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Illustration: Kevin Solioz

Studieren auf Heroin

in Sucht/Thema von

Sie ist jung, sie geht an die Uni, sie arbeitet. Und sie konsumiert täglich harte Drogen. Wie geht das?

Die Vorlesung ging vor einer Viertelstunde zu Ende, und Chiara* hat die Nadel bereits im Arm. Zehn Milligramm flüssiges, durchsichtiges Heroin. Sie sticht sich mit der braunen, der feinsten aller Nadeln in die Ellenbeuge. Durch leichtes Zurückziehen des Spritzenstempels tritt ein Schwall dunkelrotes Blut in die Spritze. Der Beweis, dass die Kanüle am richtigen Ort sitzt. Im Gegensatz zu den meisten Anderen im Raum sind Chiaras Venen noch gut, sie trifft praktisch immer.
Chiara steht kurz vor dem Abschluss ihres anspruchsvollen Studiums. Eine ganz unspektakuläre Studentin, wie sich die Zürcherin selber beschreibt: Neben dem Studium arbeitet sie im Büro, und nachdem sie abends zu ihrem Freund in die gemeinsame Wohnung gekommen ist, geht sie oft nochmals raus um zu joggen. Fehlt noch ein Labrador, und das Klischee der gewöhnlichen Mittelstandsbürgerin wäre perfekt.
Doch auf dem Weg zwischen Arbeit und Zuhause verbirgt sich ein Geheimnis, das die idyllische Szenerie durcheinanderbringt. Jeden Tag besucht Chiara ein Zentrum für Suchtmedizin. Sie ist in einem Substitutionsprogramm, das ihr erlaubt, täglich kontrolliert Heroin zu beziehen. Sie ist heroinabhängig seit sie 15 Jahre alt ist. Ein Geheimnis, von dem sie ausser ihrer Familie und ihrem Freund noch niemandem erzählt hat.

Ein anderes Leben

Begonnen hat alles im Gymnasium. «Mit Kiffen, Alkohol und Partydrogen fing ich an, als ich 14 Jahre alt war. Ecstasy während der Schule ging ganz gut, doch als ein Jahr später Heroin und Kokain hinzukamen, ging es abwärts», meint Chiara unaufgeregt. Sie flog von der Schule, verlor ihre Freundinnen und Freunde, und ihr Alltag bestand bald nur noch daraus, Geld und Stoff zu besorgen. «Wenn man für seine Sucht jeden Tag etliche hundert Franken auftreiben muss, gibt es keine Zeit für Anderes mehr.»
Wenn Chiara dies erzählt, hat man das Gefühl, sie spreche von einem anderen Menschen. Berichtet sie von ihrer Vergangenheit, holt sie nicht weit aus. «Schwierig» und «unangenehm» sind Adjektive, die sie im Zusammenhang mit ihrem früheren Leben oft verwendet. Chiaras damalige Zeit ist schwer vorstellbar. Es scheint, als hätte sie die Geschichten weit weg von sich vergraben können und ist nun froh, nicht mehr darin wühlen zu müssen.
Heute führt Chiara nämlich ein ganz anderes Leben. Vor drei Jahren hat sie aufgehört zu rauchen, allen anderen Substanzen hatte sie schon viel früher den Rücken gekehrt. Ausser dem Heroin. Doch dieses beeinträchtigt ihren Alltag nicht mehr, abgesehen davon, dass sie einmal täglich etwa zehn Minuten für ihren Konsum einberechnen muss. Auch in Gedanken ist Chiara kaum mehr beim Heroin. Sollte sie es mal nicht mehr zur Abgabestelle schaffen, kann sie auf Methadontabletten zurückgreifen, um nicht auf den Entzug zu kommen. «Heute ist Heroin für mich wie ein Medikament, das ich täglich einnehmen muss. Einen Rausch spüre ich schon lange nicht mehr, es macht mich bloss etwas müde.»
Die Droge hat eine kurz anhaltende und kaum wahrnehmbare Wirkung. Nach dem Schuss im Injektionsraum diskutiert Chiara mit anderen Bezügern weiter wie bisher, auffallen tun nur ihre schwer gewordenen Lider, das zeitlupenhafte Blinzeln. Spätestens nach einer Stunde sind auch die Augen wieder wach.

Das Versteckspiel

Aus Angst, dass man ihr trotzdem etwas anmerken könnte, geht Chiara nach dem Spritzen nicht mehr in Vorlesungen oder zur Arbeit. Zu unberechenbar sind die Folgen, die eintreten, würde sie dort auffliegen.
Das Versteckspiel ist das einzige, was ihre Sucht noch wirklich zur Last macht. «Ich habe ständig Angst, dass mich jemand sehen könnte, wenn ich aus dem Programm komme. Wenn mich im Tram oder auf der Strasse eine andere Konsumentin anspricht, muss ich sie immer sofort abblocken oder ignorieren, um mich nicht zu outen.» Wäre das Heroin legal und anerkannt in der Gesellschaft, so könnte Chiara zu ihrer Sucht stehen, ohne um ihre Arbeit und ihr soziales Umfeld fürchten zu müssen.
Doch ein weiterer Aspekt hindert sie daran, reinen Tisch zu machen. «Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, weshalb ich mit Heroin begonnen habe», stellt sie etwas beschämt fest. «Wenn man sich selber so kaputt macht, dann erwarten die Leute immer, dass es einen vernünftigen Grund dafür gibt.» Viele Abhängige haben eine schlimme Zeit hinter sich. Sie können erklären, dass sie eine traurige Kindheit gehabt haben, dass Heroin ein Trost für das erlebte Leid war. Chiara litt nicht. Ihre Eltern kümmerten sich fürsorglich um sie, sie war stets gut in der Schule und sportlich noch dazu. «Ich habe es nur gemacht, weil es cool war. Schon damals wusste jedes Kind, wie stark abhängig Heroin machen kann. Mir war das egal. Auch die etlichen Entzugstherapien haben bei mir nicht gefruchtet. Ich wollte nur rebellieren. Gegen meine Eltern, den Staat und alle, die das Gefühl hatten, sie wüssten, was das Beste für mich sei.»

Nicht wie zu Platzspitzzeiten

Dass sie heute ihr Leben wieder so gut im Griff hat, schreibt Chiara vor allem ihren Eltern und dem Substitutionsprogramm zu. Erstere investierten enorm viel, um sie von den Drogen wegzubringen. Dazu hat sie den Vorteil genossen, wieder ins Gymnasium einsteigen zu können und so doch noch Matur zu machen. «Viele der Leute, die zu Platzspitzzeiten aufgewachsen sind, haben nicht einmal einen Sekundarabschluss. Da ist es umso schwieriger, später den Einstieg in die Arbeitswelt zu schaffen. Zudem hatte ich Glück, gleich mit 18 in die Substitution eintreten zu können. Früher gab es das noch nicht. Wenn du zu lange auf der Gasse warst, ist der Zug irgendwann abgefahren», sagt Chiara.
In absehbarer Zeit will Chiara ganz von den Drogen wegkommen. Nicht, weil sie sich als Junky sieht. Sondern weil sie sich fürchtet, als Junky gesehen zu werden. Das ist sie aber heute mitnichten mehr. Nur liegt in ihrer täglich benötigten Substanz ein Geheimnis, das sie Job und Umfeld kosten könnte.

* Name geändert

1 Comment

  1. … Das Problem bleibt dennoch, dass alle Mohn-Opiate einen Zwangscharakter erzeugen, den man mit „zwanghafter Missbrauchstäter“ zusammenfassend beschreiben kann.

    Es entwickelt sich bei anhaltendem Konsum ausnahmslos derjenige Menschenschlag, der übrigens dem von einer bestimmten Sorte Islam vorgeschriebenen „Dschihadisten“ (Sexual- und Kriegsverbrechen sowie Betrug am Andersgläubigen als Zwangsverhalten, bei zusätzlicher Androhung einer „Sharia“ für anderes Verhalten) exakt entspricht.

    Mehr noch, er entspricht dem kollektiven Zwangscharakter, der von ausnahmslos allen Opiate-basierten Weltanschauungsgemeinschaften als „ideales Verhalten“ propagiert wird, und zwar generell bei interner Strafandrohung für abweichendes Verhalten.

    Dazu stimmig sind alle Opiate-Gemeinschaften „Blutopfer“ – Gemeinschaften.
    Das Blutopfer wiederum ist eindeutig eine Form des Missbrauchs, wie alle Verbrechen.

    Hier ist nicht genügend Raum, um „Missbrauch“ zu definieren – schwer ist es aber nicht.
    Wichtig und unmittelbar evident ist dabei, dass Missbrauch immer schlecht ist, egal, wie gut er sich anfühlen mag.

    An dieser Stelle existiert kein Relativismus, der alles der menschlichen Entscheidungsfreiheit überließe, sondern ein Gesetz objektiver Moral, welches so fest steht wie die Quersummenregel (die Quersumme des Ergebnisses einer mit 9 multiplizierten Zahl ist stets 9):

    Missbrauch ist immer schlecht.

    Opiate zerstören nachweislich das menschliche Gewissen.
    Menschen werden davon Automaten der Mohnrache – denn vom Mohn aus betrachtet handelt es sich beim Opiumkonsum um einen Missbrauch an ihm, den er durch Instrumentalisierung der Süchtigen rächen lassen kann.

    Entsprechend sind alle genuinen Opiumkulturen durch eine im Vollzug dieser naturrechtlich begründeten „Rachnung“ entstandene, Süchtigen-gemachte Misswirtschaft verwüstet worden und im Krieg als äußerstem Zeichen der innermenschlichen Spaltung versunken.

    Mit Opiumsekten und -religionen, -staaten und -parteien führt man die innere Zerstörung eben dieses Systems
    am schnellsten herbei.

    Aber es gibt Hoffnung: es sieht ganz danach aus, als gelte tatsächlich ein Naturgesetz, welches Asketen vor den Atracken weniger Asketischer schützt und in diesem Rahmen auch vor Kugeln, Sprengstoffen, Giften, Überfällen und anderen Formen der Gewalt.

    Weder der Mohn noch die „Mohnanbeter“ – und jeder Junkie oder auch nur Opium-Dauerkiffer wird einer – sind allmächtig.

    Gegen die gewissenhaften Asketen in Vorbildfunktion (nicht-rauchend, vegan, drogenfrei, abstinent) werden die Missbrauchsregimes nicht unterstützt, mehr noch, Asketen gegenüber werden sie entwaffnet und blockiert.

    Das ist ja auch sinnvoll: denn der zwanghafteMissbrauchstäter ist insgesamt weniger nützlich als derjenige, welcher ständig versucht, Missbrauch zu vermeiden.
    Darwin muss an dieser Stelle erweitert oder einfach besser übersetzt werden: die Nützlichsten werden für das Überleben selektiert.

    Schnell ist man der Stärkste und Bestangepasste, wenn man von allen Kugeln verfehlt wird etc.

    Wir finden auch in der Bibel Beweise dafür, dass dieses Naturgesetz damals bereits bekannt und seine Anwendung im Form der asketischen Lebensführung ohne Blutopfer geradezu DAS Merkmal und dabei die Überlebensgarantie der Urchristen war (vgl. Paulus, Epheser, 10.6, dort die Rede von der „Rüstung Gottes“. Manche nennen das auch den „Phi-“ oder „Viehj-esser-Brief, in welchem der „Vieh-Jesus“ als Tier-Esser genau deshalb hingerichtet wurde, weil er Tierisches konsumierte. Denn auch das Tier besitzt jenen naturrechtlichen Anspruch darahf, nicht missbraucht zu werden, und spätestens, wenn Fische für eine Opiumbande vom Himmel fallen, muss das Idol dazu gerachterweise hingerichtet werden, um diese Gemeinschaft wieder aufzulösen – und anders zu fundieren).

    Entsprechend leitet das Christentum als reformiertes Judentum sein Sünden- bzw. Syn-de-n-Register aus demselben Naturgesetz ab: jeder Missbrauch ist ein Missbrauch an der Gemeinschaft (syn), folglich ein Nehmen/Geben und dabei Nützen/Schaden, welches entweder Missbrauch begünstigt oder welches selbst Missbrauch ist.
    Dadurch wird eine Rache fällig, die auch von der menschlichen Entscheidung bewusst in Form der Bestrafung des Täters vorweggenommen werden kann.
    Dies signalisiert Frieden an den vom Missbrauch betroffenen Seinsbereich, also an, wie im fünf- oder srchszackigen Stern repräsentiert, Tiere, Pflanzen, Pilze, Steine, Außerirdische (und Menschen).

    Blutopfer sind jeweils logischerweise ein doppelter Missbrauch.

    Das wirklich alle Menschen samt ihren Augen umnachtende und dabei in eine andere Spezies (Puppen?) verwandelnde Mohnopiat (Heroin und Morphium) stammt ganz sicher auch bei legalisiertester Abgabe nicht aus einer blutopferfreien Quelle.

    Auf jeden Fall erzeugt auch diese Form der legalisierten Miasbrauchstäter-Puppen-Zucht eine enorme Racheenergie, an der das Missbrauchssystem, welches diese systematische Entfernung des Gewissens bei Favorisierung des Missbrauchs betreibt, blutig scheitern wird.

    Wieder kann man in der Bibel im Alten Testament (der Einheitsübersetzung) im Buch Hosea (oder, passend zum „Sohar“ als, vom Slawischen her übersetzt, „Vertrockner“, „Sohea“ für „Dürre“) schön nachlesen, dass Rauch- und Fleischopfer (auch der opiatistischen Baal-Kulte) die Verwüstung der davon betroffenen Regionen nach sich zieht.

    Ja, seit die alle hierher gezogen sind, wird es immer trockener hier, und wo die waren, gibt es bereits fast kein Wasser mehr.

    Nur das Christentum hat mit der Idealisierung der Askese etwas anderes als „Opium fürs Volk“ in Form einer Religion präsentiert.

    Die Einnahme von Opiaten ist wegen der beschriebenen individuellen wie sozialen Folgen eine Sünde, die zudem exakt einer inneren Konversion mindestens zu einer Art passivem, unbewusstem Islam entspricht.

    Für das im Artikel geschilderte Problem gibt es eine sehr viel bessere Lösung als die legale Abgabe dieses Missbrauchstäter-Puppen-Zuchtpuders:

    Die Ibogain-Kur zur Suchtentwöhnung.

    Sie ist, entgegen jeglicher Propaganda seitens der Suchtmittelindustrie, in 100% aller Fälle erfolgreich, auch wenn es bei manchen ein wenig dauern mag, bis sie wirklich nicht mehr süchtig sein und bis sie folglich wirklich keinen Spaß am Missbrauch mehr haben wollen.

    Das Synthetikum ist bereits fertig, diesmal kann also der Baum dazu, die Tabernanthe Iboga, verschont bleiben.

    Vieles spricht dafür, dass es sich bei diesem Gewächs um den „Baum der Erkenntnis“ aus der Genesis handelt.

    Wer wieder weiß, dass Missbrauch immer schlecht ist UND Missbrauchs-avers zu leben beginnt, der kann gut von böse wieder unterscheiden.

    Dafür aber muss man suchtfrei sein.

    Und das macht Iboga.

    „Bog“ wiederum ist in mehreren slawischen Sprachen das Wort für „Gott“.

    I-boga? Bisschen Gott gefällig?

    Dass wiederum in jener Geschichte vom Garten Eden ausgerechnet die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gott verboten worden sein soll, scheint mir doch eher einem der typischen, aus der menschlichen Entscheidungsfreiheit herrührenden Fehler geschuldet zu sein.
    Vermutlich war da ein opiumsüchtiger Übersetzer am Werk, der entweder einen zynischen Witz über Gott erzählen oder aber einfach an der entscheidenden Stelle das gesamte System auf Missbrauch stellen wollte.

    Wieso sonst sollte ausgerechnet die Erkenntnis von gut und böse etwas sein, das Gott NICHT erlaubt habe?

    Ein Gott, der die Menschen dumm und ohne Bewusstsein vom Missbrauch sowie von der Bevorzugung derjenigen, die ihn vermeiden, haben wolle?

    Ein Gott, der folglich wolle, dass die Menschen dieses Naturgesetz nicht erkennen?

    Wieso sollte er es denn dann so eingerichtet haben?

    Ich persönlich glaube jedenfalls nicht an einen solchen schwachsinnigen Gott, sondern im Zweifelsfall eher an einen aus der menschlichen Entscheidungsfreiheit herrührenden Fehler.

    Hatte er Opium genommen, der Übersetzer? Dann musste er einen Missbrauch begehen, in dem Fall eben beim Übersetzen.

    Den Schweizer Staat rettet nicht die legale Heroinabgabe, sondern die legale Ibogainabgabe.

    Und danke für diesen Artikel!

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