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    24.12.1980: Die Polizei setzt vor dem damaligen Jugendzentrum beim Carparkplatz Tränengas ein.
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    21.03.1981: In Vollmontur ging die Polizei gegen die Demonstrant*innen auf der Limmatstrasse vor.
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    06.09.1980: Demonstrant*innen setzen eine Barrikade beim Rathaus in der Innenstadt in Brand.

(Bilder: Schweizerisches Sozialarchiv).

Opernhauskrawalle: Im Mai vor 40 Jahren brannte Zürich

von

Ende Mai 1980 demonstrierten Hunderte junge Menschen gegen die Kulturpolitik der Stadt Zürich. Die Opernhauskrawalle waren der Auftakt zu einer neuen Stadt.

Als am späten Freitagabend des 30. Mai 1980 ein paar Gruppen das Bob-Marley-Konzert im Hallenstadion verliessen, wussten sie noch nicht, dass sie später in die Geschichte eingehen würden. Sie brachen in Richtung Opernhaus auf, bei dem eine Demo gegen die Kulturpolitik der Stadt Zürich angekündigt war. Die Stadtregierung hatte im Vorfeld einen Kredit von 60 Millionen Franken für die Sanierung des Opernhauses zur Abstimmung freigegeben, aber für die Alternativkultur hatte sie keinen Rappen übrig – für die Jugend eine Provokation. Die jungen Konzertgänger*innen verbündeten sich mit den Demonstrierenden, der Protest eskalierte: Sie warfen Pflastersteine und Bretter auf die hochgerüstete Polizei, die wiederum mit Gummischrot und Tränengas antwortete. Die anschliessenden Strassenschlachten dauerten bis in die Morgenstunden. Die Opernhauskrawalle markierten den Auftakt zum «heissen» Sommer von 1980.

Stadtflucht und Alternativen

Das Zürich der Siebziger- und Achtzigerjahren unterschied sich deutlich von der Stadt, die wir heute kennen. «Damals gab es nur wenige Begegnungsorte und Bars, die bis 2 Uhr morgens offen waren, und selbst das nur in Ausnahmefällen», sagt René Baumann, der selbst an der Demo teilgenommen hat. Die Stadt kämpfte mit sinkenden Einwohnerzahlen, Gutverdienende zogen vom grauen Beton in die Agglomeration. In diesem Setting formulierte sich der Wunsch der jungen Generation nach kulturellen Freiräumen – ein Wunsch, der von der konservativen politischen Elite der Stadt Zürich nicht gehört wurde. «Wir protestierten gegen die ungerechte Verteilung der kulturellen Subventionen der Stadt Zürich. Die bürgerliche Kultur hat so viel Geld gekriegt, aber die Jungen dürfen nicht einmal ein Jugendhaus haben», so Baumann.

«Das Opernhaus hat Geld gekriegt, aber für die Jungen gab es nichts» – René Baumann, Macher von «Züri brännt»

Widerstand gegen die vorherrschenden Zustände gab es bereits Ende der Siebzigerjahre. «Alternative Bewegungen und Lebensweisen haben sich schon damals abgezeichnet», erklärt Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Uni Zürich. «Aber das Fass zum Überlaufen gebracht hat die Frage nach den kulturellen Freiräumen.» Denn das Gastgewerbe war durchreguliert, Oper und Theater wurden subventioniert, aber einen Ort, wo sich die Jungen treffen konnten, gab es nicht, so Dommann. «Schlussendlich ging es um Anerkennung, um staatliche Finanzierung und Legitimierung der Jugendkultur.»

Politik verbietet Film

Also entlud sich der Verdruss der Jugendlichen über die Tatenlosigkeit der Regierung am 30. Mai vor dem Opernhaus. Doch es blieb nicht bei dieser einen Strassenschlacht, denn die Bewegung hatte erst richtig Fahrt aufgenommen. Am 4. Juni kam es zu einer Vollversammlung der Jungen im Volkshaus, an der Stadtpräsident Sigmund Widmer und Stadträtin Emilie Lieberherr teilnahmen. Der Stadtrat zeigte sich zwar für die Forderung eines Jugendzentrums gesprächsbereit, verlangte von den Versammelten aber, dass sie eine Delegation für die Gespräche bildeten. Doch die Bewegung beharrte darauf, direkte Verhandlungen mit dem Stadtrat zu führen. Im Volkshaus wurden ausserdem erstmals Filmaufnahmen von der Krawallnacht gezeigt, die Studis des Ethnologischen Seminars im Rahmen eines Uni-Projekts gedreht hatten. Aus diesen und weiteren Aufnahmen entstand ein Jahr später der Film «Züri brännt».

Nur zwei Tage nach der Vollversammlung wurden die gezeigten Filmaufnahmen durch den Erziehungsdirektor Alfred Gilgen verboten. Grund: Mit öffentlichen Mitteln sollten keine Krawalle angeheizt werden. Dieser Entscheid hatte eine grosse Signalwirkung, auch für Studis: «Vorher spielten Studierende keine zentrale Rolle in der Bewegung. Aber mit dem Verbot von Gilgen wurde das Ganze an die Uni getragen», erinnert sich Baumann, der damals Soziologie studierte.

Studis spielten keine tragende Rolle

Tatsächlich entbrannten im Juni 1980 hitzige Diskussionen an der Universität. Das zeigt sich auch an der Berichterstattung der ZS, die zu dieser Zeit «Zürcher Student» hiess. Vor den Opernhauskrawallen hielt sich die Zeitung noch zurück, danach schlug sie sich auf die Seite der Bewegung – und mit dem Verbot von Gilgen wurde ihre Sprache härter. So publizierte die ZS einen Artikel mit dem Titel «9 Minuten», in dem sie enthusiastisch über eine Demo mit 2’000 Teilnehmer*innen im Lichthof berichtete: Dort wurden die verbotenen Aufnahmen (die neun Minuten dauerten) gezeigt und danach auf dem Central protestiert. Die ZS schrieb vom «Ethno-Skandal», von «ungebrochener Solidarität» und bezeichnete Gilgen als «heissen Machtliebhaber».

Ein paar Tage nach den Opernhauskrawalle: Protest in der Uni Zürich.
09.06.1980: Studierende protestieren im Lichthof der Uni Zürich. Auf dem Transparent steht: «Für Gilgen und Sigi (Sigmund Widmer) ein autonomes Alterszentrum».

Aber wie Baumann schon sagte: Studierende waren nicht die tragende Kraft in der Jugendbewegung – trotz den Protesten an der Uni und den Filmaufnahmen des Ethnologischen Seminars. Das hat einen einfachen Grund: «Die Bewegung in den Achtzigerjahren war nicht so akademisch geprägt wie die 68er. Sie war viel anarchistischer und gesellschaftlich breiter abgestützt», erklärt Dommann. Zudem sei die Bewegung «wissenschaftskritisch» gewesen: «Jegliche Autorität wurde abgelehnt. Auch die Wissenschaft wurde als Herrschaftsinstrument empfunden.»

«Eine Gegenöffentlichkeit erschaffen»

Charakteristisch für die Bewegung war aber etwas anderes: Der Gebrauch von neuen Medienformaten, namentlich des Videos. «Die Jungen wollten mit anderen Informationen an die Öffentlichkeit», sagt Dommann. «Sie wollten die Dinge aus ihrer Sicht zeigen und damit eine Gegenöffentlichkeit erschaffen.» Denn die Medien, also Zeitungen wie die NZZ und der «Tages-Anzeiger» oder das Schweizer Fernsehen, berichteten alles andere als wohlwollend über die Jugend. Baumann sagt: «Wir Jungen hatten das Gefühl, dass unsere Positionen im Fernsehen nicht vertreten wurden. Darum erschufen wir eigene Aufnahmen und liessen unsere Leute zu Wort kommen.»

Die wichtigste Form der Gegenöffentlichkeit, die die Bewegung hervorgebracht hatte, war der 100-minütige Film «Züri brännt», der später Kultstatus erlangte. Baumann hat ihn mit seinen Freund*innen vom «Videoladen» mitproduziert und sagt: «Nach der Veröffentlichung 1981 wurde der Film kopiert und in anderen Städten gezeigt, sogar in Berlin und Paris.» Der Kultstreifen hat nichts an seiner aufklärerischen Attraktivität verloren: Noch heute wird «Züri brännt» in Zürcher Kantonsschulen gezeigt.

Für die Bewegung kam das geforderte Jugendzentrum dann doch noch. Allerdings wurde es im März 1982 nach Zwischenfällen und Polizeiräumungen vollständig abgebrochen. Doch obwohl der 60-Millionen-Kredit für das Opernhaus angenommen wurde, waren die Proteste nicht für die Katz: Die Stadt erhöhte das Budget für Alternativkultur und das Gastgewerbe wurde liberalisiert. Auch eine der zentralsten Forderungen der Jugend, die Umwandlung der Roten Fabrik in ein Kulturzentrum, wurde eingelöst. Die Opernhauskrawalle und die Bewegung haben Zürich geprägt und verändert – und zu der Stadt gemacht, die wir heute kennen.

 

1 Comment

  1. Ich verstehe leider den Satz nicht: «Das Opernhaus hat Geld gekriegt, aber für die Jungen gab es nichts.» Gerade aus Opern können junge Leute viel lernen – sowohl menschlich als auch musikalisch. Ich glaube auch nicht, dass die Jugendlichen damals einhellig auf der Seite der Krawallanten waren. Das „aber“ ist mir also suspekt.

    Heute wir gerade umgekehrt auf den Redaktionen der im Text genannten Medien wie NZZ und Tagesanzeiger kulturell auf der antiintellektuellen Schiene geritten, dass die Jungen die Unterhaltungsindustrie konsumieren müssten und für die sogenannte Hochkultur nicht aufnahmefähig seien. Diese Herabsetzung der intellektuellen und emotionalen Kapazitäten war damals offenbar ein linkes Anliegen, heute ist es die Domäne der Neoliberalen, die uns für dumm verkaufen wollen – mithin aus dem Grund, das alles, was Subventionen beansprucht, des Teufels sei. Darum werden die Feuilletons ja politisiert und der künstlerischen Inhalte beraubt.

    Wer über diesen Links-Rechts-Kämpfe den Durchblick nicht verliert, wird schnell merken, welche Kultur einem auch inhaltlich etwas zu bieten hat und nicht einfach der Zerstreuung und Ablenkung vom Wesentlichen dient.

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