So ruhig geht es an einem Reading Rave zu und her (Bild: Yves Périllard).

Rave ohne Drogen

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Silent Reading Raves sind moderne Versionen von Buchclubs – sie wollen Lesen wieder populärer machen.

Sich draussen oder in einem Café zu treffen und in dieser Umgebung still für sich zu lesen, ist in den USA schon länger zu einer Veranstaltung mit grosser Anhängerschaft avanciert. Die Idee hat nun ein Zürcher übernommen. Fabian Weingartner organisiert seit diesem Sommer im Monatstakt kleine Leserunden. Jede*r ist dazu eingeladen, mitzulesen. Nutzte er den Stadtsommer noch dafür, die Silent Reading Raves in Parks durchzuführen, muss er nun – da die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken – auf andere Standorte umsatteln. Fündig wurde er im Seebähnli in Wiedikon, das seinen Veranstaltungsraum zur Verfügung stellt. «Gratis», wie Fabian bekräftigt, dem Café habe er einzig den Konsum der Besuchenden versprochen.

Mehr als ein Buchclub

Reading Raves funktionieren nicht wie klassische Buchclubs. Es wird vielmehr Wert auf individuelles Lesen gelegt. Die Teilnehmenden bringen ein Buch oder eine Zeitung ihrer Wahl mit und lesen still für sich. Es herrscht eine angenehme Ruhe, während die Anwesenden die Nasen in ihre Bücher stecken oder Neuankömmlinge mit einem Lächeln begrüssen. So hat der Reading Rave etwas Meditativ-Erholsames. Als Fabian das Ende des Raves verkündet, muss man sich, leicht träge von der beruhigenden Stille, erst wieder an den anbrechenden Lärm gewöhnen. Anschliessend setzen sich einige der Gäste zusammen und kommen bei einem Bier ins Gespräch.

Bücher gegen Netflix

Mit der Organisation der Silent Reading Raves hat Fabian begonnen, nachdem er von denjenigen in den USA erfahren hat. Obwohl er ein leidenschaftlicher Leser sei, habe der ehemalige Englischstudent, wie so viele andere, während des Studiums die Zeit und vor allem auch den Spass am Lesen verloren. Eine Entwicklung, die er bei vielen Bekannten beobachtet habe. Wenn Fabian von dieser allgemeinen Lesemüdigkeit spricht, verweist er auch auf Netflix und andere Streamingdienste. Ebendiese laufen dem Lesen als altem Hut der Unterhaltungsindustrie den Rang ab. «Wenn du abends zuhause im Bett liegst und Serien streamen kannst, machst du das auch.» Mit den Reading Raves will er einen stärkeren Anreiz zum Lesen setzen. Seine Vermutung: Sich im Terminkalender zwei Stunden zu reservieren, erlaubt es Menschen, die ansonsten keine Zeit haben oder ob der überbordenden Unterhaltungsmöglichkeiten zu abgelenkt sind, wieder einmal in einem Buch voranzukommen. Auch wenn dabei eine gewisse Spontaneität verloren geht.

Noch Wachstumspotential

Wie die meisten Besuchenden schätzt Fabian die intimere Atmosphäre des Cafés im Vergleich zu den ersten Ausgaben im Freien. Aber die Suche nach geeigneten Veranstaltungsorten sei nicht ganz einfach. Geplant ist in Zukunft auch Extravaganteres, zum Beispiel ein Reading Rave in einer Fabrikhalle. Ansonsten ist Fabian zufrieden mit seinen Reading Raves, zu denen er positive Rückmeldungen erhalte. Meistens kämen etwa 10–15 Leute, von denen viele immer dabei seien. Fabian weiss, dass das noch keine immense Zahl ist, und gesteht auch, dass die meisten Besuchenden aus seinem Freundeskreis stammen. «Aber nicht ausschliesslich. Dieses Mal hat sich zum Beispiel spontan eine Frau mit ihrem Kind zu den Lesenden gesetzt.» Und: «Das ganze braucht Zeit, um zu wachsen.» Zu wünschen wäre eine langfristige Etablierung des Formats allemal.

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