Die unabhängige Zeitung für Uni und ETH

Verletzliche Stärke

in Campus von

Warpaint – Kriegsbemalung also – dient im direkten Duell dazu, einen Kämpfer möglichst furchteinflössend aussehen zu lassen. Gleichzeitig verdeckt sie damit wie eine Maske allfällige Schwächen. Diese Synthese von Stärke und Verletzlichkeit, Selbstbewusstsein und Zweifel ist in der Musik der vier Frauen von Warpaint aus Kalifornien Programm: Sie spielen ihre Songs mit einigem Elan, aber ohne jede Rockgören-Attitüde. Sie lassen viel Emotionalität zu, verfallen darüber aber nie in blosses Wehklagen, wie dies Kolleginnen in anderen Genres zur Genüge tun. Seit dem ersten Album, «The Fool», spielt die Band um Frontfrau Emily Kokal einen Stil, den man durchaus rockig, aber gewiss nicht brachial oder lärmig nennen kann.
Nun präsentiert die Band mit «Heads Up» ihr drittes Studioalbum. Was zunächst an eine Warnung – vielleicht gar militärischer Art – denken lässt, kommt allerdings keineswegs aggressiv daher: Sehnsucht, Traurigkeit und unerwiderte Liebe sind auch auf dieser Platte die Leitmotive. Das ergibt eine Musik, die man gern auf nächtlichen Heimwegen hören möchte, allein unterwegs im Halbdunkel. Und diese Grundstimmung kommt über die ganzen elf Stücke nie abhanden, gleich, ob Warpaint mit Anklängen an frühen Trip-Hop, poppige Balladen oder ihrem typischen Kunstrock arbeiten. Beispielhaft hierfür ist etwa der Titelsong, der mit nichts als einem Klavier beginnt, mit der Zeit aber Fahrt aufnimmt und sich gegen Ende in ein schwungvoll grooviges Stück verwandelt. So gelingt es den Amerikanerinnen auch auf dem neuen Album in beachtlicher Weise, ein durchaus abwechslungsreiches Album zu produzieren, ohne dass einer der darauf enthaltenen Songs aus dem Rahmen fiele und den Gesamteindruck störte.
Auf «Heads Up» sind im Vergleich zu den letzten Platten durchaus Entwicklungen hörbar. So haben sich in den bass- und gitarrenlastigen Sound viele Synthesizer und Effekte eingeschlichen, und selbst das Schlagzeug ist noch elektronischer geworden. Damit findet eine Tendenz Fortsetzung, die sich bereits auf dem Vorgänger gezeigt hat, und das neue Album hört sich noch einen Tick poppiger an. Ausserdem sind vermehrt auch Motive zu hören, die unweigerlich an Musik aus den 1980er-Jahren denken lassen. Trotzdem klingen Warpaint nicht nach plumpem Retropop: Dazu sind die rockigen Elemente aus früheren Tagen während der 52 Minuten noch allzu präsent und der Umgang der Band mit Einflüssen aus anderen Dekaden und Stilrichtungen schlicht zu subtil.
Aber: Das alles bedeutet nicht, dass sich die Band neu erfunden hätte. Ja, die Texte sind noch ebenso bescheiden – um nicht banal sagen zu müssen – wie eh, dafür hat sich auch an der Klarheit der Aufnahmen nichts geändert. Warpaint zeigen einmal mehr, dass ihr Spiel mit kraftvoller Rockmusik und gefühlvoll verletzlichen Liedern bestens funktioniert. So wird sich «Heads Up» wunderbar in die Diskographie der Band einfügen. Als grosse Innovation wird es allerdings kaum in Erinnerung bleiben. Im Grunde tut diese Scheibe nämlich nur genau das, was das neue Album einer potenziellen Lieblingsband tun soll, und nicht mehr: Es klingt so, wie diese Band eben klingt, und kann damit gar nicht verkehrt sein. Brillant allerdings auch nicht.

Warpaint: Heads Up.
Rough Trade Records, 2016.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Gehe nach Oben