An der Olma versucht ein Besucher sein Glück an einem Schiessstand (Bild: Noemi Ehrat).

Saufen ohne Ende

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An der Olma wird nicht nur auf Säuli gewettet und Bratwurst gegessen. Es wird auch ausgelassen gefeiert.

«D’ W. Nuss vo Bümpliz» ist die Menge bereits aus der Ferne singen zu hören, während man dem Menschenstrom durch die St. Galler Altstadt folgt. Der DJ stoppt kurz die Musik, damit das Partyvolk aus voller Kehle den Refrain brüllen kann. Nein, es ist nicht das Oktoberfest, sondern die Olma. Die Gemeinsamkeiten: Auch hier fliesst Alkohol in Strömen, und die Olmabratwurst ist doch der Weisswurst sehr ähnlich, wenn man das nicht so eng sieht. Was man aber tatsächlich nirgends findet: Senf.

Auf dem Areal tummeln sich Magenbrotconfiserien und Bratwursthersteller. Ihre Düfte vermischen sich und steigen einem in die Nase. Grelle Neonlichter verdrängen die Nacht. Wer sich tagsüber in den Messehallen aufgehalten hat, macht noch einen kurzen Zwischenstopp am Jahrmarkt. Es wird immer enger zwischen den Ständen. Jugendliche stehen für Bahnen an, die in schwindelerregender Höhe ihre Runden drehen. Auch die Boxsackstände sind gut besucht. Die jungen Männer feuern sich gegenseitig an, während sie die Fäuste schwingen und auf den Boxsack eindreschen.

Beisammensein im Vordergrund

Familien werden rarer, je weiter die Nacht voranschreitet. Eine Mutter steht mit ihrem kleinen Sohn vor der Autoscooterbahn. Mit leuchtenden Augen sieht er den kollidierenden farbigen Autos zu; noch ist er zu klein dafür. Wer nach Beweggründen für diesen Jahrmarktbesuch sucht, erhält eine simple Antwort: Spass und das Beisammensein stehen im Vordergrund. Hanna Sabljo, 17, ist mit zwei Freundinnen unterwegs. Allesamt kommen sie aus dem St. Galler Werdenberg. «Ich bin erst zum zweiten Mal hier», erzählt sie. «Es ist ein guter Grund, mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzukommen. Ausserdem kennt man hier viele Leute.» Die anderen beiden nicken zustimmend. «Auf Bahnen gehen wir aber nicht, das ist uns zu teuer», fügt sie lachend hinzu.

Andere Dimensionen an der Olma (Bild: Noemi Ehrat).

Geschichtsträchtige Messe

Im Gegensatz zum Oktoberfest ist die Olma keine Feierlichkeit, sondern eine Messe. Ursprünglich hiess sie Ostschweizer Land- und Milchwirtschaftliche Ausstellung, wurde aber später in Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung umbenannt, doch das Kürzel Olma blieb erhalten. Mittlerweile ist sie die grösste Publikumsmesse der Schweiz.

Tagsüber sind die riesigen Hallen auf dem Messeareal zugänglich. Noch immer werden gemäss alter Tradition Nutztiere vorgeführt und landwirtschaftliche Fahrzeuge verkauft. Die Olma besteht seit 1943 und war früher vor allem für Landwirte gedacht. Heutzutage ist die Olma für die gesamte Bevölkerung attraktiv, denn auch das Angebot ist erweitert worden. Standbetreiber*innen demons-trieren vollautomatische Kaffeemaschinen und die leistungsfähigsten Staubsaugerroboter. In den Degustationshallen hat man bald schon glühend rote Wangen, denn dort werben Wein- und Bierhersteller um die Gunst der Besuchenden. Es werden fleissig Spirituosen ausgeschenkt. Viele nutzen das Angebot, pilgern von Stand zu Stand und verköstigen und betrinken sich mit kostenlosen Produktproben. Nicht selten ist die Degustationshalle bereits mittags berstend voll mit torkelndem, lachendem Publikum.

Familienfreundlichere Hauptattraktionen sind unter anderem das tägliche «Säulirennen» inklusive Wettkasse. In der Arena feuern die Teilnehmenden ihr Säuli an. Wer richtig wettet, erhält ein Geschenk.

Sollten einem die Standverkäufer*innen, die ihre Sachen zur Schau stellen wollen, doch zu viel werden, so ist der Herbstjahrmarkt der nächste Zufluchtsort.

Durchs Getümmel kämpfen

Der Herbstjahrmarkt geht seit Anbeginn eine Symbiose mit der Olma ein, denn die Stadt St. Gallen  wird sonst nie in diesem Masse von Personen aus der umliegenden Region frequentiert. Tagsüber flanieren Familienväter und Mütter mit Kleinkindern durch die Museumsstrasse und die Kleinen erfreuen sich an den Bahnen. Je später es wird, desto mehr Jugendliche, junge Erwachsene und Junggebliebene pilgern in die Festzelte und drängen sich durch die Gassen.

«Es macht Spass, Leute zu beobachten.» – Regula Suter

Es wird zusehends schwieriger, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Ständig rumpeln einen Menschengruppen an. Mittendrin spaziert ein älteres Ehepaar. Regula und Bruno Suter sind sich das Gemenge bereits gewohnt. «Ich bin schon so oft an der Olma gewesen, sicher mehr als zwanzig Mal», erzählt Regula. Sie sind im Zürcher Unterland sesshaft. Auf Nachfrage, was ihnen denn am Jahrmarkt gefällt, meinen sie: «Es macht einfach Spass, herumzuschauen, Leute zu beobachten, und natürlich kann man hier schlemmen. Asiatisch haben wir am liebsten.» Regula fügt noch hinzu: «Bahnen fahre ich aber nicht so gerne. Ausser das Riesenrad.»

Proportional zum Kälterwerden wächst die Nachfrage nach Marroni und warmem, dampfendem Raclette. Hat man eher Gluscht auf Süssspeisen, locken Stände mit gebrannten Mandeln und Magenbrot. Das «Rohner Magenbrot» aus dem St. Galler Rheintal ist besonders bekannt, vor allem, seit der Inhaber vor drei Jahren zum 60. Jubiläum einen selbstproduzierten Song namens «Äs isch Chilbi Ziit» veröffentlicht hat. Der Song zählt mittlerweile bereits über 130’000 Aufrufe auf Youtube.

Vom Schlager zum Techno

Jede*r scheint ihren oder seinen Spass zu haben. Ob der Jahrmarkt den Mitarbeiter*innen hinter den Tresen auch Vergnügen bereitet ? Ruth Fries, 58, sitzt im Kassenhäuschen der Bahn «Oktopus». «Früher arbeitete ich an Schiessbuden und Kinderfliegern. Mit dieser Bahn bin ich jetzt aber zum ersten Mal hier.» Der «Oktopus» macht seinem tierischen Namensvetter alle Ehre. Die tentakligen Arme sind mit Blinklichtern ausgestattet und wirbeln herum. «Wenn schönes Wetter ist, hat es mehr Leute, die sich für die Bahn begeistern können. Es gibt viel zu tun, Spass habe ich aber dennoch.»

Erst wenn die letzten Stände schliessen, beginnt die Party und nimmt gegenüber von der Tonhalle ihren Lauf. Technosound und tiefe Bässe lösen Schlager und Volksmusik ab. Der Lärm- und Alkoholpegel steigt. Was die Partywütigen erfreut, löst bei manchen Anwohnenden Ärger aus. So haben sie jedes Jahr, trotz zur Verfügung stehender Sanitäranlagen, immer wieder Wildpinkler im eigenen Garten und Abfallberge, die sich vor ihren Türen stapeln.

Die Veranstaltung dauert insgesamt zehn Tage. Danach halten schon bald wieder Weihnachtsmärkte Einzug. Anstatt reichlich Bier und Bratwurst heisst es dann aber Glühwein und Raclette. ◊

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