Nikola Rakic, Leonie Plastina und Jana Meindl (v.l.n.r.) zählen zu den Studis, die sich im Unispital Zürich engagieren (Bild: Jonathan Progin).

Systemrelevante Studierende

von

Seit dem Lockdown schiesst zivilgesellschaftliches Engagement aus dem Boden. Studierende sind daran massgeblich beteiligt.

Unzählige Studierende sind für die Bewältigung der Covid-19-Pandemie im Einsatz. Sie helfen in der Nachbarschaft beim Einkauf, nähen Schutzmasken oder unterstützen die Pflege im Spital. Doch nicht alle engagieren sich freiwillig. Wer vom Militär aufgeboten wurde, musste alles stehen und liegen lassen und in die Kaserne einrücken. So berichtet ein Student: «Das Militär hat Zivilschützer*innen und zahlreiche Soldat*innen eingezogen, die im Militärdienst in Sanität ausgebildet wurden. Am 16. März kam das Aufgebot, einen Tag später musste ich mit gepackten Sachen im Tessin sein.»

Die grösste Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg bringt dem Militär viel Lob ein, doch der Student berichtet: «Einige von uns sitzen immer noch ohne Aufträge in der Kaserne, andere machen belanglose WK-Übungen. Ich diene gleichzeitig mit einem jungen Vater. Er wurde als Reservist aufgeboten und verpasst gerade die ersten Monate im Leben seines Kindes. Das Militär will mit der Aktion Bonuspunkte in der Gesellschaft sammeln, doch die Organisation ist chaotisch und ineffizient.» Zudem sei seine Grundausbildung für die allermeisten Aufgaben nicht nötig, denn er helfe vor allem der Pflege, indem er Materialbestände auffülle und putze. «Das könnte jeder machen. Zwar freuen sich die Spitäler über die Hilfe des Militärs, doch wir sind hier meist unterfordert.» Eigentlich hatte er nicht vor, dieses Jahr einen WK zu absolvieren. Nun ist er bis mindestens am 30. Juni im Einsatz. Der eigentliche Skandal: «Von den 105 Diensttagen werden mir nur 38 für die Wiederholungskurse angerechnet, zunächst waren sogar nur 19 geplant. Mit rund 62 Franken pro Tag ist auch die Bezahlung viel schlechter als für andere Helfer*innen im Spital», berichtet er. Zu der einzigartigen Situation kam die Ungewissheit, wie die Uni Zürich reagieren würde. «Am meisten ärgert mich, dass ich mein Semester nicht abschliessen kann. Der Aufwand der ersten drei Semesterwochen war für mich umsonst. Und die Uni hat auf all die Veränderungen sehr langsam reagiert. Erst seit kurzem weiss ich, dass ich keine Fehlversuche befürchten muss», kritisiert er.

Willkommene Hilfe im Unispital

Ganz anders ist die Situation im Unispital Zürich (USZ), wo Medizinstudierende aushelfen. Als ihre praktischen Kurse ausfallen mussten, kamen Leonie Plastina und Nikola Rakic auf die Idee, das USZ und die medizinische Lehrkoordination proaktiv anzuschreiben und Hilfe der Studierendenschaft anzubieten. Leonie erzählt: «Unser Angebot wurde mit offenen Armen empfangen. Innert kürzester Zeit wurden Einführungskurse auf die Beine gestellt und 158 Studierende für den Einsatz auf Intensivpflegestationen geschult. Inzwischen sind bereits 530 weitere freiwillige Studierende im Einsatz.»

Das überwältigende Feedback sowohl vom Spital und der Uni als auch von allen Studis hat Leonie und Nikola überrascht und viel Arbeit beschert. «Die Koordination so vieler Helfenden ist aufwändig, doch wir und die Jahrgangskoordinierenden setzen uns mit Leidenschaft für dieses Projekt ein», erzählt Leonie. Sie und Nikola haben zudem mit weiteren Mitstudierenden erfolgreich dafür geworben, dass ihre Einsätze im Rahmen des sechsten Studienjahres mit ECTS-Punkten belohnt werden. Zwar liessen sich die Credits auch anders kompensieren, doch für Naomi Iob, Robin Knuchel und Stefan Wicki aus dem sechsten Jahr des Medizinstudiums war direkt klar, dass sie im USZ im Umgang mit der Krisensituation helfen möchten. Naomi erzählt begeistert: «Wir können unsere Schichten flexibel einteilen, wertvolle Erfahrung sammeln und den Spitälern und der Bevölkerung in diesen ernsten Zeiten helfen.»

Gelungene Unterstützung

Studierende unterstützen nicht nur auf den Intensivpflegestationen, sondern auch im Notfall, in der Online-Beratung und in Arztpraxen. Studierende aus tieferen Jahrgängen, die noch keine Praxiserfahrung gesammelt haben, machen Eingangskontrollen und führen Besuchsstatistiken durch. Auch dank ihnen waren die Spitäler auf vollere Stationen vorbereitet. Angefangen mit dem USZ setzten schnell auch andere Spitäler auf die Unterstützung von Studierenden und sogar Gymnasiast*innen.

Anders als der studentische Sanitätssoldat im Tessin stehen die drei Medizinstudierenden ihrem Einsatz sehr positiv gegenüber und betonen die gute Koordination und Zusammenarbeit mit den Spitälern. «Wir fühlen uns wohl. Wir sind gut betreut und haben immer eine kompetente Ansprechperson. Durch die frühe Mobilisierung hatten wir in Ruhe Zeit, zu lernen und uns zurecht zu finden. Wir können nun wertvolle Unterstützung leisten», sind sich die drei einig. Auch die Chiropraktik-Studentin Jana Meindl im fünften Ausbildungsjahr zählt zu den freiwilligen Helfer*innen. «Als meine praktischen Kurse gestrichen werden mussten, war für mich schnell klar, dass ich die freie Zeit nutzen möchte, um im Spital zu helfen», erzählt sie. Seither absolviert auch sie unermüdlich Schichten im Unispital, auch wenn sie sich die Arbeit nicht für ECTS-Punkte anrechnen lassen kann.

Knappe Ressourcen in Spitälern

Viele glauben derzeit, in den Spitälern herrsche absolutes Chaos. Doch Stefan berichtet: «Es gibt etwas Materialknappheit, aber der Betrieb in den Spitälern läuft koordiniert und alle Patient*innen können versorgt werden.» Doch für die Eindämmung der Pandemie muss die gesamte Bevölkerung mithelfen. So appelliert Robin: «Für die Entlastung der Spitäler und Arztpraxen hilft es extrem, wenn alle die Massnahmen vom Bund zu Hygiene und Sicherheit befolgen. Bleibt daheim und verringert so die Ansteckungsgefahr.» Auch der aufgebotene Student im Tessin betont: «Die Leute, die sich leichtsinnig die Massnahmen ignorieren, machen mich sauer. Je mehr sie mithelfen, desto schneller ist die Krise bewältigt und unser Militäreinsatz vorüber.» Pandemien sind keine Naturkatastrophen, sondern haben auch politische Auslöser. In ganz Europa und den USA ist die Anzahl an Krankenbetten über die letzten Jahre drastisch gesunken. Mit 4,5 Krankenbetten pro 1000 Einwohner*innen schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich äusserst bescheiden ab. Dass politische und wirtschaftliche Sorglosigkeit durch ziviles Engagement beglichen werden muss, ist die düstere Kehrseite dieser Situation.

Wir können dankbar sein für alle Studierenden, die derzeit ihre Fähigkeiten einsetzen, um die Pandemie einzudämmen. Ihre Einsätze haben bereits Wirkung gezeigt. Derzeit werden das aufgebotene Personal der Studierenden sowie der Soldat*innen sukzessive abgebaut. Robin, Stefan, Naomi und der Sanitätssoldat konnten ihre Einsätze inzwischen beenden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Gehe nach Oben