Alles ist da: Die neue Velowerkstatt auf dem Hönggerberg (Bild: Ludwig Hruza).

Speichen geradebiegen

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Studierende gründeten eine Velowerkstatt. Kaputte Velos kann man neu auf dem Hönggerberg selbst reparieren.

Wer ein kaputtes Velo in der Garage stehen hat, würde vielleicht nicht als allererstes den Drahtesel auf den Hönggerberg schieben. In der Tat hätte man allerdings guten Grund dazu. Passionierte Velofahrende haben dort seit September einen Raum in der «Student Village», der Studisiedlung auf dem ETH-Campus, zu einer Velowerkstatt eingerichtet. Man findet dort alle erdenklichen Werkzeuge fürs Velo und auch solche, von denen man erst einmal herausfinden muss, wofür sie überhaupt gut sind. Das Projekt heisst Velove, kurz für Veloverein, und  ist mittlerweile ein eingetragener Verein mit 110 Mitgliedern. Das Konzept: Studis aller Hochschulen können gratis ihr Velo selbst reparieren, das nötige Spezialwerkzeug benutzen und sich gegenseitig helfen oder von den Helferinnen und Helfern der Werkstatt beraten lassen.

Werkzeugkiste auf Wanderschaft

Einer der Helfer ist Manuel Holzer, ein sympathischer Umweltwissenschaftsstudent im letzten Mastersemester mit Wollpulli, Zopf – und natürlich mit Velo. Holzer begann sich vor mehr als drei Jahren für eine Velowerkstatt an der ETH einzusetzen. Mit Erfolg. Im März 2017 öffnete die Werkzeugkiste zum ersten Mal ihre Schubladen, denn einen eigenen Raum hatte die Werkstatt damals noch nicht. Das Herzstück war die Kiste auf Rädern mit einem darauf montierten Zentrierständer. Sie wurde jede Woche aufs Neue zu Öffnungszeiten zusammen mit einer Luftpumpe, drei Fahrradständern und einer Mülltüte aus der ETH-Tiefgarage im Zentrum in die Töffligarage geschoben – und später wieder zurück. Das Angebot fand Anklang. An manchen sonnigen Tagen  tummelte sich ein ganzer Haufen zu reparierender Velos mit ihren mehr oder weniger tüftelbegeisterten Besitzerinnen und Besitzern vor der Töffligarage.

Als die kalte Jahreszeit kam, zog die Werkstatt im Oktober 2017 auf den Hönggerberg ins «Student Project House», eine offene Werkstatt der ETH. Obwohl dieses ganz neu eröffnet wurde, fand sich kein eigener Raum für die Velowerkstatt. So hauste sie weiterhin als Vagabund: zwischen Tür und Angel im Eingangsbereich. Die Werkzeugkiste wurde wie eh und je zu den Öffnungszeiten aus einer dunklen Kammer geholt und später dorthin zurückgebracht.

20 Kilometer zurückgelegt

Nach zwei Jahren auf Wanderschaft ist die Velowerkstatt diesen September in ihrem eigenen Raum sesshaft geworden. Die Räder der Werkzeugkiste sind abgeschraubt; nun steht sie unter der Werkbank im Warmen und Trockenen. Eine kurze Rechnung ergibt ein erstaunliches Ergebnis: Mehr als 20 Kilometer hat die Kiste in den letzten eineinhalb Jahren beim zweimal wöchentlichen Auf- und Abbauen der Werkstatt zurückgelegt. Man kann diese Zahl als Beweis für den langen Atem sehen, den Holzer und seine Mitstreitenden brauchten, um ihren Traum einer Velowerkstatt zu verwirklichen. Man kann es aber auch als Kritik an den Strukturen der ETH sehen, die Neugründungen von studentischen Projekten nicht unbedingt einfach machen.

Hannes Heller bei der Arbeit in der Velowerkstatt.

In der neuen Velowerkstatt ist es gemütlich. Die Einrichtung zeugt davon, dass Tüftler am Werk sind. Fast alles ist selbst gebaut: ein Sofa und Tisch aus Holzpaletten, die Werkbank und darüber das Werkzeugbrett, an dem fein säuberlich jedes Werkzeug seinen Platz hat. Es gibt Kaffee, Musik und Platz für mindestens vier Leute, die gleichzeitig an ihren Velos arbeiten können. Heute ist nicht viel los, eine Studentin flickt ihren Platten und der Hausmeister der «Student Village» kommt mit seinem E-Bike vorbei. «Er hat uns wirklich sehr geholfen, indem er Holz und Werkzeuge für die Inneneinrichtung gestellt hat», sagt Hannes Heller, Präsident der Werkstatt. Heller ist Bauingenieur im Master und engagiert sich seit dem Frühjahr für die Velowerkstatt. Natürlich sei der Standort auf dem Hönggerberg nicht optimal, aber unglücklich sei er nicht darüber. 900 Studierende wohnen gleich nebenan, und wer sein Fahrrad aus dem Zentrum auf den Höngg hinaufbringen will, der könne den ETH-Bus benutzen. Dennoch – beinahe hätte die Velowerkstatt einen Raum im Zentrum an der Sonneggstrasse bekommen, aber im entscheidenden Moment hätten die Verantwortlichen der Abteilung ETH Immobilien geschlafen und der Raum sei weg gewesen, so Heller.

Heller will die Velokultur mehr in den Köpfen der Studierenden zu verankern. Das Velo würde immer noch nicht vollkommen ernst genommen als gleichwertiges Fortbewegungsmittel im Stadtverkehr. Konkret schwebt ihm für die Zukunft der Velove-Velowerkstatt ein zweiter Standort im Zentrum vor. Und durchgehende Öffnungszeiten seien sowieso irgendwann angebracht.

Bisher hat die Werkstatt zweimal in der Woche geöffnet und bietet immer wieder Veloreperatur-Workshops für Einsteiger an, für die man sich auf der Website anmelden kann. Wer allerdings im Internet nach «Velove» sucht, der landet zuallererst bei einem Veloladen in Basel. Dazu sagt Heller schmunzelnd: «Ich dachte, das Wortspiel sei eine mega gute Idee, aber das haben andere offenbar auch schon herausgefunden.»

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