Eva Maria Leuenberger (Bild: Anja Fonseka).

Poetische Verwesungen

von

Buch — Dekarnation ist ein Vorgang, bei dem einem Körper Fleisch und Organe – auf welche Art auch immer – entfernt werden, um die Knochen freizulegen. So können die Gebeine für das Bestattungsritual verfügbar gemacht werden. Man durchdringt die Schichten des Körpers, öffnet ihn, vielleicht um Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen.

Unter das Zeichen solcher uralten Drastik hat die 28-jährige Berner Lyrikerin Eva Maria Leuenberger ihren ersten Lyrikband gestellt. Er ist in vier Zyklen angeordnet mit den Titeln «tal», «moor», «schlucht» und schliesslich wiederum «tal». Nebel, Vogel, Rinde, Wasser: Immer wieder kehrt Leuenberger, eine Abgängerin des Literaturinstituts in Biel, zu ihren Motiven zurück und vermittelt dadurch einen Eindruck enormer Konzentration und sorgfältigst ausgearbeiteter Entwicklung. Die Natur, wie sie Leuenberger beschreibt, ist voller Übergänge, Berührungen, Verwandlungen, ist voller Intimität, aber auch Gewalt. Moos federt, Haut reisst, Flüsse zermalmen Felsen. Dabei wird die Veränderlichkeit und Dynamik der Natur  zum Spiegel menschlicher Körperlichkeit: «die birken reißen auf an der haut / das schwarze fleisch ist trocken / wie immer, und wie immer / erwarte ich blut / du bist nur rinde, denke ich / und berühre meinen arm».

Angesprochen wird dabei auch der Skandal des verletzlichen und sterblichen Leibs: «vielleicht hält der körper nur blut / ohne horizont».Können wir wissen, ob der aufgerissene Mund der Moorleiche Elling schreit oder singt? Aus solchen Unschärfen und Unentscheidbarkeiten ergeben sich bestechende Momente eines besonnen sinnlichen Entsetzens.

So elementar das Bildmaterial, so vielgestaltig ist die Gestaltung der Gedichte. Die formale Reichweite von Leuenbergers Lyrik umfasst prägnante Hauptsätze ebenso wie verschachtelte, visuell um Euripides- oder Emily-Dickinson-Zitate kreisende Kompositionen. Mit solcher Klarheit und Unbeirrbarkeit, mit solch sicherem Zugriff auf  Sprache ist das alles verfasst, dass es fast schon verrückt scheint, dass dieser Band Leuenbergers erste Veröffentlichung in Buchform sein soll.

Eva Maria Leuenberger: «dekarnation». Droschl, erschienen am 23. August.

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