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Die Abschaffung der Lateinpflicht: eine kopflose Entscheidung? Bild: Kevin Solioz

Requiescat in pace Latinum

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Die Germanistik hat ihre Lateinpflicht abgeschafft. Darüber sind nicht alle gleich glücklich.

Zum überraschenden Paukenschlag kam es im vergangenen November. Damals wurde ohne Ankündigung beschlossen: Das Lateinobligatorium für Studierende der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft an der Uni Zürich wird aufgehoben (die ZS berichtete online). Mit diesem neuen Beschluss geht die Monopolstellung der UZH verloren, die als schweizweit einzige Universität noch an der Lateinpflicht für Germanistikstudierende festgehalten hatte. Anstatt das Latinum als Qualitätsmerkmal zu behandeln – «Wer an der UZH Germanistik studieren möchte, soll gefälligst Ahnung von Latein haben» – werden die Anforderungen auf das Niveau der übrigen Schweizer Universitäten heruntergeschraubt. Und das wird nicht ohne Folgen bleiben.

Die Forschung leidet

Professor Christian Kiening, Studienprogrammdirektor am Deutschen Seminar und Fachvertreter der älteren deutschen Literaturwissenschaft, erklärt, dass die Kenntnis einer nicht mehr gesprochenen und somit nicht direkt anwendbaren Sprache die Fähigkeiten zum Erwerb von strukturellem Wissen und zur Analyse fördert. Das könne mit naturwissenschaftlichen Fächern verglichen werden. Dort würden etwa grundlegende mathematische Kenntnisse ein Instrument zur Forschung darstellen. Die Abschaffung des Lateinobligatoriums bedeute aber noch weitaus mehr. Die im Lateinunterricht vermittelte Kenntnis der Antike fördere das Verständnis für die antike Welt.

Kann dieses Verständnis nicht mehr mithilfe von Latein gefördert und ausgebildet werden, habe dies einen Schwund von Historizität zur Folge. «In Zukunft werden Nachwuchsforschende dieses Gedankengut immer weniger in ihre Forschung integrieren. Der Aufwand für sie wird schlicht zu gross, sich mit lateinischen Texten zu beschäftigen», so Christian Kiening. Bereits heute werden Literaturepochen, in welchen lateinische Texte eine grössere Rolle spielen, weniger erforscht als andere. So scheint es beinahe unvermeidbar, dass fremdsprachige Texte in Zukunft zunehmend ignoriert werden, was einen enormen Qualitätsverlust für die Forschung bedeutet.

Standortnachteil für Zürich

Nun stellt sich die Frage, wie der Beschluss zur Abschaffung der Lateinpflicht überhaupt zustande kam. Nein, kantonale Sparmassnahmen sind für einmal nichtdie Ursache. Laut Kiening sind auch keine Vorstösse von Studierenden bekannt, die sich mit dem Latein überfordert gefühlt hatten. Im Gegenteil: Die Entscheidungsgewalt lag ausschliesslich beim Deutschen Seminar selbst. Umso fragwürdiger erscheint der Umstand, dass der Grossteil der Institutsversammlung eine Abschaffung des Lateinobligatoriums befürwortet und somit eine Niveauverschlechterung des eigenen Studienfachs begrüsst hat. Es ist anzunehmen, dass der Wettbewerbsnachteil, der mit der Lateinpflicht einhergeht dabei keine Nebenrolle spielt.

Anforderungen senken, um mehr Studierende anzulocken – so lautet die Devise. Das Deutsche Seminar ist nicht das erste Institut in Zürich, welches sich vom Lateinobligatorium verabschiedet. Als Vorbild könnte das Englische Seminar gedient haben. Dieses schaffte die Lateinpflicht bereits im Herbstsemester 2015 ab. Laut Professorin Marianne Hundt, Leiterin des Englischen Seminars, konnte ein Jahr später tatsächlich eine Zunahme der Studierendenzahl verbucht werden. Im Herbstsemester 2016 umfasste das grösste Einführungsmodul 286 Studierende. Das sind ganze 70 Studierende mehr als im Vorjahr, was einer Zunahme von 30 Prozent entspricht. Jedoch seien, so Hundt, neben der Abschaffung des Lateinobligatoriums wohl auch andere Faktoren für diesen markanten Anstieg verantwortlich. Es wird sich in den kommenden Semestern und Jahren zeigen, ob es auch dem Deutschen Seminar gelingt, mehr Erstsemestrige anzulocken.

Keine rosige Zukunft

Die Diskussion um die Notwendigkeit des Latinums wird noch lange nicht beendet sein. Auch am Historischen Seminar wird über eine Abschaffung diskutiert. Im Rahmen dessen wurden die Studierenden dazu aufgefordert, an einer Umfrage teilzunehmen und ihre Einstellung zum Latinum kundzutun. Die Ergebnisse stehen noch aus. Fakt bleibt: Solange die Institute ihre Studierendenzahlen in die Höhe treiben wollen, wird die Zukunft des Lateins an der Uni Zürich wohl alles andere als rosig aussehen. ◊

In Zusammenarbeit mit Nadja Fitz

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