Aktivist*innen wollen im Lichthof auf das Verbot aufmerksam machen.

Uni verbietet Vulvavideo

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Am Dienstag wollten Aktivist*innen im Rahmen der feministischen Aktionswochen eine Videoinstallation zur Enttabuisierung von Vulvas zeigen. Doch die Bewilligung wurde ihnen kurzfristig entzogen.

Seit Montag findet an allen Zürcher Hochschulen eine feministische Aktionswoche statt. Organisiert werden die Workshops, Filmvorführungen, Vorträge oder eine Dragshow vom Frauen*streik-Hochschulkollektiv. Am Dienstag hätte die Videoinstallation «le sex féminine existe» vom Kollektiv Les Blue Vulvettes im Lichthof des Uni-Hauptgebäudes gezeigt werden sollen. Mit dem Video wollen sich die Macher*innen gegen die Tabuisierung von Vulvas einsetzen. Die Videoinstallation konnte jedoch nicht vorgeführt werden, denn der Gruppe wurde am Montagabend kurzfristig die Bewilligung entzogen.

«Das Verbot kam extrem überraschend, denn die Veranstaltungsanfrage wurde bereits vor einem Monat bestätigt», erklärt Ronja*, Mitglied des Kollektivs. Am Donnerstag hätten sie eine E-Mail von der Uni Zürich erhalten mit der Anfrage, ihnen das Video zukommen zu lassen. Da das Kollektiv am selben Tag eine Facebook-Veranstaltung mit dem Video veröffentlicht hatte, wurden die Verantwortlichen der Uni darauf aufmerksam. Zuvor sei kein Interesse bekundet worden. «Als nächstes wurden wir am Montagabend informiert, dass wir das Video am darauffolgenden Tag nicht zeigen dürften und unsere Reservation im Lichthof verfallen sei. Das vorerst ohne weitere Erklärungen.»

Tabuisierung mit Kunst bekämpfen

Im Video, das das Kollektiv zeigen wollte, ist weder Sex noch ein nackter Körper zu sehen. Im Mittelpunkt stehen unterschiedlich aussehende Vulvas, die reden, tanzen oder von Händen begutachte werden. Währenddessen liefert eine französische Stimme Hintergründe zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Vulvas und zur Periode. Um Zuschauer*innen selbst die Entscheidung zu überlassen, ob sie das Video sehen wollen oder nicht, plante das Hochschulkollektiv, den Fernseh-Bildschirm zwischen mehreren Stellwänden zu positionieren. Im Video sind die Vulvas von einer schwarzen Fläche umgeben, somit ist kein anderer Teil des Körpers sichtbar. Sie werden quasi von ihrem Zweck und der dazugehörenden Person abstrahiert und als Kommunikationsmedium eingesetzt.

Sophie Schmid ist Mitinitiantin des Videos und will genau das erreichen: «In unserer Gesellschaft ist die Vulva tabuisieret. Wenn sie thematisiert wird, dann lediglich in sexueller Hinsicht oder im Gebärkontext.» Viele Frauen hätten Komplexe mit dem Aussehen ihrer Vulvas, weil man sie nie sehen würde. «Deshalb muss es möglich sein, Vulvas auch künstlerisch darstellen zu können. Bei Penissen ist dies schliesslich kein Problem. Wer sich im Lichthof umsieht, findet genügend Beispiele», stellt Sophie fest.

Verbot durch Kommission

Das Verbot betreffe jedoch nicht den Inhalt des Films, argumentiert Christiane Löwe, Leiterin der Abteilung für Gleichstellung und Diversität, sondern sei das Ergebnis einer kurzfristigen Entscheidungsfindung gewesen. Am Montag habe die Kommission «Reglement Schutz vor sexueller Belästigung» beschlossen, die Veranstaltung nicht durchzuführen. «Den Film in einem öffentlichen Ort wie dem Lichthof zu zeigen ist schwierig», so Löwe. «Dass die Aktivist*innen die Stellwände aufstellen wollten haben wir zu spät erfahren». Ihre Hauptbesorgnis sei es gewesen, Menschen im Universitätsbetrieb zu schützen, die den Film nicht sehen wollten. Wichtig wäre ihr zufolge gewesen, dass klar kommuniziert worden wäre, dass im Video nicht nur generelle feministische Anliegen, sondern auch spezifisch Geschlechtsteile thematisiert und gezeigt würden.

Fehlende Information wegen fehlender Nachfrage

Hätten das Kollektiv also erklären können, dass sie Stellwände aufstellen würden, wäre die Veranstaltung wahrscheinlich normal durchgeführt worden. Nur ist das Kollektiv bis zum ersten Mailkontakt gar nie zum genaueren Inhalt der Veranstaltung befragt worden. «Vor der Veröffentlichung der Facebook-Veranstaltung hat sich niemand für genauere Informationen interessiert oder danach gefragt», so Ronja*. Die Aktivist*innen können die Argumentation der Kommission deshalb nur bedingt nachvollziehen. Am Dienstag waren Aktivist*innen deshalb, ausgerüstet mit farbigen Plakaten, Stickers und Laptops, trotzdem in einer Ecke des Lichthofs anzutreffen. Einerseits um sich gegen die unerwartete Zensur der Uni zu wehren, andererseits um das Video interessierten Studierenden dennoch auf einem kleinen Laptopbildschirm zeigen zu können. Einige Studierende laufen uninteressiert vorbei, andere bleiben stehen und gesellen sich dazu. Etwa so, wie es eigentlich hätte ablaufen können.

*Name von der Redaktion geändert.

Korrigendum: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass das Kollektiv eine E-Mail von der Gleichstellungskommission der Uni Zürich erhalten habe. Das ist nicht korrekt, die Gleichstellungskommission war im vorliegenden Fall nicht involviert. Wir haben den Artikel angepasst und bitten um Entschuldigung.

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