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Unprofessionelle Geheimniskrämerei

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Die Studienreform «Bologna 2020» ist in vollem Gange. Doch statt Politik macht der VSUZH eine Umfrage – und vertrödelt damit wertvolle Zeit.

Im April 2016 entscheidet der VSUZH-Rat, eine Mailumfrage unter allen Studierenden durchzuführen. Der Verband will wissen, was die Studierenden der Philosophischen Fakultät über die «Bologna 2020»-Reform denken. Nur so glaubt man, im Namen der Studierenden Stellung zur Reform nehmen zu können. Zu einer Reform, die bereits in vollem Gange ist. Über sieben Monate später sind noch keine Resultate aus der Umfrage veröffentlicht.
Der ZS liegen die Daten aus der Umfrage vor, die der VSUZH-Vorstand geheimhalten will. Das Dokument enthält eine erste Auswertung der Rohdaten und bestätigt den Eindruck, der sich durch die intransparente Kommunikation des Verbands aufgedrängt hatte: Hier läuft etwas schief.
Die Umfrage wurde unprofessionell erstellt, viele Fragen suggestiv formuliert; manche Teilnehmende wussten nicht, was «Bologna 2020» überhaupt ist. Zudem wird klar: Der gesamte Befragungsprozess entsprach keinen wissenschaftlichen Standards. Die Ergebnisse aus der Befragung als Basis für weitere politische Schritte zu nehmen, wäre deshalb fahrlässig.

Die Meinung aller Studierenden

Doch der Reihe nach: Im Rahmen des Reformprojekts «Bologna 2020» wurde bereits entschieden, die 90-Punkte-Hauptfächer und die kleinen 30-Punkte-Nebenfächer an der Philosophischen Fakultät abzuschaffen. Weitere Massnahmen sind innerhalb der nächsten drei Jahre geplant: So sollen etwa Module in Zukunft wieder mehrere Lehrveranstaltungen umfassen. Nachgedacht wird auch über allgemeine Studienprogramme – zum Beispiel über einen Bachelor «Sozialwissenschaften».
Der VSUZH-Rat hat sich entschieden, alle Studis nach ihrer Meinung zur Reform zu fragen – «weil der Rat zwar von der Studierendenschaft gewählt wird, aber nicht für sie in der Gesamtheit sprechen kann», wie Pio Steiner, Mitglied in der zuständigen Bildungskomission (BiKo), erklärt. Brisant ist, dass sich der Grossteil der Umfrage um die Abschaffung der Nebenfächer dreht. Genau um denjenigen Teil der Reform also, der mittlerweile bereits in Stein gemeisselt ist.

Suggestive Fragen

Viele der Fragen, die den Studierenden gestellt wurden, waren suggestiv. «Glaubst du, das System wäre nicht transparent genug?» – Auf diese Frage antworteten denn auch nur vier der fast vierhundert Teinehmenden mit einem Nein. Dies bemerkten und beanstandeten viele von ihnen, wie die Kommentare zur Umfrage zeigen: «Die Fragen zielen auf bestimmte Antworten ab», schrieb jemand.
Der Vorstand hatte es überdies versäumt, zu erklären, worum es bei der Reform überhaupt geht. Ob dies – genauso wie die unsorgfältige Formulierung der Fragen – daran liegt, dass damals im April alles so schnell wie möglich gehen musste? «Weil die Thematik so brisant ist, wurde die Umfrage in sehr kurzer Zeit erstellt», sagt Steiner. Man war sich also durchaus bewusst, dass die Uhr tickte – und entschied sich dafür, die Umfrage nicht im Voraus von Fachleuten erstellen oder wenigstens prüfen zu lassen.

Professionelle Ergebnisse?

Der Auswertungsprozess sollte dann professioneller ablaufen – während die Kommunikation durch die Verantwortlichen immer intransparenter wurde. Die Ratsmitglieder erfuhren in der Sitzung vom 30. September, dass man die Daten Studierenden einer anderen Univiersität übergeben habe, die sich «mit Statistiken und Umfragen auskennen». Laut Steiner ist es nun aber eine auf solche Auswertungen spezialisierte Stelle innerhalb der Universität Zürich, die die Auswertung vornimmt: «Teil der Begutachtung muss sein, herauszufinden, ob bei der Umfrage wissenschaftliche Fehler unterlaufen sind.»
Und so will der VSUZH die Rohdaten unter Verschluss halten, bis die unabhängige Auswertung abgeschlossen ist. Man hoffe aber, dass die Resultate noch dieses Jahr veröffentlicht werden können.
Während man im Verband der Studierenden trödelte, stand die Zeit an der Uni aber eben nicht still: Wichtige Entscheidungen zu «Bologna 2020» sind längst getroffen worden. Rat und Vorstand haben wertvolle Zeit damit verschwendet, die studentische Meinung über einen Teil der Reform herauszufinden, über den gar nicht mehr diskutiert werden kann. Und das in einer unprofessionell und unsorgfältig erstellten Umfrage, die keinen wissenschaftlichen Standards genügt. Weil die Vertreterinnen und Vertreter im Rat nicht mutig genug sind, selber Position zu beziehen – also das zu tun, wofür die unipolitisch interessierten Studierenden sie in ihr Amt gewählt haben. ◊

In Zusammenarbeit mit Reto Heimann

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