Alltag an der Sciences Po in Lille: Barrikaden blockieren den Eingang zur Uni (Bild: Thierry Thorel, Keystone, Maxppp).

Studieren und streiken in Frankreich

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In Lille streiken Studierende und Professor*innen gegen die geplante Rentenreform von Macron. Einblicke in einen turbulenten Studienalltag.

Die Sirene eines sich nähernden Polizeiwagens durchdringt die Ruhe in der Bibliothek der Sciences Po in Lille. Es ist nicht der erste Lärm, der die Studierenden stört. Bereits den ganzen Morgen lang waren Rufe und Parolen von Demonstrant*innen zu hören. Im Gegensatz zu den vorherigen Unterbrechungen sieht sich die Bibliotheksaufsicht zu einer Durchsage veranlasst: «Die Bibliothek wird aufgrund des nationalen Streiks in einer halben Stunde schliessen. Besten Dank für Ihr Verständnis.» Die meisten Studierenden reagieren gelassen und stecken ihre Nasen zurück in die Bücher. Sie haben sich der ungewöhnlichen Lage bereits angepasst, denn schon im Wintersemester 2019 kam es immer wieder zu Schliessungen und sogar zu Prüfungsverschiebungen. Aber kurz darauf steht die Schar dann doch etwas ratlos vor dem imposanten Gebäude: Die Seminare vom Nachmittag wurden gestrichen, der Französischunterricht fällt aus, die Professorin beteiligt sich am Streik gegen Macrons Rentenreform. Wer sich nun im falschen Film wähnt, war noch nie in Frankreich.

Die Elite demonstriert

Die Sciences Po haben den Ruf, Elite-Institute für Sozialwissenschaften zu sein. Doch nur das Institut in Paris, das als erstes gegründet wurde, sei konservativ und lediglich für die oberen Einkommensklassen zugänglich, wie mehrere Studierende vehement versichern: «Die anderen Institutionen sind eigentlich ganz in Ordnung, sie sind alle eher links.»

Erst kürzlich sorgte die Sciences Po Lille für Schlagzeilen: Studierende haben sich gegen eine auf dem Unigelände geplante Rede eines Politikers von Marine Le Pens Partei Rassemblement National eingesetzt. Eliot, ein Student aus dem zweiten Jahr, betont, dass er die Meinungsfreiheit grundsätzlich befürworte, aber solch ein Anlass gehe zu weit. Seine Freundin Julia ist nicht einverstanden. Unter den anwesenden Studierenden entbrennt eine hitzige Diskussion um demokratische Grundprinzipien. Derlei Leidenschaft für die Materie, die Neugierde, neue Sachen zu lernen und sich für politische Anliegen einzusetzen, das mache die Studierenden an der Sciences Po Lille aus, stellt die Dozentin Sylvie Dambre fest. Deshalb erstaunt es auch kaum, dass sich tagtäglich Studierende vor der Uni einfinden, um gegen Macrons Rentenreform zu demonstrieren.

Macrons Sisyphusaufgabe

Frankreichs Regierung hat grosse Pläne für das Land. Unter anderem soll die Altersvorsorge entschlackt und harmonisiert werden. Derzeit ist ein aus 42 Untersystemen bestehendes Gebilde in Kraft. Die meisten Französ*innen beschreiben das aktuelle Rentensystem als kompliziert und unfair. Einzelnen Berufsgruppen stehen derzeit massive Privilegien zu.

Damit soll nun Schluss sein. Macron will ein transparentes Punktesystem einführen, das für alle die gleichen Bedingungen schafft. Dazu gehört, dass sämtliche Pensionskassen vereinheitlicht und die grossen Unterschiede zwischen den Staatsangestellten und dem Privatsektor aufgehoben werden sollen. Es scheint, als würde die Regierung ein egalitäres System anstreben, das von den Reichen nimmt und den Armen gibt. Wieso gehen also Studierende und Professor*innen von eher links positionierten Unis gegen die Reform auf die Strasse und greifen zu Methoden wie Strassenblockaden?

Eine Protestbewegung, viele Anliegen

Alexandra Oeser, Professorin für Soziologie in Paris Nanterre, erklärt, dass die angestrebte Reform in Wahrheit viele Schwächen habe. Gerade auch Lehrende und Forschende seien vor der systemischen Umgestaltung nicht gefeit, wie Oeser ausführt: «Sie verlieren etwa 20 bis 40 Prozent ihrer Rente. Das ist viel, gerade wenn man bedenkt, dass sie im Vergleich zur Schweiz bereits drei Mal weniger verdienen.» Parallel zur Rentenreform protestieren die Universitäten auch gegen die Reform LPPR (Loi de programmation pluriannuelle de la recherche), die mehr Effizienz in Lehre und Forschung anstrebt. Effizienz bedeutet dabei vor allem die Priorisierung von Quantität vor Qualität: Dabei werden in Paris Nanterre bereits jetzt fächerübergreifende Onlinekurse mit jeweils 7’000 Studierenden durchgeführt. Das entlastet zwar das Budget und entschärft den chronischen Mangel an Dozierenden, ist für Studierende jedoch eine Katastrophe.

Die Studierenden mobilisieren zusätzlich gegen ihre prekären Lebensbedingungen, die sich gerade auf dem Immobilienmarkt ausprägen: So verfügen in Frankreich 1,3 Millionen Studierende nicht über ihren Verhältnissen entsprechenden Wohnraum. Eliot und Julia erklären, dass einige Studierende in Metropolen wie Paris oder Lille bis zu 900 Euro für ein Zimmer à 15 Quadratmeter bezahlen. Gleichzeitig können viele nicht bei ihren Eltern wohnen bleiben, da sie wie Julia oder Eliot aus einer anderen Region Frankreichs fürs Studium nach Lille gekommen sind.

Fridays against the system

In der Mobilisierungsgruppe der Sciences Po Lille sind sich zwar alle einig, dass viele Studierende unter den prekären Bedingungen leiden und dass diesen Herausforderungen begegnet werden muss. Wie sie aber ihrem Unmut Ausdruck verleihen sollen, darüber scheiden sich die Geister. Einige Streikende schreiben ihre Anliegen auf A4-Seiten – auf jeder Seite einen Buchstaben – und kleben diese dann collageartig an die Wände von öffentlichen Gebäuden. Andere verfolgen aus ihrer Sicht wirkungsvollere Wege und blockieren jeweils freitags den Zugang zur Uni, damit die Vorlesungen abgesagt werden müssen.

Mathilde und Louise sind beide Masterstudierende und sympathisieren zwar mit den Anliegen der Gruppe. Sie haben sich ihr daher zu Beginn der Proteste angeschlossen. Als sich der Ton aber fortlaufend verschärfte, haben sie sich immer mehr distanziert. Mathilde kritisiert insbesondere, dass die Streikenden auf Kosten des Sicherheitspersonals und der Reinigungsfachkräften demonstrieren: «Jemand muss das alles säubern und aufräumen, und das sind ganz sicher nicht diejenigen, die zur sozialen Ungleichheit beitragen.» Sie fügt an, dass zwar alle Beteiligten die Sozialpolitik Macrons hinterfragen, dass sich nun aber einige Splittergruppen gebildet haben, die ganz generell den Kapitalismus in Frage stellen oder aber die Sciences Po Lille kritisieren. Louise bemerkt, dass sie die meisten Haltungen grundsätzlich befürworte, aber «wir sollten uns auf ein einziges Anliegen konzentrieren, sonst verlieren wir an Legitimität».

Covid-19 hat den physischen Protesten nun erst mal den Riegel vorgeschoben. Doch die Studierenden bleiben trotz Isolation nicht untätig. Angesichts der zugespitzten Lage sind sie für einmal sogar einer Meinung: Sie kritisieren, dass der Lockdown die soziale Ungleichheit stark verschärfen wird. Denn gerade sehr unterschiedliche materielle und technische Ressourcen verunmöglichen es, dass die Studierenden den Online-Lehrbetrieb gleich nutzen können. Die Mobilisierungsgruppe unterstützt daher eine Petition, die den Umständen entsprechend angepasste Abschlussprüfungen fordert. Lockdown hin oder her, den Streikenden ist klar: «Vive la grève !»

 

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