Bild: Wongwannawat

«Nutzen Sie ihr Hirn!»

von

Professor Luca Regli leitet die Klinik für Neurochirurgie am Unispital. Über Leben und Tod zu entscheiden, ist für ihn kein Machtgefühl, sondern ein Grund zur Bescheidenheit.

Herr Professor Regli, wie fühlt es sich an, in ein Hirn zu schneiden?

Es ist faszinierend – aber nicht so faszinierend wie der Prozess vor dem Eingriff. Für uns Neurochirurgen ist das Beeindruckendste, dass uns die Patienten überhaupt an ihr Hirn lassen. Wenn wir einmal im Gewebe drin sind, wird es sehr wissenschaftlich, sehr anatomisch, sehr fokussiert.

Und was sehen Sie?

Kommt auf den Tag an. Manchmal sehe ich eine anatomische Struktur, mit Hirnlappen, Venen und Arterien. Manchmal empfinde ich das Ganze auch philosophisch. Dann denke ich: Das, was ich unter meinen mikrochirurgischen Instrumenten berühre, das ist der Mensch – sein Verhalten, seine Gedanken, sein Glaube, sein Bewegen, sein Fühlen.

Es gibt Chirurgen, die reden nicht mit ihren Patienten vor der Operation, weil sie sie einfach als biologische Organismen begreifen wollen. Wie halten Sie das?

Ganz anders. Ich operiere ja nicht die MRI-Bilder – ich operiere den Menschen, der dahintersteckt. Wenn man das Hirn so oft sieht, berührt und unter den Instrumenten hat wie ich, dann kann man das Hirn nicht mehr abstrakt betrachten. Es ist ja nicht irgendein Organ, es ist das speziellste Organ.

Speziell, warum?

Kein anderes Organ hat die Kapazität, sich selber zu studieren. Das Hirn ist die Produktionstätte des menschlichen Denkens. Es sieht zwar bei allen Menschen ähnlich aus – aber mit jeder Erfahrung, mag sie noch so alltäglich sein, verändern sich molekulare und biochemische Strukturen. Diese Eigenschaft  nennt sich Plastizität. Ein Herz hat diese Eigenschaft nicht – es pumpt einfach. So ist auch der Unterschied zwischen einem Fischherzen und einem Menschenherzen viel, viel kleiner als zwischen einem Fisch-gehirn und einem Menschenhirn.

Alle unsere Handlungen sind also Produkte neuronaler Prozesse. 

Richtig, das Hirn fasst unsere Erfahrungen neuronal zusammen.

Eine Operation am Hirn ist eine Schreckensvorstellung. Wie gehen Sie mit der Angst Ihrer Patientinnen und Patienten um? 

Das Stichwort ist Empathie. Ich muss das Leiden des Patienten verstehen, aber darf mich nicht von diesem herunterziehen lassen. Damit ist niemandem geholfen. Es braucht eine Art empathische Arroganz, oder nein, Arroganz ist das falsche Wort – eher empathisches Selbstvertrauen. Stellen Sie sich vor, Sie machen nicht ein Interview für Ihre Zeitung, sondern müssen von mir operiert werden. Und ich zittere vor Ihnen und sage, ich weiss nicht, ob ich es schaffen werde …

Horror!

Eben! Sie müssen doch das Gefühl haben, dass Sie mir vertrauen können. Gleichzeitig muss ich aber auch von mir selbst überzeugt sein, dass ich Ihnen die beste Lösung anbieten kann. Mit der Fragilität des Hirns ist nicht zu spassen. Ich könnte enormen Schaden anrichten. Darum verbiete ich es mir, zu denken: Ach, das ist doch kein Problem, diesen Eingriff habe ich schon hundert Mal gemacht …

… easy.

Es gibt kein «easy» in der Neurochirurgie.

Wenn ich bei meiner Arbeit einen Fehler mache, geht es um falsch gesetzte Kommas – bei Ihnen geht es um Leben und Tod. Das stelle ich mir stressig, wenn nicht beklemmend vor. 

Stressig ja, aber das ist nicht immer schlecht im Leben. Wenn ich keine Angst hätte, Fehler zu machen, würde ich mehr Fehler machen. Mich immer in der Komfortzone zu bewegen, ist nicht mein Lebensstil. Mein Lebensstil ist es, Herausforderungen zu bewältigen und so Patienten zu helfen.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen ein Fehler unterläuft?

Dann stehe ich dazu und erkläre dem Patienten und den Angehörigen, was passiert ist. Der Patient muss spüren, dass ich ihm auch im Fehler helfen werde. Man muss als Arzt besonders dann präsent sein, wenn etwas schiefgegangen ist. Wer das nicht kann, ist im falschen Beruf. Ich bin überzeugt, dass sich die Unterschiede der Persönlichkeiten in den Fehlern, nicht im Erfolg zeigen.

Haben Sie Rituale oder Vorbereitungen, die Ihnen helfen, Fehler zu vermeiden?

Ich operiere nie müde. Wenn eine Operation ansteht, habe ich eine gewisse Lebenshygiene am Tag davor. Ich gehe sicher an keine Party und dafür frühzeitig ins Bett. Dann liege ich dort und spule die Operation vor meinem inneren Kopfkino ab. So fühle ich mich gut vorbereitet.

Trotz der besten Vorbereitung kann es dazu kommen, dass ein Patient während der Operation stirbt. Wie fühlt sich das an als Arzt? 

Da gewöhnt man sich nie dran. Das ist ein stark emotionales Ereignis. Es ist zerstörend. Gleichzeitig gehört es zum Leben.

Es kann ja auch sein, dass jemand nicht während der Operation stirbt, sondern dass man schon bei der Diagnose feststellt, dass dieser Mensch unheilbar krank ist. Wie teilt man einem Menschen mit, dass er nicht mehr lange zu leben hat?

Jeder Arzt entwickelt seine eigene Technik. Für mich ist Offenheit das Richtige. Das heisst aber nicht, dass ich den Patienten einfach informiere, um einen weiteren Punkt von meiner To-Do-Liste abzuhaken. Ich sage dem Patienten, dass er statistisch gesehen, also im Durchschnitt, noch eine bestimme Lebensspanne hat. Aber schliesslich ist nur der Patient wichtig und nicht die tausend Anderen. Man darf nie die Hoffnung zerstören.

Aber Wunder geschehen selten.

Ja, aber die Kapazität des menschlichen Wesens, sich auf einen neuen Horizont einzustellen, ist unglaublich. Sie und ich haben Pläne für die nächsten dreissig Jahre. Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass Sie nur noch ein Jahr zu leben haben, dann ist das zunächst schockierend. Aber dann werden Sie umdenken. Statt dem Studium wollen Sie vielleicht mehr Zeit mit der Familie verbringen. Sie werden sich Zeit nehmen, um zu leben. Das ist Hoffnung.

Bei Hirnoperationen besteht nicht nur Todesgefahr, sondern auch die einer Persönlichkeitsveränderung. Haben Sie das schon einmal erlebt? 

Ja, aber anders herum, als Sie denken. Es gibt Tumore, die sehr, sehr langsam wachsen und darum sehr, sehr gross werden. Das verändert die Persönlichkeit eines Menschen. Man wird intoleranter, diskutiert nicht mehr wie früher, regt sich wegen allem auf, oder im Gegenteil: lässt alles gehen, die Agenda wird einem völlig egal. Man kann kein normales Leben mehr führen, die Freunde verschwinden, der Job wird einem gekündigt, man steht alleine da. Dann wird bei dieser Person ein Tumor diagnostiziert, dieser wird entfernt und danach heilt der Patient schnell. Ich habe es mehrere Male erlebt, dass dann jemand zu mir gekommen ist und gesagt hat: Es ist wahnsinnig, ich habe das Gefühl, in den letzten fünf Jahren eine Rolle gespielt zu haben. Das ist enorm schwer, weil man dann zwar wieder man selbst ist, aber realisiert, was man alles verloren hat.

Es gibt das Klischee, dass Neurochirurgen besonders egozentrisch seien. Wenn man jeden Tag über Leben und Tod entscheidet, fühlt man sich da mächtig?

Nein! Im Gegenteil: Wenn ich während eines Eingriffs realisiere, was für eine Macht ich da in der Hand habe, kommt sofort das Verantwortungsgefühl, das mich bescheiden macht. Ich operiere nie für mich, sondern immer für den Patienten.

Sind Sie in Ihrem Alltag als Chirurg schon einmal an eine ethische Frage geraten, die Ihnen Kopfzerbrechen bereitet hat? 

Eigentlich jedes Mal, wenn ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine Hirnverletzung so gross ist, dass man sich die Frage stellen muss: Würde es mir dieser Mensch übel nehmen, wenn ich ihn mit einer solch reduzierten Lebensqualität überleben lasse? Ist dies den Mitmenschen zumutbar?

Der Tod ist in der modernen Gesellschaft ein Tabu. Es gilt, ihn möglichst lange hinauszuzögern. 

Der Tod sollte kein Tabu sein. Darum ist die Frage vom Tod für mich eher eine Frage vom Leben. Wenn jeder von uns wüsste, was er im Leben eigentlich möchte, wo die Ziele sind, würde das schon helfen. Das Leben muss man qualitativ, nicht quantitativ bewerten.

Haben Sie Angst, älter zu werden? Dass Ihre Hände im OP zittern?

Noch habe ich keine Angst, älter zu werden. Ich denke, das Leben ist gut ausbalanciert. Zwar funktioniert Ihr Hirn drei Mal schneller als meins und Sie sind jünger und dynamischer als ich. Dafür kompensiere ich mit einer riesigen Erfahrung. Sie werden es später sehen; Erfahrung macht wahnsinnig Spass.

Aber zitternde Hände nicht.

Wenn ich nicht mehr operieren kann, habe ich noch viele andere Leidenschaften: ausbilden, forschen, managen …

Kann man mit einer gesunden Lebensweise das Hirn fit halten oder ist alles genetisch determiniert?

Es ist beides. Wir können die Gene nicht beeinflussen, nur das Beste aus unserer Veranlagung machen. Routine sollte unbedingt vermieden werden; ich würde jedem raten, alle zehn Jahre etwas völlig Neues zu lernen, eine Sprache, ein Musikinstrument, einen Sport. Das ist das Beste für das Hirn. Im Studium ist das sowieso noch kein Thema, aber merken Sie es sich für später im Leben.

Werde ich. Und daran anschliessend: Was ist der grösste Irrtum, der über das Hirn in der Gesellschaft verbreitet wird?

Gute Frage. (überlegt) Vielleicht ist es nicht ein Irrtum, aber was man unbedingt noch mehr betonen sollte, ist die Plastizität unseres Hirns. Wir sollten das Hirn wirklich nutzen. Je mehr wir es brauchen, desto besser funktioniert es.

Sie beschäftigen Ihr Hirn schon seit Jahrzehnten mit der komplexen Materie des Hirns. Was verstehen Sie auch nach all den Jahren als Chirurg noch nicht?

Das Hirn hat mehr Verbindungen als die Milch-
strasse Sterne. Es ist unglaublich. Unser Unwissen über das Hirn ist viel grösser als unser Wissen. Darum: Das ganze Funktionieren des Gehirns ist mir ein Rätsel.

Je mehr man herausfindet, desto grösser werden die Erwartungen an die Hirnforschung. Blinde sollen wieder sehen; Gelähmte wieder gehen. Konkret: Welche Krankheiten wird die Neurochirurgie in fünfzig Jahren heilen können?

Ich glaube, dass es möglich sein wird, neues Hirngewebe nachwachsen zu lassen. Heute können wir leider nur Leiden verhindern oder Tumore rausschneiden.

Nicht nur Ihre Patienten, auch Sie haben ein Leben. Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Ach, die zählt man nicht. So 12 bis 14 Stunden pro Tag, und am Wochenende arbeiten wir ja auch. Das können Sie dann aufrechnen.

Wo finden Sie einen Ausgleich?

Ich habe nicht viel Freizeit, dafür muss sie umso besser sein. Manchmal treibe ich Sport, manchmal verbringe ich Zeit mit der Familie, manchmal bereite ich mich aber auch auf die nächste Woche vor, weil eine schwierige Operation ansteht. Das macht Spass. Und – das hört sich jetzt ganz naiv an – ich empfinde die Arbeit nicht als Last. Ich habe jeden Tag Freude, ans Universitätsspital zu kommen.

Was kommt zu kurz?

Nichts. Viele Leute denken, das sind Monomanen, diese Chirurgen, die lieben es, so viel zu arbeiten. Aber das ist es nicht. Ich liebe es nicht, so viel zu arbeiten, ich liebe einfach, was ich tue. Auf der anderen Seite, wenn ich mal in den Ferien bin, bin ich schon froh, mich nicht mit Chirurgie beschäftigen zu müssen.

Seit 2012 leitet Prof. Dr. Luca Regli (geb. 1962) die Klinik für Neurochirurgie am UniversitätsSpital Zürich. Zuvor arbeitete er als Leiter der grössten Neurochirurgischen Klinik in den Niederlanden (Utrecht). Sein Medizinstudium absolvierte er an der Universität Lausanne, auf Hirnmedizin spezialisierte er sich später in den USA. Seit 20 Jahren ist er nun in der Neurochirurgie tätig.

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