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Praktikum statt Theorie

in Leistungsdruck/Thema von

In vielen Studienrichtungen verbessert ein Praktikum die Berufsaussichten. Das ist bei der Uni noch nicht angekommen.

Martha* möchte Journalistin werden. Da sie sich aber auch für PR und Werbung interessiert, beginnt sie ihr Studium in Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich. Anfänglich ist sie begeistert. Ihre Kurse sind spannend, die Themen interessieren sie sehr, und auch mit ihren Dozierenden und Mitstudierenden ist sie zufrieden. Je mehr sich aber die absolvierten Semester hinter Martha türmen, desto stärker drängt sich ihr die Frage auf: «Wann lerne ich endlich etwas Nützliches?»

Ein Problem der Philosophischen Fakultät

Ob die Uni ihre Studierenden auf den späteren Arbeitsalltag vorzubereiten hat, ist debattierbar. Allerdings scheint sich dieses Dilemma ausschliesslich auf die Philosophische Fakultät zu beschränken. Wer sich für ein Medizinstudium entscheidet, weiss, dass mit genügend Durchhaltevermögen und Fleiss am anderen Ende das Medizindiplom wartet. Ähnlich verhält es sich mit Natur- und Rechtswissenschaften. Elena*, die Ethnologie studiert, sagt allerdings prägnant: «Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Abschluss nach der Uni eigentlich machen kann.» Dieses Gefühl hat auch Martha. Nur weil sie Publizistik studiert hat, heisst das noch lange nicht, dass sie nach ihrem Masterabschluss eine Publizistin ist. Eigentlich paradox.

Die Ethnologie und die Publizistik sind aber nur zwei Beispiele in einer Reihe von Fächern der Philosophischen Fakultät, die hauptsächlich darauf angelegt scheinen, wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden. Diese Tatsache geht allerdings grundsätzlich gegen den einstmaligen Gedanken von Bologna. Bereits in dessen Anfangsstadium war deutlich, dass die Aufteilung des Studiums in einen Bachelor- und einen Masterabschluss dazu dienen soll, arbeitsfähige und -willige Junge rasch und effizient auszubilden und auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Es sollte jedem frei stehen, nach rund sechs Semestern einen Abschluss in der Hand zu haben, der einen auf die ausgesuchte Laufbahn vorbereitet und den Weg in die «reale Welt» ebnet. In der Schweiz scheint diese Nachricht aber noch nicht angekommen zu sein. Wer «nur» einen Bachelorabschluss hat, kennt die Frage «Wann machst du dein Studium fertig?» allzu gut.

Praxiserfahrung zählt

Aber auch wer sich fünf Jahre lang für einen Masterabschluss abrackert, nur Bestnoten erzielt und am Ende noch immer die verschiedenen Stufen der Lasswell-Formel auswendig kennt, wird es in der Arbeitswelt schwer haben. Denn dort wird nach Praxiserfahrung und Vorwissen gefragt. Auf einmal nützen Martha die verschiedenen soziologischen Theorien nichts mehr. Erfolgreich ist sie nur, wenn es ihr irgendwie gelungen ist, während des Studium bereits Praktika oder Teilzeitjobs in ihrer Branche zu durchlaufen. Nach ihren Abschlussnoten wird im Vorstellungsgespräch nicht gefragt. Und dennoch setzt die Universität noch immer stärker auf methodisches Arbeiten als auf tatsächliche Praxiserfahrung.

Einige Studiengänge haben es bereits verstanden. So ist es beispielsweise im Psychologie-Master obligatorisch, ein Praktikum von mindestens 12 Wochen zu absolvieren. Allzu viele andere Studiengänge hinken diesen Entwicklungen aber noch immer hinterher. Ein Praktikum ist nicht im Regelstundenplan vorgesehen. Engagierte Studierende müssen im schlimmsten Fall sogar ein Semester an der Universität aussetzen, um diese Erfahrung machen zu können.

Das ist weniger ein Plädoyer gegen das Unterrichten von Methodik als ein Denkanstoss. Der Fokus gewisser Studienrichtungen könnte überdacht werden, damit die Flut von sozialwissenschaftlich ausgebildeten Studierenden, die jährlich die Universität nach ihrem Abschluss verlässt, weniger verloren dasteht, wenn sie realisiert, dass sich die letzten Jahre als zwar geistig bereichernd, aber bitter nutzlos erweisen. In der heutigen Zeit sollten obligatorische Praktika bereits die Regel und nicht die Ausnahme sein. Denn zuletzt stellt sich die Frage, weshalb ein universitärer Abschluss für Personen, die ihre Zukunft nicht in der Wissenschaft sehen, überhaupt noch erstrebenswert ist und ob der universitäre Titel tatsächlich nur noch das ist, was er schon längst zu sein scheint: ein veraltetes Prestigesymbol. Wir wollen ja nicht, dass Leute aufgrund ihres Universitätsabschlusses keine Anstellung finden. ◊

*Namen von der Redaktion geändert.

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