Durch das Spielfeld erprobe man die Welt, die Regel seien klar vorgegeben, sagt Beat Liechti (Bild: Stephanie Caminada).

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Gesellschaftsspiele erleben ein Revival. Spieleerfinder Urs Hostettler und Spieleverkäufer Beat Liechti wissen um den Reiz.

Gute «Tichu»-Spieler*innen gehen mit ihren Drachen und Bomben haushälterisch um und wissen, dass der Hund keine hundskommune Karte ist, so liest man in den humorvoll verfassten taktischen Hinweisen zum Kartenspiel. Die hiesige Variante des in ostasiatischen Ländern verbreiteten «Tichu» entsprang Urs Hostettlers Ideenreichtum. Als der Spieleerfinder, Mathematiker und Liedermacher – ein Tausendsassa – in China auf Vertriebsreise für seinen Berner Spieleladen Fata Morgana war, entdeckte er überall Männer, die sich über Karten beugten. Das Spiel schien in China allerdings verpönt, es ging wohl um Geld. Hostettler, der selbst aus Prinzip nicht um Geld spielt, feilte mit seiner Gruppe bereits auf dem Rückweg in der Transsibirischen Eisenbahn an zusätzlichen Karten und Regeln. 1991 kam das Spiel auf den Schweizer Markt.

Hostettler ist wohl der bekannteste der wenigen Spieleerfinder*innen der Schweiz und «Tichu» ist nicht das einzige seiner Spiele, das derzeit rege gespielt wird. In Zeiten der Digitalisierung und der Vielzahl an Konsolenspielen könnte man meinen, dass die analogen Brett- und Gesellschaftsspiele ausgedient haben. Doch diese erleben derzeit wieder einen Aufschwung. «Ich habe das ganze Jahr hindurch ordentlich Bestellungen, aber wenn ich jetzt meinen Laden offen hätte, wäre es wie Weihnachten», sagt Beat Liechti vom Spieleladen Rien ne va plus im Zürcher Oberdorf. Stattdessen liefert Liechti jetzt mit dem Tram und Bus Bestellungen aus und fährt dafür schon mal von einem Ende der Stadt bis zum anderen.

Nur erprobte Spiele werden verkauft

Vor vierzig Jahren haben die Gesellschaftsspiele Liechti in ihren Bann gezogen – an einer Ausstellung an der ETH vom Spiele-club Zürich. Einmal entfacht, gipfelte die Leidenschaft in einer jährlichen Tour durch Europa, wo kein Spieleladen vor ihm sicher war. Teilweise hätten die Vertreiber*innen für ihn sogar die Preise gedrückt, damit die Grenzkontrolle ihn mit seinem Gepäck voll Karten, Würfeln und Spielfeldern nicht aufhielt, erzählt Liechti. Als Freunde im März 1990 im Seefeld ein Lokal mieteten, wollten sie diesen «nerdigen Typ, der Spiele aufsog» unbedingt dabeihaben. Sein Spieleladen heute im Oberdorf ist überschaubar, dafür weiss Liechti, was in seinen Regalen steht, und er wählt sein Sortiment gezielt aus. Denn er möchte nur verkaufen, was auch gespielt wird. Jedes einzelne Spiel, das er in seinem Laden führt, hat Liechti selbst ausprobiert – manchmal mit Urs Hostettler.

Beat Liechti testet jedes einzelne Spiel, bevor er es in seinem Geschäft Rien ne va plus verkauft (Bild: Stephanie Caminada).

Doch wieso spielen wir so gerne ein Spiel, etwas, das «eigentlich zwecklos» ist, wie sogar Spieleerfinder Hostettler sagt? Unabhängig voneinander sehen Erfinder und Verkäufer beide im Spiel «einen Mikrokosmos». «Spielen ist unheimlich vielschichtig», sagt Liechti. Durch das Spielfeld erprobe man die Welt, die Regeln seien klar vorgegeben, sei das nicht der Fall, müsse man sich absprechen – eben wie im Alltag, so Liechti. So lassen uns Brettspiele auch mal aus dem Alltag ausbrechen. Anders als die Realität finde das Spiel aber in einem geschützten Rahmen statt. Einige Leute würden sich gerade deswegen wohl fühlen, während andere davor Angst hätten, die Leistung nicht erbringen zu können, zu versagen. Aber «es gibt kein Spiel, bei dem man nicht etwas lernt», sagt Liechti. Und man lerne sich besser kennen, denn Spiele brächten Leute zusammen, die aufeinander zugehen wollten. Und das, ohne dass man sich besonders mögen müsse.

Spielen ist gesellschaftsfähig geworden

Brettspiele sind der ideale Zeitvertreib für die langwierige Zeit drinnen. Denn letztendlich geht es vor allem um Spass. Fantasie, Witz und Humor machen für Hostettler ein gutes Spiel aus, so sind auch seine Kreationen danach konzipiert, etwa sein Partyspiel «Anno Domini», das sich schon 580’000-mal verkauft hat. Auch Liechtis Kund*innen wollten stets, dass ein Spiel lustig sei, «was auch immer lustig heisst». In seinem Laden findet sich Kundschaft jeden Alters, «die grosse Kisten mit viel Material und komplexen Regelwerken» suchten, ebenso wie solche, die schnelle Spiele ohne viele Regeln bevorzugten. «Junge Leute stehen insbesondere auf wenig raffinierte Spiele, wie ‹Cards against Humanity»›, beobachtet Liechti.

Die Bedrohung durch die Digitalisierung sei nur eine vermeintliche. Liechti sagt gar, dass Videospiele den analogen Gesellschaftsspielen insofern geholfen hätten, als dass sie dem Spielen zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz verholfen haben. «Vor zwanzig Jahren haben noch alle den Kopf darüber geschüttelt, dass ich zehn Stunden in der Woche spiele», erzählt er. Heute, «da viele während dem Bügeln auf dem Handy ein Spieli spielen», frage niemand mehr, ob man nichts Besseres zu tun habe. So werden Brettspiele wohl nie von der Bildfläche verschwinden. Und Hostettler hätte noch einige «Leichen im Keller», wie er seine «Zetteli voll Ideen» nennt. Daran tüftelt er aber nur noch für den Eigenbedarf. Schade, sagt Liechti, die Leute würden darauf warten.

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