(Bild: zVg).

Träumerische Klänge, schroffe Texte

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Album — Sierra und Bianca Casady – zusammen sind die Schwestern CocoRosie. Ihre Geschichte ist ungewöhnlich: Sie wurden in Iowa und Hawaii geboren und ihre Eltern trennten sich, als die beiden erst drei und fünf Jahre alt waren. Danach wuchsen sie grösstenteils bei der Mutter auf, die mit ihren Töchtern fast jedes Jahr in eine neue Stadt zog, da sie glaubte, in der «echten Welt» sei mehr zu lernen als in der Schule. Der Vater, ursprünglich Lehrer, wandte sich irgendwann dem Schamanismus zu und zog als Prediger durch die USA. Als junge Erwachsene verloren sich die Schwestern aus den Augen: Bianca begann ihr Studium in New York City und Sierra liess sich in Paris zur Opernsängerin ausbilden. Nachdem sie sich zehn Jahre nicht mehr gesehen hatten, kam es zur Wiedervereinigung, aus dem das Duo CocoRosie und erste Aufnahmen entstanden. Weitere siebzehn Jahre später erscheint mit «Put the Shine On» nun das siebte Studioalbum der Formation. Fans der Casadys werden nicht enttäuscht sein.

Genauso ungewöhnlich wie die Biographie der Schwestern ist ihre Musik, die sich stilistisch kaum einordnen lässt. Das Grundgerüst der Songs ist zwar ziemlich konventionell und von dieser Struktur weichen die Songs nur wenig ab. Da sind aber all die Geräusche, Stimmen und Instrumente, mit denen CocoRosie spielen und die ihren Sound ausmachen.Während man Sierra ihre Gesangsausbildung anmerkt, bedient sich Bianca eher einer Art Sprechgesang mit kindlichem Ton und Gestus, was den Liedern oft etwas Absurdes, stellenweise Ironisches verleiht. Auf «Put the Shine On» gibt es ausserdem zwei kleine Nicki-Minaj-artige Rap-Einlagen, die etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch originell daherkommen. Sierra und Bianca spielen zusammen etliche Instrumente und haben in der Vergangenheit auch vor Popcornmaschine, Kinderspielzeug und Föhn nicht Halt gemacht. Das hat sich nicht geändert, die meisten Lieder begleitet eine träumerische Geräuschkulisse, die ihren Reiz hat, teilweise aber auch stört und vom Wesentlichen ablenken kann. Während CocoRosie schon immer viel elektronische Samples benutzten, sind die neuen Songs doch Beat-lastiger und ein wenig schroffer.

Schroff sind oft auch die Texte. Verlorenheit, Verwirrung und Verzweiflung prägen die thematische Landschaft zu einem grossen Teil. So etwa in «Smash My Head»: «Zerschlage meinen Kopf in Stücke/ ich bin zerbrochen / wringe meine Seele von innen heraus / ich atme noch», heisst es beispielsweise in einem Song, den die Band als einen «auf Feuer rennenden Schrei des Teenager-Herzen» beschreibt. Geschichten werden, wenn überhaupt, dann nur in Andeutungen erzählt. So etwa in «Slow Down Sun Down», einem sehr schönen, etwas ruhigeren Titel, in dem das «Ich» eine schmerzhafte Trennung verarbeitet. Passend zur träumerischen, sphärischen und manchmal auch unheimlichen Musik arbeiten die Texte mehr mit Stimmungen und Bildern als mit Konkretem. Immer wieder tauchen ausserdem die Themen Religion und Eltern auf und deuten wohl auf autobiographische Inspiration hin. So wendet sich «Ruby Red» an eine liebende, tiefgläubige Mutter, während ein «Pa» in eher negativem Kontext genannt wird.

Insgesamt ist CocoRosie mit «Put The Shine On» ein interessantes und hörenswertes Album gelungen, das aber gewiss nicht für jede oder jeden ist. Die Platte braucht tiefere Beschäftigung, wenn sich Genuss bei den Hörer*innen einstellen soll.

«Put the Shine On» von CocoRosie ist am 13. März bei Marathon Artists erschienen.

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