(Bild: Fabian Biasio).

Sie macht Wahrheit zur Literatur

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Buch — «Nicht einmal das Meer bietet in Gaza Trost. Kalt, grau und gleichgültig wirft es seine Wellen ans Ufer. Plastikfetzen knattern im Sturm um schiefe Holzbauten.» Was sich wie ein Ausschnitt aus einem Roman liest, sind Sätze aus Margrit Sprechers Reportage «Ein Gefängnis namens Gaza». Sprecher gilt als die «Grande Dame des Schweizer Reportagenjournalismus» und wird gar als die «grösste lebende Schweizer Journalistin» bezeichnet. Ihre Karriere begann die Bündnerin bei der Frauenzeitschrift «Elle», ab 1983 schrieb sie für die «Weltwoche» – die vor der Ära Köppel noch ein anderes Publikum ansprach. Sprecher hat Jahrgang 1936, doch noch immer veröffentlicht sie als freie Journalistin Texte, etwa im «Magazin» oder in der NZZ. Nun folgt neuer Lesestoff von Sprecher: Sie veröffentlicht in «Irrland» zwanzig ihrer über 500 Reportagen als Sammelband.

Bekannt ist Sprecher vor allem für ihre vernichtenden Porträts. Neun davon sind in «Irrland» abgedruckt – vom Chef der Skigebiete Laax-Flims-Falera Reto Gurtner bis hin zum Zukunftsforscher Matthias Horx – und zeigen freilich, dass sie Menschen präzise beschreibt und die Protagonist*innen selber sprechen lässt. Die Porträtierten bleiben dabei menschlich: «Träumerisch wie ein Kind die Pistole, hält Ed Fagan den Lauf seiner Gelüste mal in diese, mal in jene Weltrichtung», schreibt sie über einen skrupellosen Sammelkläger. Oder: «Wenigstens im Gefängnis hat er geschafft, zu dem zu werden, der er schon immer sein wollte: der Beste von allen» über den Schweizer Pfleger Roger A., der 24 Patienten tötete.

Doch Sprecher beschränkt sich nicht aufs Porträtieren. Den Text über den mörderischen Krankenpfleger nutzt sie zur Reflexion über die Problematiken unseres Pflegesystems. Sprechers Texte wecken Gefühle: Während der Bericht über die irrtümlich zu Tode Verurteilten in den USA wütend auf das amerikanische Justizsystem macht, weiss Sprecher sogar für Stephan, der seinen Vater in Pfäffikon erschoss, Mitleid zu erwecken.

Die zwanzig Reportagen lassen sich am Stück verschlingen. Denn sich von Sprechers Schreiben zu lösen ist nicht einfach. Bei der Reportage über Irlands Schulden, Armut, und Arbeitslosigkeit stellt sich etwa die Frage: Kann die Lage wirklich so schlimm sein? Andere Situationen lässt Sprecher gewollt absurd erscheinen. Was sie von der Dekadenz am Gourmet-Festival in St. Moritz hält, zeigen Sätze wie «Zum Chillen flüchten die Gäste in die Patisserie».

Die gesellschaftskritischen Reportagen, wie jene über den Gazastreifen oder die amerikanischen Todestrakte, lassen die heiteren Reportagen im Sammelband beinahe fehl am Platz wirken. Eine Corsetière in Winterthur? Teddybären, die man bei einer Agentur auf Reisen schicken kann? Vielleicht will Sprecher der Leserschaft eine Verschnaufpause geben, bevor sie sich wieder den Enkelinnen Mussolinis widmet, die aus Büchern über ihren Grossvater Profit schlagen wollen.

Die Grande Dame beweist mit diesem Sammelband einmal mehr, dass sie nicht nur grossartig recherchiert, sondern auch grossartig schreibt. Sie zeichnet die Emotionen der Porträtierten glaubwürdig und zieht originelle Vergleiche wie «‹Für eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt›. Das passt zu Donald Trump wie ein Knabenchor zu Techno-Gedröhn». Dabei ist alles Geschriebene wahr, aber von literarischer Qualität. Wann folgt Band zwei?

«Irrland» von Margrit Sprecher ist am 7. Mai bei Dörlemann erschienen.

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