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Bild: Marco Rosasco

Ungewohntes Wohnen

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Zwei Frauen mit 60 Jahren Altersunterscheid wohnen zusammen. Ein katholisches Studentenhaus setzt auf strenge Auswahl- kriterien. Zwei Porträts ungewöhnlicher Wohnformen.

Studentenhaus Allenmoos

Das Studentenhaus Allenmoos erinnert auf den ersten Blick ein wenig an ein Hotel: Neben Foto- leinwänden mit Motiven wie Monets Seerosen zieren Ölgemälde die Wände dieses Wohnheims, in jedem Raum scheinen das Mobiliar und die Dekoration farblich abgestimmt. Eine Wendeltreppe führt in das obere Stockwerk, wo sich das Wohnzimmer mit den königsblauen Jugendstil-Sesseln be ndet. Wer hier wohnt, dem wird mehr als der Durchschnitt geboten.
Jedes Jahr schreiben sich Tausende Menschen neu an der Universität Zürich oder ETH ein. Für viele von ihnen bedeutet dies, dass sie ihren Heimatort verlassen und ihr Leben in die Limmatstadt verlegen müssen. Die Eingewöhnung in das neue Umfeld ist mühsam. «Wir möchten unseren Bewohnern genau diese Dinge erleichtern», erklärt Matteo. Matteo ist der Sekretär des Studentenhauses Allenmoos. Für ihn ist klar: «Wir sind mehr als eine Zweckgemein- schaft!»

Offen für alle

Das Studentenhaus Allenmoos wurde vor fast 26 Jah- ren gegründet und gehört zur christlich orientierten Kulturgemeinschaft Arbor. Neben dem Allenmoos betreibt Arbor die Zürcher Wohnhäuser Sonnegg und Goldbrunnen. Das Haus, dessen Leitbild katholisch inspiriert ist, möchte Studierenden mehr bieten als bloss ein Dach über dem Kopf: «Wir unterstützen un- sere Bewohner einerseits in ihrem Studium, indem wir ihnen optimale Lernbedingungen bieten, möch- ten aber andererseits ihre Kulturkompetenz fördern und für ein familiäres Ambiente im Studentenhaus sorgen», so Matteo. Jährlich bewerben sich Dutzende junge Männer um ein Zimmer, obwohl das Haus nur über 22 Plätze verfügt. Die Auswahlkriterien für die Bewohner sind strikt. Gute schulische Leistungen, ausserschulische Engagements und ausformulierte Lebensziele sind Voraussetzungen, um sich für ein Zimmer bewerben zu können. Anschliessend wer- den aus dieser grossen Zahl Bewerber etwa 15 zum Vorstellungsgespräch eingeladen, wobei durch- schnittlich etwa fünf Zimmer vergeben werden. Im Bewerbungsgespräch geht es schliesslich darum, die Leiter des Hauses zu überzeugen: «Obwohl uns die Leistungen unserer Bewerber durchaus wichtig sind, ist es das Auftreten, das im Vorstellungsgespräch entscheidet, ob derjenige für unser Studentenhaus geeignet ist. Wir wünschen uns keine Einzelgänger, die sich ständig in ihrem Zimmer verschanzen, son- dern Mitbewohner, die sich gerne beteiligen wollen.» Wer die Leitung des Hauses schliesslich überzeugt, erhält ein Zimmer, schlicht eingerichtet mit Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank. Gleichzeitig ste- hem einem mehrere Lern- und Aufenthaltsräume zur Verfügung und man ist nun Teil einer Gemeinschaft, die zusammen lernt, kocht und viel unternimmt. «Jeden Sonntag gehen die Bewohner beispielsweise gemeinsam Fussball spielen», erzählt Matteo. Ne- ben Kinoabenden und Pub-Besuchen gibt es zudem wöchentliche Vorträge und Diskussionen, wo die Bewohner sich mit bekannten Personen aus der Wirtschaft austauschen können. Eine weitere Beson- derheit des Allenmoos ist die hauseigene Kapelle. Matteo betont jedoch, dass das Studentenhaus allen offen steht, unabhängig von ihrer Religionszugehö- rigkeit. Obwohl das religiöse Programm nicht P icht ist, ist spürbar, dass das Allenmoos katholisch ge- prägt ist: Es nden wöchentliche Betrachtungen statt, in jedem Zimmer hängt ein Bild der Heiligen Maria, und Besuch über Nacht ist nicht erwünscht.

Wohnen für Hilfe

Anders lebt die 24-jährige Jia Zhang aus China. Für ihre Masterarbeit und ihr Doktorat in Biomedizin- technik an der ETH ist sie vor rund drei Jahren in die Schweiz gezogen. Seit zwei Jahren lebt sie zusammen mit Barbara Hugentobler-Rudolf in einer Wohnge- meinschaft – eigentlich nichts Aussergewöhnliches für eine Doktorandin, wäre da nicht der Altersunter- schied. Barbara ist 84 Jahre alt.
Gefunden haben sich die beiden über die Platt- form «Wohnen für Hilfe» der Stiftung Pro Senectute Kanton Zürich. Barbara erklärt: «Ich habe mich vor ca. 7 Jahren für das Projekt angemeldet. Ich wünschte mir jemanden im Haus, damit ich unterwegs sein kann, besonders, weil ich damals meinen Mann zu Hause gep egt habe, der an Demenz erkrankt war.» Ein Mitbewohner fand sich auch schnell. Er und zwei seiner Nachfolger blieben aber jeweils nur sechs Monate bis rund ein Jahr . «Ich habe mich mit allen gut verstanden», sagt Barbara, «die Gründe für den Auszug waren stets ausserhalb unserer Macht. Mit zweien bin ich noch heute in Kontakt.»
Dann bewarb sich Jia für das Zimmer in Barba- ras Haus. «Zuvor hatte ich in einem Studentenwohn- heim der WOKO gelebt. Mein Vertrag war aber auf ein Jahr beschränkt», erzählt sie. Als das Ende ihres Mietvertrags nahte, suchte sie nach einer neuen Möglichkeit. Sie entdeckte das Projekt «Wohnen für Hilfe». «Das Zusammenleben mit Personen aus einer anderen Generation kann hilfreich sein», er- klärt sie. «Zu Hause musste ich nicht oft mithelfen. Meine Mutter hat immer für mich gekocht, geputzt und meine Wäsche gemacht. Als ich in die Schweiz kam, musste ich das alles erst lernen. Dabei konnte Barbara mich sehr unterstützen.»

Erfolge und Glücksmomente teilen

Das Zusammenleben der Generationen funktio- niert von beiden Seiten her gut. In Jias Mietvertrag steht, dass die Anzahl Quadratmeter ihres Zimmers für die Anzahl Stunden steht, die sie pro Monat im Haus mithelfen muss. Für Jia sind dies 12 Stunden. «Wir zählen aber nicht akribisch», sagt Barbara. «Es macht keinen Sinn, fünf Minuten Abwasch und 30 Sekunden Koffertragen aufzuschreiben.» Das Arrangement funktioniere auch so gut. Das Wichtigste sei, dass immer jemand da ist, mit dem sie sprechen kann, sagt Jia. «Die Arbeit an meiner Dissertation übt oft grossen Druck auf mich aus, und manchmal vermisse ich meine Familie. Barbara unterstützt mich dabei sehr; besser vielleicht, als weniger reife Menschen dies könnten.» Es sei aber auch schön, Er- folge und Glücksmomente mit jemandem teilen zu können. Natürlich verbringe sie auch einige Abende mit ihren Freunden, sagt Jia. Wenn sie nach Hause zurückkommt, brennt immer ein Licht für sie, damit es nicht zu dunkel ist. Dies bedeutet, dass sie daheim angekommen ist. Dem stimmt auch Barbara zu: «Jia ist für mich mittlerweile wie eine Enkelin geworden. Sie gehört einfach zur Familie.»

Kulturaustausch

Man müsse sich aber bewusst sein, worauf man sich einlässt, sagt Barbara. Offenheit, Flexibilität und ein Wille zur Akzeptanz seien ein Muss. «Ich habe Freunde, die es stören würde, immer jemanden im Wohnzimmer oder der Küche zu haben. Aber ich geniesse das. So bin ich nicht alleine.» Natürlicher- weise kommt es auch zu einem Kulturaustausch. So begleitet Jia Barbara zu Konzerten und zu Anlässen wie dem Sechseläuten. Sie versucht sich im Gegen- zug an chinesischen Gerichten. «Am schönsten ist, dass wir uns immer gegenseitig eine gute Nacht wün- schen, bevor wir zu Bett gehen», meint Jia. ◊

In Zusammenarbeit mit Dominique Zeier

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