Auf dem Sofa rund um die Welt (Bild: Jonathan Progin).

Schlafen bei Fremden

in Campus von

Reisen mit Couchsurfing beseitigt Vorurteile.

Petra schloss die Tür mit drei grossen Schlössern ab. Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich bei einer fremden Person in einer fremden Wohnung in einem fremden Land bin. Klingt  abenteuerlich, aber Couchsurfing ist viel eher eine Erfahrung des gegenseitigen Vertrauens, des Einlassens und Loslassens.

Erstaunte Gesichter

Alleine reisende Frauen sind für viele Menschen noch immer ungewohnt. Die besorgten und unverständlichen Ausdrücke in den Gesichtern geben mir dies immer wieder zu verstehen. «Also so ganz alleine, als Frau?», fragen sie meist darauf. Der Ausdruck ändert sich dann, wenn ich erkläre, dass ich bei jemandem auf der Couch schlafen werde.  «Und du kennst die Person nicht einmal?» Die Augenbrauen gehen hoch und der Mund wird von der Hand verdeckt. Die Schweizerinnen und Schweizer, diplomatisch wie wir nun mal sind, sagen dann nichts mehr.

Vetrauen nach Sekunden

Meine erste Couchsurfing-Erfahrung hatte ich in Ungarn bei Petra. Ihr verschmitztes Lächeln, ihre dicken Schals und ihre kleine Wohnung sind mir immer noch präsent. Mit dem Zug aus Budapest angekommen in Pécs, wartete sie in aller Eiseskälte am Bahnhof. Sie kam strahlend auf mich zu. Die Begrüssung fiel sehr herzlich aus. Dabei hatte ich Petra noch nie zuvor gesehen. Mit dieser herzlichen Unbekannten ging ich jetzt also mit, in Richtung ihrer Wohnung. Um uns aufzuwärmen, machte Petra Tee und wir sassen, über Gott und Welt redend, für Stunden an ihrem kleinen Tisch in der Küche. Diese Vertrautheit war schön, aber schon fast befremdend. Am Abend gingen wir an ein Konzert und tranken dabei Pàlinka. Ein wirklich scheusslicher Schnaps, der oft mit Honig versüsst wird, damit er überhaupt die Speiseröhre runter findet.

Dass diese gegenseitige Sympathie keine Selbstverständlichkeit ist,  merkte ich bei Kätlin in Tallinn, Lettland. Auch sie holte mich vom Busbahnhof ab und zeigte mir die Stadt. Jedoch waren unsere Wellenlängen soweit auseinander, wie unsere Herkunftsländer. Auch ihr Haustier, eine Sphinx-Katze, machte die Begegnung nicht besser.

Hundert Sofas in Marokko

Nicht nur Sympathie, sondern auch die Kultur spielt bei einem Aufenthalt eine Rolle. Aufgefallen ist mir das in Marokko, als ich meine Reisepläne auf der Couchsurfing-Plattform veröffentlichte. Innerhalb der ersten dreissig Minuten bekam ich über hundert Schlafplätze angeboten. Überwältigt und auch ein bisschen verängstigt von der Reaktion nahm ich meine Reisepläne wieder von der Homepage.

In Litauen, genauer in Kaunas, nahm mich Erika mit dem Auto quer durch die Stadt um die besten Cepelinai, eine Art Kartoffeldumplings,  zu essen. In Barcelona machte Jorge um sechs Uhr die Türen auf und zeigte mir die versteckten Ecken der schönen spanischen Stadt.Und auf den Grachten in Amsterdam verbrachte ich mit Couchsurfern Silvester, fernab der Touristenströme.

Leben wie die Einheimischen

Viele Erinnerungen dieser Reisen sind an diese Begegnungen geknüpft. Statt einer der vielen Touristinnen zu sein, fühlte ich mich viel eher als Einheimische. Ich ass, schlief und feierte mit den Einheimischen. Ich lernte die Städte so kennen wie sie. Ich lief durch dieselben Strassen, verpasste dieselben Buslinien und trank in denselben Bars. Viele Erlebnisse wären ohne Couchsurfing nicht möglich gewesen. Zudem bin ich überzeugt, dass solche Begegnungen das beste Mittel gegen Vorurteile sind. Vorurteile anderer Kulturen, der alleine reisenden Frau gegenüber. Das beste Rezept dagegen: Grundvertrauen in andere Menschen.

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