Auch am Paradeplatz ist Sustainable Finance en vogue (Bild: Drahnreb, CC)

Uni erforscht nachhaltige Finanzsysteme

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Ein neues Forschungszentrum will die Uni als Vorreiterin in Sustainable Finance positionieren.

Die Finanzbranche ist eine Klimasünderin: Eine vom Bund mitfinanzierte Studie zeigt, dass Investitionen von Schweizer Versicherungen und Pensionskassen eine Erderwärmung von vier bis sechs Grad unterstützen. Doch seit der Finanzplatz wegen der Klimakrise um seine Erträge fürchtet, ist das vermeintliche Oxymoron «Sustainable Finance» en vogue. Das zeigt sich auch in der Wissenschaft: Allein die Uni Zürich beherbergt drei Forschungszentren, die Finanzen und Nachhaltigkeit in Einklang bringen wollen.

Nun kam Anfang Jahr an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät das «Center of Competence for Sustainable Finance» dazu. Dieses verfolgt das Ziel, die interdisziplinäre Forschung voranzutreiben und die Uni mit der Kollaboration von Expert*innen in eine Führungsposition in Sustainable Finance zu hieven. Ausserdem arbeitet man an einem spezifischen Masterprogramm.

«Weltweit kein vergleichbares Zentrum»

Die Verantwortlichen geben sich selbstbewusst: «Meines Wissens gibt es weltweit kein Zentrum vergleichbarer Art in dieser Grösse», sagt Falko Paetzold vom Institut für Banking and Finance, der auch Direktor des Zentrums ist. Er forscht schon länger zu Sustainable Finance, war in Harvard und der Finanzbranche tätig. Zürich als globales Finanzzentrum sei als Standort prädestiniert. Auch die Uni habe sich der Idee gegenüber offen gezeigt und eine Anschubfinanzierung geleistet.

Paetzold betont, dass das Zentrum auch ein «Kommunikationsgefäss» sein soll, um die Forschung in Sustainable Finance öffentlichkeitswirksam zu präsentieren.

Kapital regiert die Welt

Weil das Zentrum noch keine Projekte vorweist, verweist die Webseite auf die Forschung einzelner Mitglieder. Diese klingen kaum nach radikalem Umdenken, sondern nach dem, was vom Finanzsektor als Antwort auf die Klimakrise zu erwarten ist: Ein Team arbeitet an einer Toolbox, die es Firmen erlaubt, die Klimarisiken ihrer Investitionen zu evaluieren; ein anderes forscht zu den Unterschieden zwischen Nachhaltigkeitsratings.

«Im Kapitalismus bestimmt das Kapital zu einem wichtigen Grad, was geschieht», erklärt Paetzold die aktuelle Forschungsrichtung. Dieses liege nun einmal bei den Investor*innen, deren Kapitalströme es möglichst effizient in nachhaltige Projekte zu lenken gelte. Deshalb würden auch Kooperationen wie gemeinsame Forschungsprojekte oder öffentliche Anlässe mit der Privatwirtschaft eruiert, wobei das Zentrum aber transparent sein und unabhängig bleiben wolle.

Nobelpreisträger Stiglitz engagiert

Auch wenn das Zentrum kaum an der Funktion des Finanzsektors rüttelt, kommt es nicht als neoliberales Versuchslabor für Pseudophilantrop*innen daher. So sieht Paetzold viele der vorherrschenden ökonomischen Modelle als der Komplexität der Klimakrise nicht gewachsen. Zudem konnte Joseph Stiglitz von der Columbia University als designierter Vorsitzender des Beirats gewonnen werden. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Kritiker unregulierter Märkte und Advokat eines «Green New Deal». Das unentgeltliche Engagement von Stiglitz könnte mehr als ein ökologisches Feigenblatt für das Zentrum sein. Auch Lorenz Hilty, Informatik-Prof und Nachhaltigkeitsdelegierter der Uni, der gerne von einem «zukunftsblinden Markt» spricht, ist mit an Bord. Man darf also gespannt sein, wie das Zentrum mit dem aktuellen Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Finanzwelt umgeht.

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