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    Man spürt den Herzschlag zur Musik im Club: Das Kollektiv Tempofoif in Aktion
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    «Dann machen wir das jetzt.» Das Kollektiv erschafft sich sein eigenes Panama.

Oh, wie schön ist Panama!

in Campus von

Das Kollektiv Tempofoif bringt ein neues Projekt auf die Bühne und hält uns mit «Panama» den Spiegel vor. Die ZS war exklusiv an einer Hauptprobe mit dabei.

Bananenschachteln werden aufeinandergestapelt, verschoben, zu Stühlen geformt und wieder auseinander genommen. Beim Durchwandern des Raumes wird die Richtung unzählige Male geändert, momentane Geistesblitze bestimmen das Ziel, das nie wirklich erreicht wird. Rastlosigkeit, Ratlosigkeit, Unruhe und Ungewissheit breiten sich im Raum aus. Die schwarz gekleideten Gestalten scheinen verloren zu sein und wirken dabei beklemmend vertraut. Wir finden uns den Millennials gegenüber, der Generation, die zwischen 1980 und 2000 geboren ist, dem Abbild unser selbst. Genau das will nämlich das Kollektiv Tempofoif, dass ab April das Theaterstück «Panama» auf die Bühne bringt: Uns den Spiegel vorhalten.

Eigentlich geht es uns ja gut – oder?

Szenenwechsel. Man spürt den Herzschlag zur Musik im Club. Alkohol, Drogen, Sex. Wortfetzen fliegen uns wie die Informationsflut von Reklamen entgegen, wollen uns beeinflussen. Wir sind, was wir auf den Lifestyle-Blogs lesen, alle sind Experten und Expertinnen in Gesundheitsfragen – „Zitronesaft zum Zmorge isch de Shit“. Wir tragen Jacken aus Hanf, essen Chia-Samen-Müsli, absolvieren unseren Master in Eurythmie und fliegen übers Wochenende nach Istanbul. Jeder und jede ist ein bisschen hip, ein bisschen retro, man will sich umweltbewusst, politisch interessiert, technisch versiert wissen und verkennt die stille Ironie dahinter. Wir warten ständig auf etwas Besseres und schwelgen im Übermass. Daraus resultieren Entscheidungsschwierigkeiten und Orientierungslosigkeit. Der Drang nach Selbstinszenierung und das manische Verfolgen der Leben anderer gehen mit Selbstzweifel, Unsicherheit und Angst einher.
Mit ihren farbigen Socken versuchen die Figuren in der Inszenierung zwanghaft individuell zu sein, die schwarze Uniform aufzubrechen, sich damit herauszuheben und verlieren sich damit doch nur wieder in der Masse. Ganz nebenbei vergessen wir das Weltgeschehen, das grosse Ganze. Solange es uns nur selbst gut geht.

Aber irgendwann ist genug. Es müssen Positionen bezogen werden, eine Alternative zu dieser Wirklichkeit muss her. Gerechtigkeit, Gleichheit, Menschenrechte, Bildung und Nachhaltigkeit dürfen nicht zu kurz kommen. «Weniger Resignation, weniger Distanz und Durchschnitt» fordert das Kollektiv Tempofoif. «In Panama gibt’s Haustierschweinchen», «in Panama gibt’s farbige Strände», «in Panama, dort ist es fair und gerecht». Vorstellungen, wie Panama sein soll oder wie es nicht sein soll gibt es zahlreiche, nur an der geeigneten Umsetzung mangelt es noch. Aber «dann machen wir das jetzt», meint die Gruppe in der Inszenierung.

Das Land der Träume

In Panama ist alles grösser, schöner und besser als Zuhause. Das denken zumindest der kleine Tiger und der kleine Bär in der illustrierten Kindergeschichte von Janosch, als sie eine leere Holzkiste mit der Aufschrift «Panama» aus dem Fluss fischen. Der Fantasie freien Lauf lassend, malen sie sich Panama als das Land der Träume aus. Panama liegt in weiter Ferne, aber als die beiden endlich dahin gelangen, stellen sie fest: Sie sind um die ganze Welt gewandert, um zu finden, was sie zuhause längst hatten.

Aber ist es zuhause wirklich am schönsten? Gibt es so ein Panama? Oder ist Panama doch nur eine Utopie? Das Kollektiv Tempofoif liess sich an der Janosch-Parabel inspirieren und sinniert dabei über Wege und Methoden wie das Glück zu finden sein könnte.

Vordenker

Das Projekt wurde vom Regisseurinnen-Duo Laura Leupi und Hélène Hüsler, zwei Studentinnen an der Universität Zürich, initiiert. Schlussendlich ist der Handlungsstrang aber durch Improtheater unter Mitwirkung der Schauspieler und Schauspielerinnen entstanden. Teile der Dialoge sind sogar an der Aufführung noch spontan, zumal auch die Zuschauer einbezogen werden. So bleibt das Stück authentisch, aktuell, nahe am Geschehen. Dabei ist nur die Essenz von Janoschs Geschichte übrig geblieben, die Suche nach einem schöneren Ort, die Suche nach dem Glück. So ganz einverstanden mit der Moral der Geschichte ist die Gruppe nämlich eben gerade nicht, wie Laura Leupi sagt. Soll denn einfach alles so bleiben wie es war?

Das Kollektiv Tempofoif ist jung, kreativ und engagiert. Dass sie sich erst Ende 2017 als Gruppe gefunden haben, merkt man ihnen nicht an. An der Probe tanzen die sieben Schauspieler durch den Raum, sprühen vor Energie, der Zusammenhalt ist nicht gespielt. Zwei Wochen vor der Aufführung gibt es nur noch wenige Regieanweisungen, das Stück steht. Das Theater ist auch Teil eines Vernetzungsprojekts des «Laien Lab» am «Miller’s», das den Laientheatergruppen eine Plattform ermöglichen will. Das «Laien Lab» bezeichnet sich als Labor, das zum Experimentieren einlädt und dazu ermutigt, Neues zu wagen. So ist auch Panama ein Denkraum, eine Möglichkeit Ideen für eine bessere Welt einzubringen, zu erforschen und zu erproben.

Wer das Glück mit dem Kollektiv Tempofoif ergründen will, finde sich am 5., 6. oder 7. April im Keller 62 ein. Unbedingt hingehen!

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