Mit seinem Doppelalbum «Ghosteen» veröffentlicht Nick Cave 11 neue Songs. (Bild: Amelia Troubridge)

Tal der Tränen

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Nick Cave setzt auf dem Doppelalbum «Ghosteen» die Trauerbewältigung von «Skeleton Tree» und der begleitenden Dokumentation «One More Time with Feeling» fort.

All jene, die Cave wegen seinen wilden, post-punk und proto-goth Songs vergöttert haben, wissen wohl spätestens seit dem 2013 erschienen Album «Push the Sky Away», dass er derzeit ganz andere Projekte verfolgt. Und all jene, die Cave seiner kathartischen Balladen wegen verehren, finden im neuen Album «Ghosteen» den unbezweifelbaren Höhepunkt dieser Entwicklung. Mehr kosmische Klänge, mehr klagende Chöre, mehr «Glühwürmchen und flammende Pferde» geht nicht.

Die Refrains werden fast komplett gegen elegische Gesänge ausgetauscht, die Rockstimme gegen Falsett, die Gitarren gegen Synthies und Violinen. Wenn Cave auf seinen letzten Alben noch grandiose Rocksongs wie «Jubilee Street» oder «Anthrocene» zwischen seine Balladen gestreut hat, so gibt es jetzt 68 Minuten ununterbrochenen kosmischen Kitsch, der kein Auge trocken lässt. Dabei vermag sich das Doppelalbum in der zweiten Hälfte zu steigern: «Leviathan» sowie die zwölf- und vierzehnminütigen Tracks «Ghosteen» und «Hollywood» bilden die Höhepunkte.

Der Geist des 2015 tödlich verunglückten Sohnes ist lyrisch und musikalisch allgegenwärtig. «Ghosteen» heisst so viel wie «kleines Gespenst», gleichzeitig vermischen sich darin die Begriffe «ghost» und «teen». Im Titelsong singt Cave: «Ein kleines Gespenst tanzt in meiner Hand», in «Fireflies» ist er hingegen selbst ein «Glühwürmchen gefangen in der Hand eines kleinen Jungen». Cave kann in seiner Trauer über nichts anderes schreiben und muss seine Trauer, wie er selbst beteuert, in seiner Kunst ausdrücken. Das legitimiert jedoch weder den transzendentalen Unsinn noch die abgestandenen Märchen- und Bibelmetaphern, die er in den Songtexten zum Besten gibt.

Die kollektive, heilsame Trauerverarbeitung, die Cave anbietet, ist für zahlreiche Fans genau das, was sie suchen. Viele werden sich jedoch die bleischwere Therapiesitzung ersparen wollen, die dieses Album anbietet.

«Ghosteen» von Nick Cave erscheint am 8. November als Platte beim Label Bad Seed.

 

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