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Verbotener Techno

in Campus von

Raving Iran ist ein Dokumentarfilm über zwei iranische DJs mit dem Traum, von Techno leben zu können. Obwohl er in ihrem Land verboten ist.

Durchfeiern bis die Sonne von oben auf die müden Lider drückt. Zu wummernden Bässen rhythmisch auf den Boden stampfen. Die Hände, dem Laser folgend, durch die dicke Luft schlängeln lassen: Was bei uns höchstens hohe Eintrittspreise mit sich bringt, steht im Iran unter Gefängnisstrafe. Techno- und Housemusik sind dort illegal.

Leben im Untergrund

Regisseurin Susanne Regina Meures fand zwei junge Männer, die sich davon nicht einschüchtern lassen. Arash und Anoosh sind DJs im Untergrund. Umgeben von vier kargen Wänden verbringen sie Stunden hinter dem Bildschirm und feilen an ihrer Musik, legen Line über Line. Zwischendurch steht einer auf, geht zum Fenster, lehnt sich nah an die Wand und schiebt den Vorhang ein Stück weit zurück, um hinauszuschauen. Polizei an jeder Ecke, jederzeit könnten sie auffliegen. «Sie haben mich einmal erwischt und fast zu Tode geprügelt» sagt Anoosh und zeigt dabei auf die Narben in seinem Gesicht. Sie entstanden an einer der geheimen Partys, an denen sie ihre Musik auflegten.
Doch Aufgeben ist keine Option. Die zwei jungen iranischen DJs haben unter dem Namen «Blade and Beard» ein Album zusammengestellt und wollen es verkaufen. Eine schwierige Aufgabe, ist doch bereits der Druck des Covers illegal, weil es lateinische Schrift enthält. «Ist euer Album politisch, dann werden sie euch hinrichten», meinte ein Plattenhänder, bei dem sie die CD verkaufen wollten.
Die Antwort bleibt offen. Wie sich ihr Album tatsächlich anhört, erfährt man als Zuschauer leider kaum. Ein stets wiederkehrendes und orientalisch angehauchtes Lied von Ghazal Shakeri ist das einzige, was man an elektronischer Musik erwarten darf. Ansonsten wird bei der Filmmusik leider etwas zu oft auf Akustisches gesetzt.

Das Leben von Anoosh und Arash ist eine Gratwanderung zwischen Selbstverwirklichung und Zelle. Gefilmt wird zur Sicherheit oft nur mit Handykameras. Wer auf Filme in HD-Qualität abfährt, wird also enttäuscht werden. Doch die wackeligen Aufnahmen demonstrieren effektvoll, wie haltlos das Leben im Iran sein muss, fügt man sich nicht bedingungslos den Normen des Staates. Freunden der beiden DJs musste das Gesicht zensiert werden, um sie vor der Polizei zu schützen.
Dass ein solches Leben auf der Flucht auf Dauer nicht  auszuhalten ist, wird den beiden immer mehr bewusst.Als eines Tages die Streetparade anruft und sie buchen will, ist klar: Anoosh und Arash wollen den Iran verlassen, am liebsten für immer. In der Heimat hat ihre Leidenschaft keine Zukunft, für eine Chance auf Erfolg müssen sie in den Westen. Doch die Entscheidung, ein Leben in Europa zu führen, hängt nicht nur von ihnen ab.

Auflehnung durch Musik

Wer die Raverszene bislang als zugedröhnten Konsumhaufen mit Freude an zu lauter Musik betrachtete, wird spätestens nach dem Film einen beseelteren Blick auf sie werfen. Techno ist mehr als Drogen und dröhnende Bässe. Techno ist Auflehnung gegen und Hinterfragen von Konventionen. Meures hatte das Glück, für ihren Film zwei Menschen zu finden, die dies nicht besser hätten beweisen können.

Doch nicht bloss für Musik- oder Szenenbegeisterte ist der Film eine Bereicherung. Raving Iran ist so nervenaufreibend wie politisch: Erlebt man das Duo erst in der alltäglichen Paranoia vor Sittenpolizei und Kulturministerium, muss man nachher mit ansehen, wie ihre Chance, in Europa bleiben zu können, verschwindend klein ist. Es ist ein Film über Ausweglosigkeit und die Art, damit umzugehen. Ein mitreissendes Portait über zwei Menschen, die ihr Ziel so radikal verfolgen, wie die iranische Polizei die westliche Musik.

Raving Iran
Regie: Susanne Regina Meures
Christian Frei Film Productions GMBH / ZHDK

Die ZS verlost 2×2 Tickets für die Premiere am 20. Oktober (21 Uhr) im RiffRaff, in Anwesenheit der Regisseurin und der beiden DJs! Daneben verlosen wir 3×2 Tickets für eine reguläre Vorstellung. Für die Teilnahme an der Verlosung bitte unten einen Kommentar hinterlassen. Mitmachen bis am 15. Oktober!

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