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«Ohne physische Erfahrung geht etwas Grundlegendes verloren»

von

Studierende und Dozierende standen in letzter Zeit vor grundlegenden Veränderungen. Hier erzählen sie aus ihrem neuen Alltag.

 

Simona Santamaria studiert Maschineningenieurwissenschaften im Master an der ETH Zürich.

«Da ich gerade an meiner Masterarbeit bin, musste ich mir schon vor dem Lockdown Arbeit selbstständig einteilen und Strukturen schaffen. Für mich ist Abwechslung zentral, deshalb habe ich im normalen Alltag immer zwischen verschiedensten Bibliotheken und Arbeitsorten rotiert, um dem Alltagstrott zu entfliehen und mich von der neuen Umgebung inspirieren zu lassen. In der jetzigen Situation ist das etwas schwieriger. Ich wohne aber in einer Gross-WG und kann deshalb nach Lust und Laune in verschiedensten Zimmern von Mitbewohner*innen arbeiten. Wenn das nicht mehr weiterhilft, beginne ich kleine alltägliche Dinge mit Neuem auszutauschen: Eine neue Teesorte oder ein Kleidungsstück einer Mitbewohnerin auszuleihen bringt frischen Wind.»

 

Oriana Fröhlich studiert Jus im Bachelor an der Uni Zürich.

«Nicht mehr in Bibliotheken lernen zu können, ist für mich die grösste Veränderung. Ich brauche diese Lernatmosphäre, speziell wenn ich viel Stoff aufnehmen muss. Ein starker Einschnitt ist ausserdem, dass alle unsere Prüfungen auf Ende August verschoben wurden. Das Prüfungsformat ist schwierig online durchzuführen, da ein grosser Teil aus dem Abrufen von auswendig Gelerntem besteht. Somit wäre eine Open- Book-Prüfung für die Beantwortung von juristischen Sachverhalten wohl ungeeignet. Viele Studierende mussten deshalb Praktika absagen, da wir jetzt den ganzen Sommer lernen müssen.»

 

Alex Popert doktoriert in Physik an der ETH Zürich.

«Kurz vor dem Lockdown begannen meine Messungen nach langer Zeit endlich zu funktionieren. Dabei geht es um atomar dünne Schichten von Materialien, die ich mit einem Laser anregen kann. Wegen Corona musste ich diese Messungen abbrechen. Ich weiss, dass eine andere Forschungsgruppe ähnliche Messungen gemacht hat. Im besten Fall haben wir beide spannende Messergebnisse, welche sich ergänzen, und wir publizieren sie gleichzeitig. Im schlechtesten Fall aber merke ich in der Analyse, dass meine Ergebnisse nicht aussagekräftig genug sind, und ich weitere Messungen brauche. Wenn jetzt die andere Forschungsgruppe schneller ist, dann könnte viel von meiner Arbeit verloren sein.»

 

Dorota Sajewska ist Dozentin am Slavischen Seminar der Uni Zürich.

«Kein Online-Tool kann die Entwicklung von Gedanken im Präsenzseminar ersetzen, denn diese entstehen in einem energiegeladenen zwischenmenschlichen Dialog. Nun ist es mehr ein Austausch von Meinungen und Informationen. Auch die zwischenmenschliche Kommunikation zu Hause hat sich verändert: Als Mutter verbinde ich dort «Homeoffice» mit «Homeschooling». Das heisst, ich muss nun viel mehr unterrichten als vorher und neue Unterrichtsmethoden entwickeln. Aber ich erhalte dafür auch die Möglichkeit, Neues zu erfahren. Von meinem Sohn lerne ich nun beispielsweise das Skateboarden. Das hilft, die Corona-Krise gemeinsam durchzustehen.»

 

Mischa Gallati ist Dozent am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft an der Uni Zürich.

«Ich musste meinen gesamten Kursinhalt neu denken. Ursprünglich analysierten wir Kulturorte, diese Alltagsforschung ist nun unmöglich. Deshalb widmen wir uns nun unserem eigenen Alltag in Zeiten von Corona. Dabei sollen Studierende Veränderungen nachgehen und dokumentieren. Das kann beispielsweise die Aufnahme der Veränderung des Strassenlärms sein, den man vom eigenen Balkon hört. Somit können auch durch andere Medien neue Wege des Erforschens verwendet werden. Erfahrung ist aber immer auch physisch und unmittelbar. Fällt das weg, geht etwas Grundlegendes verloren.»

 

Lola Crosina studiert Trends & Identity im Bachelor an der ZHdK.

«Vor dem Lockdown habe ich an der Garderobe eines Restaurants gearbeitet. Diese Einnahmequelle fällt nun weg, denn ich hatte Pech: Ich war nur als Aushilfe angestellt, somit steht mir keine Kurzarbeit-Vergütung zu. Ein weiterer Einschnitt sind die fehlenden Werkstätten, in denen wir an der ZHdK arbeiten konnten. Mein Zimmer ist deshalb nun zeitgleich Atelier geworden und sieht auch so aus. Normalerweise ist dort mein Ruhepol, während mein Arbeitsort sehr chaotisch ist – Farben, Kleider und Stoffe liegen rum und sind bereit, um bearbeitet und benutzt zu werden –, nun ist beides am selben Ort vereint.»

 

Hanna Kokko ist Dozentin am Department für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften an der Uni Zürich.

«Ich mache mir um die jungen Akademiker*innen Sorgen, die womöglich für längere Zeit die Möglichkeit verpassen, an Konferenzen Kontakte zu knüpfen. Denn das kann für die Weiterentwicklung von Arbeit und Forschung ausschlaggebend sein. Natürlich hat das Reisen an Konferenzen auch seine Nachteile, wie beispielsweise CO2-Emissionen. In dieser Hinsicht kann die derzeitige Situation auch eine positive Entwicklung anstossen und dazu führen, dass Prozesse optimiert werden. In Zukunft könnten wir mit neuen Herangehensweisen vielleicht die intellektuellen Vorteile von Konferenzen kriegen, dabei aber weniger Schaden verursachen.»

 

 

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