Bilder: Peter Mettler

Veloweltstadt Oerlikon

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Am 8. Mai läuft auf der Offenen Rennbahn die Velosaison an. Die Wettkämpfe sind Kult, die Bahn selbst ist legendär.

Ein Gang, keine Bremse, hauchdünne Schlauchreifen, Klickpedale, eine stark gebeugte, doch grazile Haltung – die Rennfahrer in den enganliegenden Radlerhosen und ihre Velos scheinen unzertrennbar zusammenzugehören. Das Kreisen auf der Rennbahn hat für Zuschauer etwas Meditatives. Hugo Koblet, der Pédaleur de charme und neben Ferdy Kübler der einzige Schweizer, der die Tour de France gewann, der zehnfache Weltmeister Urs Freuler, Bruno Risi, Franco Marvulli – sie alle wurden auf dem Oerliker Oval gross. Mit ihrem mehr als hundertjährigen Bestehen ist die Velorennbahn in Oerlikon die älteste noch betriebene Sommersportanlage und die letzte offene Radrennbahn der Schweiz, weshalb ihr auch eine besondere kulturhistorische Bedeutung zukommt.

Oerliker Zement

Ende des 19. Jahrhunderts bricht eine Radsporteuphorie aus, das Velofahren ist en vogue, Velorennen werden zu Massenspektakeln auf der ganzen Welt. Befand sich die erste Zürcher Radrennbahn von 1892 bis 1912 noch auf der Hardau beim Albisriederplatz, baute man schon bald eine neue Bahn, die nach einer Bauzeit von rekordverdächtigen fünf Monaten im August 1912 fertiggestellt wurde. Die weitläufigen Gemüsefelder von Oerlikon wichen einem neuen, aufstrebenden Radsportzentrum. Nach regen Besitzerwechseln ist die Bahn seit 1951 im Besitz der Stadt Zürich, den Rennbahnbetrieb hat 2003 die Interessengemeinschaft Offene Rennbahn (IGOR) unter der Leitung von Alois Iten übernommen. Dieser war selbst Rennfahrer. In welchem Jahr er sein allererstes Rennen bestritten hat? Er lacht – 1959 war das. Aufgehört hat er wegen der Arbeit. Iten besitzt seit 50 Jahren eine Werkstatt gleich neben der Bahn, die er liebevoll seine «Baracke» nennt. Unzählige Rennfahrer, Amateure und Gümmeler haben ihm ihr Velo anvertraut. Wisel, wie er unter Rennbahnfreunden genannt wird, ist eine Legende in der Radsportgesellschaft, als Deutschschweizer Nachwuchstrainer, als Mechaniker, als Fahrer, als Glücksfall für die Offene Rennbahn Oerlikon und ihren Erhalt.

«Schönste Anlage der Welt»

Dies versprach das Inserat zum Eröffnungsrennen am 25. August 1912 im Tagblatt der Stadt Zürich. Das Oval ist an sich schon bemerkenswert. Europas seinerzeit schnellste Rennbahn misst genau 333,333 Meter, besonders eindrücklich sind die Steilkurven mit einer Neigung von 44,5 Grad. Als weltweit erste Spannbetonkonstruktion galt die Radrennbahn als Pionierleistung der Ingenieurbaukunst und war für damalige Verhältnisse ein architektonisches Meisterwerk.

Von Einzelrennen über Massenstarts bis zu Verfolgungsrennen, Punkte- und Zeitfahren werden alle Disziplinen auf der Rennbahn ausgetragen. Sie haben so klingende Namen wie Australienne, Keirin, italienische Jagdrennen, Madison, Scratch und Sprint. Grosser Beliebtheit erfreut sich das Steherrennen, die schnellste Bahndisziplin – Durchschnittsgeschwindigkeit 70 –80 km/h –, bei der die Fahrer, wie moderne Gladiatoren, im Windschatten eines motorisierten Schrittmachers in die Pedale treten. Ein weiterer Publikumsmagnet ist jede Saison auch das «Indianapolis», ein Renntag kombiniert mit der Präsentation und Demonstra-tionsfahrten historischer Rennautos und Rennmotorräder. «Etwas vom Schönsten, das ich erlebt habe, war die Weltmeisterschaft von 1983», schwärmt Iten. Vor den Eingangsgittern stand eine Tafel, alle Plätze seien ausverkauft, die Stimmung war unvergleichlich. Seit 1923 wurden nicht weniger als acht Weltmeisterschaften auf der Bahn ausgetragen. Von Anfang an genoss die Rennbahn einen internationalen Ruf, gehörte zu den prominentesten Bahnrennsport-Metropolen und wurde im selben Atemzug genannt wie die Rennbahnen von Chicago, Paris oder Berlin. Zog sie damals die weltbesten Rennfahrer und Zehntausende von Zuschauern an, so starten auch heute noch weltweit gefeierte Namen in Oerlikon. Und zwar vor allem,  um der geschichtsträchtigen Bahn ihren Respekt zu erweisen, denn das Preisgeld ist bescheiden.

Trotz den klaffenden Lücken, die sich in den Zuschauerreihen bemerkbar machen, herrscht auf der Bahn eine besondere Atmosphäre. Hier ist das Leben noch analog, die Zeit ist stehen geblieben. Die Punktetafeln an der grossen Anzeige über der Nordtribüne werden noch von Hand umgelegt. Nicht nur Radsportenthusiasten finden ihren Weg ins Oerliker Oval.  «Viele Leute assoziieren die Bahn mit einer glücklichen Ära in Zürich», meint Iten. Die Offene Rennbahn trumpft mit Bodenständigkeit auf, schon früher ein Treffpunkt für Arbeiter, verbindet sie auch heute noch Geselliges mit dem Sportlichen. Dem Lokalmatador kann man nach dem Rennen die Hand schütteln, und das Feierabendbier zu einer Bratwurst gehört schon lange zur Tradition eines Rennbahnbesuchs.

Ohne Ende

Die Zukunft der Bahn ist ungewiss. Schon mehrere Male konnte sich das Rennoval vor Abbruchvorhaben und der Versenkung retten. Vorerst ist die Rennbahn aber für die nächsten zehn Jahre gesichert, die Stadt investiert rund 5 Millionen Franken, um sie 2019 zu sanieren. So solide wie der Beton des Ovals ist der Wille der IGOR, die Bahn zu erhalten. Höchste Zeit, den Velozipedisten einmal zuzujubeln.

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