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    Svenja Herrmann präsentierte Lyrik. (Bild: Oliver Camenzind)
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    Hat sich ohne Aufregung zur Attraktion gemausert: die Schreibgruppe «Literatur für das, was passiert». (Bild: Oliver Camenzind)
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    Catalin Dorian Florescu las gleich zweimal. (Bild: Oliver Camenzind)
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    Leo Gottheil sang Lieder und spielte Klavier. (Bild: Oliver Camenzind)

Nur Gehabe für Geflüchtete

in Campus von

Am vergangenen Freitagabend lud das Theater STOK zum Benefizanlass «Schicksal, unbestimmt»: Für einen guten Zweck wurden Texte gelesen und Lieder gesungen. Eigentliche Attraktion war aber etwas anderes.

Noch bevor sie anfangen, stellen Lesungen ihr Publikum vor ein grundsätzliches Problem: Kennt man die Texte bereits, langweilt man sich leicht. Und kennt man die Texte noch nicht, läuft man ebenfalls Gefahr, der Langeweile anheim zu fallen. Denn Literatur, die meiste wenigstens, wird für ein lesendes Publikum geschrieben und gibt für Aufführungen vor Leuten nicht viel her, das über blosses Vorlesen hinausginge. So passiert es allzu oft, dass die Zuhörenden – die Parallele zur universitären Vorlesung ist evident – mit der Komplexität des Geschriebenen nicht mithalten können und gedanklich abschweifen.

Der Freitagabend hatte gleich beide Formen – nicht der Langeweile, aber doch der leisen Enttäuschung im Angebot: Zunächst gab der Schweizer Autor mit rumänischen Wurzeln Catalin Dorian Florescu den Anfang seines erzählerischen Debüts «Wunderzeit» zum Besten. Das ist die schöne, wenn auch etwas harmlose Geschichte eines rumänischen Emigranten, der mit seiner Familie in die Schweiz aufbricht. Zweifellos ein schöner Text, nur bleibt es dabei leider: Es gelingt Florescu nicht, aus dem Persönlichen herauszukommen und politisch zu werden; er unterhält angenehm, aber er gibt nicht zu denken.

Hauptsache Rahmenprogramm

Wenn bis anhin nicht erwähnt wurde, dass die Einnahmen des Anlasses Menschen auf der Flucht zugute kamen, dann liegt das am ehesten daran, dass es ihm kaum anzumerken war. Ja: Wäre nicht explizit darauf hingewiesen worden, man hätte es vielleicht gar nicht mitbekommen. Denn der Smalltalk vor Beginn war derselbe wie überall, die Selbstinszenierung auch und die Anbiederung ebenso. Das ist vielleicht weniger überraschend als enttäuschend, wenn man sich erhofft hatte, es würde vielleicht mehr um die Geflüchteten selbst gehen. So aber könnte leicht behauptet werden, die hiesige Szene habe für Geflüchtete nur eines übrig: Gehabe.

Eigentlich als Rahmenprogramm angekündigt, wurde so, gerade wegen ihrer Unaufgeregtheit, die Gruppe «Literatur für das, was passiert» zum geheimen Mittelpunkt der Veranstaltung. Unaufdringlich sassen die vier Schreibenden mit ihren Schreibmaschinen an kleinen Tischen und produzierten gegen eine Spende zugunsten der Geflüchteten Texte auf Bestellung, die man gleich mit nach Hause nehmen konnte. Auch die Mitglieder der Schreibgruppe hätten sich hier profilieren können, eine Ästhetik des einmaligen Moments oder dergleichen proklamieren können. Aber sie taten es nicht, was erfrischend tiefgestapelt war.

Politik zweitrangig

Als Svenja Herrmann nach Florescu und einer musikalischen Einlage von Lea Gottheil, deren Singer-Songwriter-Melancholie sich verschiedentlich in Pathos verwandelte, mit ihrer Lyrik vor das Publikum trat, verkehrte sich die Situation ins Gegenteil. Wo vorher leichte, auch witzige Unterhaltung war, wurden jetzt Verse vorgelesen. Mit Sicherheit bieten die Gedichte von Svenja Herrmann eine wertvolle Lektüre, in dem hohen Tempo, das die Dichterin sich vorgenommen hatte, konnten sie allerdings kaum Wirkung entfalten. Zumal sie beinahe übergangslos wieder von den klavierbegleiteten Liedern abgelöst wurden, die ihrerseits schliesslich einem zweiten Auftritt Florescus Platz machen mussten. Als hätte er die Kritik vorausgesehen, lieferte Florescu nun doch noch einen Beitrag zum Abend, der wenigstens politisch gemeint war. Die Rede, aus der er las, war allerdings eher eine Abhandlung über grundlegende Moral, sodass das Politische schon wieder zweitrangig wurde. Dem Applaus und der allgemeinen Selbstzufriedenheit tat dies freilich keinen Abbruch. Was geradezu symptomatisch für den Abend war.

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