Edward Snowden

Edward Snowden lebt seit der Veröffentlichung der Geheimdienstdokumente im Exil in Russland (Bild: zVg).

Nichts zu verbergen

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Edward Snowden war einst ein blinder Patriot, dann entblösste er die Massenüberwachung der US-Geheimdienste. In seiner neu erschienenen Autobiografie erzählt der Whistleblower, was diesen Sinneswandel ausgelöst hat.

Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Verräter. Edward Snowden löste im Sommer 2013 einen weltweiten Skandal aus. Er reichte geheime Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes NSA an Journalist*innen weiter – und bekannte sich öffentlich dazu. Die Dokumente bewiesen, dass die NSA weltweit das Internet sowie Anrufe und Nachrichten überwacht und die Daten für eine mögliche spätere Verwendung aufzeichnet. Seither lebt er mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung im Exil in Russland.

Jetzt, sechs Jahre später, veröffentlichte der Whistleblower seine Autobiografie «Permanent Record». Noch am Tag der Veröffentlichung der Autobiografie legte die amerikanische Regierung gegen ihn und seinen Verlag Klage ein. Sie wirft ihm vor, mit dem Buch den Geheimhaltungsvertrag gebrochen zu haben und beansprucht die Verkaufseinnahmen für sich.

Höchste Freigabestufe mit 22 Jahren

Snowden ist als Kind zweier Staatsangestellter in der Nähe des Armee-Stützpunktes Fort Meade bei Washington aufgewachsen. Seine Mutter arbeitete für die NSA, sein Vater bei der Küstenwache. Beide hatten eine «Top-Secret»-Freigabe. Solche Arbeitsstellen sind in dieser Region nicht ungewöhnlich. Fort Meade beherbergt über hundert staatliche Behörden, für die insgesamt rund 125’000 Angestellte arbeiten. Auch Snowden würde einer von ihnen werden.

Seine Laufbahn beginnt mit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2011, als entführte Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers und in das Pentagon stürzten. Als Reaktion zogen die USA nach Afghanistan in den Krieg. Diese Ereignisse entflammten in Snowden einen blinden Patriotismus. «Was ich in meinem Leben am meisten bedauere, ist meine reflexartige, unkritische Unterstützung dieser Entscheidung», schreibt er in seiner Biografie. «Ich glaube, dass ich Teil von etwas sein wollte.» Er meldete sich beim Militär und wechselte wegen eines Unfalls später zu den Geheimdiensten. Dafür benötigte er eine Sicherheitsfreigabe. Mit nur 22 Jahren erhielt er die höchste Freigabestufe der Vereinigten Staaten.

Im Laufe seiner Geheimdienstkarriere arbeitete er für die CIA und die NSA. Meist war er aber bei anderen Unternehmen angestellt und arbeitete als Vertragsarbeiter für die Geheimdienste. Durch solche Arbeitsverhältnisse können die Behörden mehr Personal einstellen, als ihnen bewilligt wird. «Die Arbeit der US-Geheimdienste wird ebenso häufig von Privatangestellten ausgeführt wie von Angestellten im öffentlichen Dienst», schreibt Snowden.

Vorzeige-Whistleblower ohne Flecken

Das Buch ist teils Lebensgeschichte, teils Rechtfertigung. Snowden verteidigt seine Entscheidung, mit den Informationen an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Die Regierungen hoch entwickelter Staaten auf der ganzen Welt hätten sich immer weniger um den Schutz der Privatsphäre geschert, den er als elementares Menschenrecht betrachte, schreibt er.

Snowden ist in vielerlei Hinsicht ein Vorzeige-Whistleblower. Sein Hintergrund ist fleckenfrei und lückenlos. Seine Handlungen sind konsistent und überlegt. Er stammt aus einer Familie, die sich in den Dienst des Landes stellte. Er suchte nicht Zerstörung, sondern wollte das System verbessern. Darum publizierte er die Informationen nicht selbst, sondern reichte sie an Journalist*innen weiter, die über die Publikation der Dokumente entschieden.

Mit seinen Enthüllungen gelang es ihm, eine globale Diskussion zu entfachen. Seine Autobiografie greift diese Diskussion nicht nur auf, sondern sie liefert auch einen Einblick in die verborgene Welt der Geheimdienste. Snowden erinnert einmal mehr, dass viele unserer Nachrichten und Internetbesuche nicht so privat sind, wie wir gerne glauben. Und wem das egal ist, weil man nichts zu verbergen habe, entgegnet er: «Das ist letztlich dasselbe, als würden wir behaupten, dass uns die freie Meinungsäusserung egal ist, weil wir nichts zu sagen haben.»

Edward Snowden, «Permanent Record», S. Fischer Verlag

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