Schwere Zeiten im VSS

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Der Verband Schweizer Studierendenschaften kämpft gegen die Austritte seiner Mitglieder. Und er hat noch weitere Probleme.

Seit dem 1. Februar ist Jonas Schmidt Präsident des Verbandes Schweizer Studierendenschaften (VSS). Dennoch ist er am Telefon erst etwas überrumpelt: Mit Gratulationen zu seinem Amtsantritt scheint er nicht gerechnet zu haben. Und das verrät schon viel über den grössten Zusammenschluss von Studierenden in der Schweiz: Die Arbeit des VSS ist unglamourös, um nicht zu sagen unscheinbar. So unglamourös, dass das Präsidium über mehrere Monate hinweg unbesetzt zu bleiben drohte. Und so unscheinbar, dass die Sektionen von den Leistungen des Verbandes offenbar zu wenig mitbekommen. Und eine nach der anderen austritt.

Der Unmut ist da

Als Dachverband aller Studierendenschaften der Schweiz vertritt der VSS studentische Anliegen auf Bundesebene. Er ist also gewissermassen die Lobby der Studis in Bern, die mit den Kommissionen des Bundes sowie der Hochschulrektorenkonferenz «Swissuniversities» um die Zukunft der Schweizer Hochschulen verhandelt. Doch immer weniger seiner Mitglieder – die offiziellen Studierendenschaften der einzelnen Hochschulen – wollen diese Lobby. So haben jene der Universitäten Freiburg, Basel und Luzern ihren Austritt aus dem Dachverband bereits 2015 beschlossen. Der Grund: Die Mitgliedschaft im VSS sei zu teuer und bringe zu wenig. In Basel konnte die folgenschwere Entscheidung durch eine Urabstimmung gerade noch abgewendet werden, während Vertretungen von der Uni Genf und der EPF in Lausanne schon seit Längerem im Verband fehlen.

Im vergangenen Herbstsemester wurde gar an der Uni Zürich über einen Austritt debattiert. Der Zürcher Austritt wurde zwar mit 40 gegen 5 Stimmen deutlich abgelehnt. Aber der Unmut ist da. Und jene, die für den VSS sind, sind in die Defensive geraten.

Damit nicht genug: Auch die Neubesetzung des Präsidiums gestaltete sich ziemlich schwierig. Am 22. Oktober 2017 endete die Frist für die Kandidaturen. An der Delegiertenversammlung vom 19. November hätte gewählt werden sollen. Doch um 15:23 Uhr, als die Wahlen an der Reihe waren, meldete ein Vertreter des VSETH:  «Uns sind ungeheuerliche Gerüchte zu Ohren gekommen.»

Mobbingverdacht

Es war von Mobbing die Rede. Gerüchte seien im Umlauf. Die Versammlung wurde unterbrochen. Das Protokoll weist eine Lücke von rund einer Stunde auf. Die Beratungen um den Mobbingverdacht wurden geheim geführt. Dann war es 17:00 Uhr. Und um diese Zeit machte die Simultanübersetzung Feierabend. Die Anwesenden beschlossen, die Wahl unter diesen Umständen nicht durchzuführen. Die Nachfolge blieb bis Mitte Dezember ungeklärt.

Dann aber wurde Jonas Schmidt vom Sektionsrat gewählt. «Es gab Spannungen im Vorstand», sagt er. Es habe sich beim Mobbingverdacht aber tatsächlich nur um ein Gerücht gehandelt. Das ist erleichternd. Aber auch hier gilt: Der VSS tendiert dazu, aus der Defensive heraus operieren zu müssen.

Nach einer zweiten Hälfte des Co-Präsidiums wird derweil noch gesucht. Diese Hälfte wird – das schreiben die Statuten vor – eine französischsprachige Frau sein müssen. Wie lange es dauern wird, bis sich eine solche Kandidatin findet, ist offen. Der neue und zurzeit alleinige Präsident des VSS indes hat viele Pläne.

Nur eine Frage der Kommunikation?

«In der Vergangenheit haben wir uns sehr auf das Inhaltliche konzentriert», meint Schmidt. Es sei innerhalb des VSS zu wenig kommuniziert worden, womit der Vorstand und die Komissionen sich genau beschäftigen. Da könne es passieren, dass die Sektionen mit der Zeit aus den Augen verlieren, weshalb sie eigentlich Mitglied im VSS geworden sind. Besonders, wenn die Zuständigen innerhalb der Sektionen wechselten. Und dann zählen für sie auf einmal nur noch die Zehntausenden von Franken, die mit einem Austritt eingespart werden könnten. «Wir möchten wieder näher an die Sektionen herankommen», hat Schmidt sich vorgenommen, «der Austausch muss besser klappen. Dann haben wir auch bessere Chancen, motivierte Leute für unsere Mandate zu gewinnen.» Hat der VSS also nur ein Kommunikationsproblem?

Beileibe nicht. Wie bei vielen studentischen Organisationen fehlt es auch im VSS an Konstanz. Wenn sich jemand ein, zwei Jahre engagiert und dann zurücktritt, um sich wieder dem Studium zu widmen, geht enorm viel Wissen verloren. Aufseiten des Bundes oder bei Swissuniversities sind hingegen fixe Strukturen gegeben, die langfristige Planung erlauben. «Unsere Gegenüber sind absolute Profis. Da haben wir natürlich einen schweren Stand, wenn uns die Erfahrung alle paar Jahre abhanden kommt», kommentiert Schmidt. Aus diesem Grund will der VSS sich auch in diese Richtung verbessern. Es sind regelmässige Zusammenkünfte mit ehemaligen VSS-Leuten geplant.

Ungleiche Voraussetzungen

Das ist umso wichtiger, als die Kräfteverhältnisse in der Schweizer Bildungspolitik ohnehin ungleich sind: Die Mitgliederbeiträge bei Swissuniversities betrugen 2016 gut zweieinhalb Millionen Franken. Um ein ähnliches Budget wie Swissuniversities zu haben, müsste der VSS seine Mitgliederbeiträge verachtfachen. Dafür hat der Co-Präsident des VSS nur ein müdes Lachen übrig: «Geld ist nicht alles – aber mit einem solchen Budget könnten wir Einiges erreichen.» Hoffen wir, dass ihm das Lachen so schnell nicht vergeht – und wenn es nur ein müdes ist. ◊

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