Schluss mit Diskriminierung an Universitäten: Ein Kommentar.

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Kürzlich wurde publik gemacht, dass das ETH-Mitarbeitendenmagazin «life» kritische Äusserungen von trans Menschen aus seiner Ausgabe zum Thema Diversität strich. Doch dieser Vorfall ist nur eine Äusserung eines grundlegenderes Problems.

Die ETH scheint nicht aus den negativen Schlagzeilen zu kommen: Im Oktober vor einem Jahr berichtete die Wochenzeitung über sexuelle Übergriffe, Diskriminierung und Mobbing am Departement für Architektur. Im März dieses Jahres deckte die Republik den Fall Carollo auf, der bald von anderen Medien aufgegriffen wurde. Das Frauenstreikkollektiv der Zürcher Hochschulen gab der Zürcher Studierendenzeitung im Mai zur Auskunft, dass die Gleichstellungsstelle der ETH nur pro forma existieren, da passiere wenig. Und erst gestern berichtete 20-Minuten, dass die ETH einem behinderten Mann den Zugang zum Studium verwehrte.

Da erscheint die neueste Ausgabe des ETH Mitarbeitenden-Magazins «life» fast schon ironisch. Darin sollten sich Betroffene zum Thema «Diversität» äussern. Dies durchaus auch kritisch. Doch den Beitrag des Vereins queer*z zu trans Menschen an der ETH wollte die Redaktion schlussendlich nicht abdrucken. Etwa, weil er einen wunden Punkt traf?

Ignorieren statt handeln

Was ist bloss mit der ETH los? Ist es denn so schwierig, sich mit den Forderungen von Frauen, trans Menschen oder solchen mit Behinderungen auseinanderzusetzen? Oder gar darauf einzugehen? Das Hochschul-Frauenstreikkollektiv hatte der ETH beispielsweise einen offenen Brief mit konkreten Forderungen überreicht. Und auf der Website des queer*z ist ein «Leitfaden für Hochschulen zum inklusiven Umgang mit allen Geschlechtern» zu finden. Beide Dokumente wurden von den betroffenen Personen selbst zusammengestellt. Doch die Hochschule scheint sich nicht dafür zu interessieren. Der Vorschlag von queer*z, ein Pilotprojekt für geschlechtsneutrale Toiletten zu starten, stiess im Frühjahr beim ETH Rektorat laut Verein auf taube Ohren. Und der Forderung des Frauenstreik-Kollektivs an den Zürcher Hochschulen administrative und infrastrukturelle Anpassungen für nonbinäre, Trans- und Inter-Menschen vorzunehmen, scheint bisher ebenfalls keine Beachtung erhalten zu haben.

Hätte sich die «life»-Redaktion etwa den Leitfaden des queer*z zu Herzen genommen, wäre die Angelegenheit wohl nie so eskaliert. Denn im Umgang mit diskriminierten Minderheiten ist Zuhören und Einbetten in den Kontext der Diskriminierung entscheidend. Dies gilt speziell für Medien. Einer diskriminierten Gruppe zu sagen, wie sie sich zu fühlen hat, und ihr Zitat abschwächen zu wollen, ist nicht nur problematisch, sondern gleich nochmals ein Akt der Diskriminierung. Doch dafür ist es nun zu spät. Was die Angelegenheit aber aufzeigt: Die ETH hat ein grundlegendes Problem im Umgang mit Diskriminierten und Minderheiten. Statt auf deren Anliegen einzugehen und sie damit ernst zu nehmen, werden ihre Stimmen systematisch ignoriert.

Fall Fribourg

Doch die ETH ist mit ihrem Verhalten nicht allein: Schweizer Hochschule scheinen sich generell mit diesen Themen schwer zu tun. Heute Dienstag werden Fribourger Studierende während dem Fakultätsrat der theologischen Fakultät demonstrieren. Der Grund: Eine Lehrperson der theologischen Fakultät hatte sich gemäss der Fribourger Studierendenzeitung Spectrum während einer Lehrveranstaltung für Konversionstherapien für Homosexuelle ausgesprochen. Doch nicht genug – im Anschluss empfahl die Person den Studis gleich mehrere Adressen für solche Konversionen. Bis heute bleibt der Vorfall ohne Konsequenzen für die Lehrperson, obwohl Studis, LGBTQIA+ Organisationen, der Frauen*streik Fribourg, Professor*innen sowie Aktivist*innen Druck machen. Für die Demonstrierenden ist klar: «Wir geben keine Ruhe, bis die Universität ein klares Zeichen setzt: Diskriminierung darf in der Alma Mater keinen Platz haben.»

Die Teilnehmenden der Demo wollen damit den Entscheidungsträger*innen zeigen, dass sie konkrete Taten sehen wollen: «Eine Lehrperson, die ein lGBTQIA+-phobes und sexistisches Verhalten zeigt, wollen wir an unserer Universität nicht tolerieren», lautet die Stellungnahme der Studis. Das Opfer dieser Diskriminierungen habe nicht genügend Unterstützung erhalten, sagt der Verein LAGO der Uni Fribourg, der gemeinsam mit anderen Organisationen den Fall publik machte. «Dass eine solche Affäre erst über die Medien Empörung auslöst, zeigt unseres Erachtens ein Problem auf, das in Zukunft mit viel mehr Sorgfalt angegangen werden muss», sagt LAGO weiter. Betroffene, die den Mut haben sich zu melden, müssten aufgefangen werden. «Wir bedauern, dass dies unsere universitären Instanzen nicht getan haben, und üben deshalb auch Druck auf sie aus.»

Auf was warten?

Dabei hätten Universitäten beste Voraussetzungen, sich als Vorreiterinnen im Bereich «Diversität» einen Namen zu machen. Gerade die ETH als staatliche Institution und weltberühmte Uni könnte sie sich der gezielten Förderung von Frauen, trans Menschen und anderen benachteiligten Guppen verschreiben. Stattdessen scheinen sich die Hochschulen nur um ihren Platz im weltweiten Uni-Ranking bemüht zu sein. Und um ihren Ruf. Vorkomnisse von Diskriminierung werden runtergespielt oder verschwiegen, während die Unis stolz auf ihre Fachstelle für Gleichstellung hinweisen oder Magazine herausgeben, die die vorbildliche Diversität ihrer Studis und Mitarbeitenden loben.

Gerade Unis, die sich als Bildungsinstitutionen der intellektuellen, fachlichen und persönlichen Entwicklung ihrer Angehörigen verpflichten, sollten dieses Ziel eben auch verfolgen – ohne dabei zu diskriminieren. Sich die Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung in das Leitbild zu schreiben, mag ein Anfang sein. Aber es reicht nicht. Die entsprechenden Forderungen und Ideen, wie diese umgesetzt werden könnten, sind bereits vorhanden. Die Unis müssen bloss lernen, auf ihre Studierenden und Angehörigen zu hören.

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