Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

Stoff für Semesterferien

in Campus von

Fünf Bücher für den Sommer: Germanistik-Studierende präsentieren im Rahmen des Projekts «Schweizer Buchjahr» ihre Auswahl.

Blog ohne Leser?

Funktioniert ein Blog ohne Leser? Diese Frage stellt sich bei Flurin Jeckers Debütroman, in dem der Titelheld Lanz einen Blog für die Schule schreiben muss. Obwohl der 14-Jährige den Kurs nur wegen eines Mädchens gewählt hat, kann er bald nicht mehr aufhören, zu schreiben. Seine Posts handeln vom Taumeln zwischen Kindheit und Erwachsensein – in der Liebe, in der Schule sowie in der Beziehung zu den getrennten Eltern. Zum Verdruss des Lehrers weigert er sich jedoch, das Geschriebene zu veröffentlichen. Was dann eben Flurin Jecker übernimmt. Seiner Fiktion nach genügt Lanz das Schreiben als Ventil. Und der anfangs eher oberflächliche Junge hat einiges zu sagen. Diese Diskrepanz zwischen Lanz‘ reichen Gedanken und seiner Mitteilungsverweigerung, sie auf das Medium des Blogs zu übertragen, ist im Roman gelungen. Dabei lebt die Geschichte weniger von der Handlung als von der mit Helvetismen gespickten Alltagssprache, die trotz ernster Themen oft zum Lachen bringt.  [Meret Mendelin]

Flurin Jecker: Lanz, Nagel und Kimche 2017.

 

Gescheiterter Kraftakt

Jonas Lüschers zweiter Roman heisst wie sein Held: Kraft ist Rhetorikprofessor und hofft auf eine Million Dollar Preisgeld. Dafür müsste er aber die Frage beantworten, die ein fortschrittsgläubiger Investor in Anlehnung an Leibniz’ Theodizee ausgelobt hat: «Theodicy and Technodicy: Optimism for a young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it?» Würde Lüschers Buch nur vom Scheitern des Opportunisten Kraft erzählen, wäre es nach dem gefeierten «Frühling der Barbaren» Lüschers zweite Novelle geworden. Romanlänge erreicht es, weil es auch Krafts bundesdeutsche Vergangenheit zum Slapstick über den Neoliberalismus ausstaffiert. Auffällig: Witzelt der Erzähler sonst gern über Kraft, hält er sich hinsichtlich dessen Chauvinismus stark zurück. Das könnte an Houellebecq erinnern, wird aber höchstens lauwarm serviert. Der Erzähler stichelt zu penetrant gegen seine Figur, die damit an keiner Stelle die Fallhöhe gewinnt, die ihr das ungelenke Ende beschert. [Philippe Hürbin]

Jonas Lüscher: Kraft, C.H. Beck 2017.

Alles immer schön?

Julia Webers Debütroman trägt den trügerischen Titel «Immer ist alles schön». Auf das Leben von Anais und ihrem kleinen Bruder trifft das nur selten zu. Denn gut und schön möchte es ihnen ihre exzentrische Mutter zwar machen. Doch entgleitet ihr, der das Leben eine «Wucht» ist, zunehmend die Kontrolle. Dass die Mutter Alkoholikerin und Stripperin ist, Depressionen, aber keinen der beiden Väter mehr an ihrer Seite hat, dubiose Männer empfängt und längst auf der Liste des Jugendamts steht, wird dem Leser nicht an den Kopf geworfen. In ihrer gefassten und sanften Erzählweise lässt Anais nur allmählich erkennen, was die Geschwister alles hinnehmen. Ihre harte Realität vermögen die beiden nur kraft ihrer Fantasie auszuhalten. Als die Mutter schliesslich verschwindet, versucht Anais hingebungsvoll, ihren Bruder in eine Fantasiewelt zu retten. Der Trost des Märchenhaften ist den Geschwistern am Ende nicht vergönnt, wohl aber den Lesern. Eine diskussionswürdige Volte, aber von beeindruckender poetischer Kraft. [Christina Boll]

Julia Weber: Immer ist alles schön, Limmat Verlag 2017.

Entstellte Erinnerungen

Als Mirjam eines Tages ihre Wohnung betritt, hängen die Schubladen der Kommoden heraus, Kleider liegen am Boden und einige Fotos liegen herum. Die externe Festplatte, die Mirjam noch an jenem Morgen zur Sicherung an den Laptop angeschlossen hatte fehlt, der Laptop aber ist noch da. Auch das Foto von ihr, ihrem Jugendfreund Driew und ihrer verstorbenen Freundin Anis im Badezimmer ist weg. Wenig später findet sie zusammengeknüllt unter dem Waschbecken das Foto, auf dem nun weisse Striemen das Bild zur Unkenntlichkeit entstellen. Der Einbruch ist merkwürdig und hinterlässt Spuren in Mirjam, die mit einer Angst verbunden sind zu vergessen. Henriette Vásárhelyis zweiter Roman «Seit ich fort bin»  geht auf beeindruckende Weise der Frage nach, wie Erinnerung funktioniert. Was schlummert in den Tiefen unseres Gedächtnisses und was sind die Tricks der Erinnerung, «um die in der Gegenwart lauernde Wirklichkeit zu ertragen?» Das zerknüllte Foto wird da zum bezeichnenden Element und mahnt stumm, dass unsere Vergangenheit vor Entstellung nicht gefeit ist.  [Salomé Meier]

Henriette Vásárhelyi: Seit ich fort bin, Dörlemann 2017

Gefühlsverkäufer

«Herr Brechbühl sucht eine Katze» ist der Auftakt eines Mammutprojekts: Das Werk ist der erste Band einer ungefähr fünfzehnteiligen Romanreihe, die durch Crowdfunding finanziert wird. Interessierte Leser wählen eine Emotion und zahlen dafür, dass der Autor für sie eine Geschichte darüber schreibt. Tim Krohn verkauft also Gefühle. Menschliche Gefühle, literarisch verpackt in elf Bewohner eines Genossenschaftshauses in Zürich. Was sich zunächst schwer nach einem Drehbuch für eine Vorabendseifenoper anhört, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein Roman zum Miterleben. Miterlebt wird dabei weniger das, was im Haus vor sich geht, als vielmehr das, was in den Figuren geschieht. Die Studi-WG, das Rentnerpaar, die arbeitslose Schauspielerin, die Süchtige, der Griesgram: Man mag diese Menschen, und man freut sich am Ende der fast fünfhundert Seiten darüber, dass noch einige tausend folgen werden. Ob allerdings das Interesse der Leser sowohl am Gefühlskauf als auch am Werk an sich über die Jahre erhalten bleibt, wird die Zeit zeigen. [Tanja Kristina Sonder]

Tim Krohn: Herr Brechbühl sucht eine Katze, galiani 2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Spanische Eröffnung

Eigentlich beschäftigt sich Romy Günthart mit mittelalterlicher Literatur. Doch jetzt hat sie

Kinder auf der Flucht

Wie Zugvögel über Krieg und Grenzen einfach hinwegzufliegen, das mag man der
Gehe nach Oben