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    Improvisation in vollem Gange. (Bild: Noemi Ehrat)
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    Improvisation in vollem Gange. (Bild: Noemi Ehrat)
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    Improvisation in vollem Gange. (Bild: Noemi Ehrat)

Scheiss auf Meditation – ich mach Improtheater!

in Campus von

von Anna Larcher und Nuria Tinnermann

Das Theaterensemble anunpfirsich aus Zürich bietet für Anfänger  sowie etablierte Schauspielerinnen Improvisationskurse an. Aber kann man Improvisation überhaupt lernen? Ein Selbstversuch soll Antwort verschaffen: Das mutige Eintauchen einer Bühnenlaiin in die Welt des Improvisationstheaters.

Improvisation kennen die meisten Studierenden vor allem aus schlecht organisierten Situationen: Als Mittel zum Zweck, falls der Kühlschrank wiedermal leer ist und trotzdem ein Abendessen her muss oder das Seminarreferat ansteht, der Inhalt aber noch auf sich warten lässt. Ansonsten wird geplant und kalkuliert, um das mulmige Bauchgefühl des Unvorbereitetseins zu vermeiden. Improvisation als Notlösung also. Anders im Improtheater: Ganz gezielt wird das Spontane aus dem hintersten Winkel unseres Selbsts herausgekitzelt. Denn im Alltag unterdrücken wir Impulse zu oft, trauen uns nicht immer frei herauszusagen, was uns durch den Kopf schiesst. Im Improtheaterkurs des anunpfirsisch, den ich an einem Wochenende besuchte, steht das Loslassen von festgefahrenen Angewohnheiten hingegen auf der Tagesordnung.

Raus aus dem Komfort

Meine Schauspielererfahrung beschränkt sich auf eine theaterwütige Primarschullehrerin und einen Tabu-Spielabend, an dem ich für Jesus gehalten wurde, ich aber eigentlich eine Zimmerpflanze pantomimisch darzustellen versuchte. Aufgrund dieser eher negativen Erinnerungen, stehe ich nervös um 10 Uhr morgens vor dem Eingang des Proberaums. Was wird mich erwarten? Lauter ausgeflippte, barfüssige Esoterikerinnen oder Theaterstudenten im schwarzen Rollkragenpulli? Umso mehr beruhigt es mich zu sehen, dass die Teilnehmenden, alle zwischen zwanzig und fünfunddreissig, ganz verschiedene Hintergründe haben und aus allen möglichen Ecken der Schweiz kommen. Übermenschliche Theatermenschen scheinen sie nicht zu sein. Die Gruppe teilt sich auf in alte Theaterhasen und solche, die mit dem Improtheater Neuland betreten. Auf die Frage nach dem Grund für die Anmeldung fallen oft die Worte „aus der Komfortzone heraustreten“.

Impulse und Assoziationen

Das Leiterteam Melanie und Sven, beides Schauspielende und Improvisationstrainerin bzw. -trainer am anunpfirsich, nehmen die Teilnehmenden beim Wort. Schon mit den ersten Aufwärmübungen locken sie aus der passiven Wohlfühlzone: Wir schmeissen uns mithilfe von Handbewegungen Geräusche, Gekicher und Wortkreationen wie «Whiskey-Mixer» zu, die dann in der Hitze des Gefechts zu «Wichsi-Mixi» werden. Dass es gar nicht so einfach ist, Impulsen zu folgen, wird beim darauffolgenden Assoziationsspiel deutlich: Indem man ohne zu überlegen und möglichst schnell mit einem eigenen, neuen Wort, Geräusch oder einer Bewegung auf ein Ausgangswort antwortet, sollen Blockaden gelöst und der ersten intuitiven Reaktion gefolgt werden. Die assoziative Antwort muss dabei nicht witzig oder originell sein, sondern darf durchaus banal und anstössig sein. „Die Genialität liegt nämlich in der Banalität“, verdeutlicht uns Melanie.

Improtheater mit Alltagsbezug

Dies ist aber nicht die einzige Theaterweisheit, die Sven und Melanie predigen. Ziel sei es, die Schönheit der Fehler zu entdecken, dem Reflex des sich Kleinmachens und des Zusammenzuckens bei Fehlern jeglicher Art entgegenzuwirken. Sie raten uns stattdessen, im Falle eines Versprechers oder einer Blockade die Arme in die Luft zu schmeissen und das Missgeschick in vollem Ausmass zu zelebrieren. Ausserdem ist ein «Nein» im Improtheater unerwünscht, denn das Gegenüber werde damit vor den Kopf gestossen und die Zusammenarbeit zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern beeinträchtigt. An Stelle von Ablehnung beauftragen uns Melanie und Sven, auf sämtliche Fragen mit „ja genau und“ zu antworten. Uns Teilnehmern und Teilnehmerinnen wird langsam bewusst, dass es sich hierbei aber nicht nur um Theaterweisheiten handelt, sondern dass wir diese Ratschläge auch auf alltägliche Situationen anwenden können.

Weniger Kontrolle, mehr Hier und Jetzt

Auffällig ist auch, dass es uns Teilnehmenden anfangs schwerfällt, die Kontrolle über eine Szene oder Situation abzugeben. Am Ende des Wochenendes ist das Bedürfnis zu kontrollieren zwar noch nicht erlischt, uns aber bewusst und dadurch relativiert. In der Rückmeldungsrunde fasst eine Teilnehmerin prägnant zusammen: „Scheiss auf Meditation – ich mache einfach Improtheater!“ Damit spricht sie aus, was alle denken: Während der Zeit im Proberaum rücken jegliche Verpflichtungen wie Steuerklärung, Umzugstermine und anstehende Vorträge in den Hintergrund. Es gibt nur noch das Hier und Jetzt. Also ja: Improvisationstheater ist lernbar!

Maestro-Workshop für Ambitionierte

Noch als Tipp: Für alle Theaterbegeisterten, die den Sprung ins kalte Wasser wagen wollen, bietet das anunpfirsich neben den kostenpflichten Kursen auch den gratis Maestro-Workshop an. Wie der Name aber schon verrät, nehmen dort wirklich nur Maestros teil, sodass man damit rechnen muss, während den Improübungen auf ein gehemmtes „äh“ ein ärgerliches Schnalzen zu ernten. Für die Rampensau, die sich davon nicht entmutigen lässt, gibt es anschliessend sogar die Möglichkeit an der Maestro-Show teilzunehmen.

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