um diese Diversität in die eigene Forschung einzubringen», so Eleni, die am Irchel studiert. Das System der Autorinnenauswahl sei dabei grundsätzlich zu hinterfragen. Diese Veränderungen sollen durch Personen vor Ort angestossen werden. «Es braucht in jedem Seminar politisch Aktive, weil bisher von extern nichts passiert ist», sagt Kerstin. Dies sei mühsam, weil oft wieder Diskriminierte die Energie für Verbesserung aufwenden müssten. Doch das Kollektiv erzielte mit dieser Strategie bereits gewisse Erfolge: Mittlerweile gibt es an der Uni die Untergruppen Zentrum, Deutsches Seminar, Irchel und Careum. So können die Beteiligten spezifischer auf die individuellen Anliegen der einzelnen Standorte eingehen.

Die Aktionen des Kollektivs werden jeweils an unterschiedlichen Hochschulstandorten geplant (Bild: Noemi Ehrat).

Herausforderung Inklusivität

«Es war in vielen Bereichen klar, dass etwas passieren muss», sagt Eleni zur Entstehung des Kollektivs. «Es gab einen Dammbruch.» Über die Jahre hätten sich Anliegen angestaut. Bewegungen wie «Ni una menos» in Argentinien hätten eine neue feministische Welle ins Rollen gebracht – daraufhin ist das Kollektiv entstanden. Dabei wollen sie alle einbeziehen – auch Angestellte der Uni und ETH. «Outgesourcte Bereiche sollten wieder einbezogen werden, damit sie von den Anstellungsbedingungen der Uni profitieren können», erklärt Eleni. Davon wären etwa die Mensen, die vom Zürcher Frauenverein betrieben werden, betroffen. Dies ist kein einfaches Unterfangen. Ursprünglich wurde extra eine «Arbeitsgruppe Mitarbeitende» gegründet. Passiert ist aber nicht viel. Erst sei für das Kollektiv das Veranstalten von Aktionen im Vordergrund gestanden oder das Abbauen von Vorurteilen gegenüber dem Feminismus. Wenn man sich beim Treffen im Seminarraum umschaut, sieht die Gruppe der Anwesenden tatsächlich recht homogen aus. Dessen ist sich das Kollektiv bewusst. «Dabei sollen diese Treffen einen Safe Space schaffen, wo alle offen reden können», sagt Eleni. Alle ausser Cis-Männer seien willkommen.

Viele der Anliegen richten sich an beide Geschlechter.

Dass Cis-Männer nicht erwünscht sind, stelle eigentlich kein Problem dar. «Für pro-feministische Cis-Männer war das gar kein Thema», so das Kollektiv. Solidarische Männer könnten auf der Website des nationalen Streiks lesen, wie sie ihn unterstützen können. «Diese Arbeit nehmen wir ihnen nicht auch noch ab», so der Tenor. Viele der Anliegen, die von der nationalen Streikgruppe in einem «Akademischen Manifest» festgehalten sind, richten sich an beide Geschlechter. «Mindestens die Hälfte der von den Hochschulen finanzierten Stellen im Anschluss an das Doktorat soll unbefristet sein», lautet etwa eine der 20 Forderungen. Auch hier wird an die Angestellten gedacht. «Wir solidarisieren uns mit den nicht-akademischen Angestellten an Hochschulen, die für bessere und gleichberechtigte Arbeitsverhältnisse einstehen», heisst es im Schreiben, das auf Deutsch, Französisch und Englisch formuliert wurde.

Streiken für langfristige Veränderungen

Für den eigentlichen Streiktag im Juni plant das Kollektiv einiges. Ein Brief an die Hochschulleitungen, der einen prüfungsfreien Streiktag fordert, wurde bereits entworfen. Mit derselben Forderung hatten Studentinnen anderer Schweizer Unis bereits Erfolg: Die rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Bern beschloss, am 14. Juni keine Prüfungen durchzuführen. Dieser Entschluss wird von der Berner Erziehungsdirektion unterstützt. Ob die Zürcherinnen mit ihrem Anliegen ebenfalls durchkommen, wird sich zeigen. Für viele Studis fällt das Datum in ihre vorlesungsfreie Zeit. Trotzdem will sich das Kollektiv an diesem Tag an den Hochschulen versammeln und gemeinsam am Streik teilnehmen. Das Hauptaugenmerk des Hochschulkollektivs liegt jedoch klar auf der Zeit nach dem 14. Juni. «Sexuelle Belästigung an Bildungseinrichtungen wird nicht seit Neuestem diskutiert, das war schon 1991 ein Thema», sagt Julia. Doch an der Uni sei nichts passiert. «Die Hochschulen haben keine Lernkurve.» Dies will das Kollektiv ändern. Es ist unmissverständlich, dass diese Generation von Feministinnen genug hat – sie wollen Änderungen, und zwar jetzt.

Das Hauptaugenmerk des Hochschulkollektivs liegt jedoch klar auf der Zeit nach dem 14. Juni

Fragt man Mitglieder des Hochschulkollektivs, wieso sie sich für den Streik engagieren, fallen ihre Antworten unterschiedlich aus. «Da ich eine von wenigen Frauen in meinem Studium bin, muss ich viel kämpfen, um ernst genommen zu werden», erklärt Julia. «Das finde ich nicht normal und ich will mich dafür einsetzen, dass es nicht mehr so ist.» Das Bildungssystem schreibe vor, statt zu ermöglichen, sagt Kerstin. «Zunehmende Bildung ermöglicht zwar das Ausbrechen, aber nur innerhalb eines Rahmens», so ihre Begründung. Viele sehen den Frauenstreik als Chance, sich zum Bildungssystem sowie zu den herrschenden Machtverhältnissen zu positionieren – und einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu etablieren. Inwiefern dies gelingen wird und ob die Bewegung auch nach erfolgtem Streik und Semesterferien weiter aktiv bleiben wird, muss sich zeigen. Aber eines ist klar: Studentinnen, Doktorandinnen und Dozentinnen haben genug. Tatsächliche Gleichstellung ist überfällig. Auch an Uni und ETH.

Auf Wunsch der Hochschulgruppe sind die Namen in diesem Artikel anonymisiert, da sie als Kollektiv auftreten will.

In der Ausgabe #3/19 wird durchgehend das generische Femininum verwendet. Anlass ist der nationale Frauenstreik vom 14. Juni, der Thema dieser Ausgabe ist.

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