Nicht nur Kerzen brennen an der isländischen Weihnacht lichterloh (Bild: zVg).

Faszinierende Düsternis

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Gleich drei isländische Filme sind bald in hiesigen Kinos zu sehen. Was hat es mit dem Hype auf sich?

Seit dem Kultfilm «101 Reykjavík», der schonungslos das Reykjavíker Nachtleben zeigt, sind isländische Filme nicht mehr aus internationalen Kinos wegzudenken. In den kommenden Wintermonaten alleine stehen mit «A White, White Day», «The County» und «Echo» gleich drei isländische Premieren an. Der Gang ins Kino lohnt sich allemal – denn obwohl die Filme einiges verbindet, könnten sie zugleich unterschiedlicher nicht sein.

Hlynur Pálmasons «A White, White Day» feierte Ende November in Zürcher Kinos Premiere, nachdem er bereits am Zürich Film Festival (ZFF) gezeigt wurde. Von den drei Filmen bestätigt er am ehesten isländische Klischees: Er zeigt nebeldurchzogene Fjorde, halbverwilderte Pferde und dunkles Drama. Dabei dreht sich «A White, White Day» – der ebenso gut «A Dark, Dark Day» hätte heissen können – um Ingimundur (Ingvar Sigurðsson), der seine Frau verloren hat und in einem abgeschiedenen Haus lebt. Einzig seine Enkeltochter kann ihm ein Lächeln entlocken. Was im weiteren Verlauf des Films passiert, erinnert an Hafsteinn Gunnar Sigurðssons «Under the Tree» von 2017, der es damals ebenfalls in die Auswahl des ZFF schaffte: Aufgestaute Emotionen kochen hoch und plötzlich befindet man sich inmitten einer blutrünstigen Saga.

Rhythmus durch Zeit

Ein zentrales Element von «A White, White Day» ist Zeit. «Kino geht für mich sehr um Rhythmus», sagte Pálmason im Gespräch mit Marta Bałaga. So startet der Film mit einer einzigen Kameraeinstellung, die ein Haus im Verlauf eines Jahres zeigt. «Das Haus zu beobachten, das Ingimundur baut, ist ein wesentlicher Teil des Prozesses, mit dem erlittenen Verlust umzugehen», so Pálmasson. Zeit ist auch in Rúnar Rúnarssons Weihnachtsfilm «Echo» zentral, der ab dem 26. Dezember in Deutschschweizer Kinos gezeigt wird. Der Film entzieht sich anders als «A White, White Day» oder «The County» jeglicher Klassifikation, ist irgendwo zwischen Dokumentar- und Spielfilm angesiedelt. Eine Handlung existiert nicht, die Figuren kommen alle nur in je einer Szene vor. Die hohe Komplexität ist dabei die Stärke des Spielfilms. Dem nur 79-minütigen Film gelingt durch sein ungewöhnliches Konzept etwas, woran viele Filmemacher scheitern: nämlich die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Kunst und Alltagswelt verschwinden zu lassen. «Echo» geht dadurch umso mehr unter die Haut.

Die 56 kurzen, voneinander unabhängigen Szenen, aus denen der Film besteht, erinnern an Rúnarssons Tätigkeit als Kurzfilmemacher. Seit 1995 sein erster Kurzfilm «Toilet Culture» erschien, sind zehn weitere dazugekommen. Für «The Last Farm» wurde Rúnarsson 2005 für einen Oscar nominiert. 2011 gewann sein erster Spielfilm «Volcano» gleich mehrere nationale und internationale Filmpreise, ebenso wie sein zweiter Spielfim «Sparrows», der es ebenfalls in die Schweizer Kinos schaffte. Rúnarssons Werk ist eher tragischer Natur; immer wieder geht es um Einsamkeit und Tod, aber auch um das Erwachsenwerden. Diese Themen sind zumindest indirekt auch in «Echo» zu finden: Gleich zu Beginn des Films wird der Leichnam eines Knaben für seine Bestattung vorbereitet, in einer anderen Szene tanzen Jugendliche zu Hip-Hop, während eine Frau ein Kind gebärt. Nur eine Handlung sucht man hier vergebens.

Realität statt Bibelgeschichte

«Häufig erwarten Kinogänger*innen eine Art Bibelgeschichte, bei der sich ein Charakter verändert», sagt Rúnarsson. Mit dieser Erwartung wollte er in «Echo» brechen. «Protagonistin des Films ist die Gesellschaft», erklärt er. So sei der Film auch zu seinem Namen gekommen: Die Situationen als Fragmente des Lebens – ein Echo der Realität. «Mein Ziel ist es, das Publikum vergessen zu lassen, dass sie etwas Künstliches schauen.» Um dies zu erreichen, hat Rúnarsson jede Szene in nur einer Einstellung mit einer Standkamera gefilmt. Dadurch wird das Zeitkontinuum nur unterbrochen, wenn von einer Szene zur nächsten geschnitten wird.

Trotzdem ist es relativ einfach, in die Szenen einzutauchen und die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr mit den verschiedenen Figuren mitzuerleben. «Dies ist eine emotionale Zeit für alle, sie bringt das Beste und das Schlimmste in Leuten hervor», erklärt Rúnarsson die Wahl der Zeitspanne. Die Feiertage selbst seien wie ein klassischer Erzählbogen: «Es ist eine Zeit des Nachdenkens und gleichzeitig der Beginn eines neuen Kapitels.»

Nicht auf Island beschränkt

Obwohl alle drei Filme eng in die isländische Gesellschaft eingebettet sind, sollen ihre Inhalte über den Inselstaat hinausgehen. «Im Kern sind diese Themen universell», findet Rúnarsson. Logischerweise seien Nuancen der Gesellschaft enthalten, in der die Filme spielen würden. «Echo» biete ein Fenster in die isländische Kultur. «Der Film wirkt aber auch als zeitgenössischer Spiegel, der nicht nur auf Island beschränkt ist.» Die im Film vorkommenden omnipräsenten Handys und Kameras seien ein globales Phänomen. Rúnarsson selbst nervt sich über die Tourist*innen, die etwa vor der Kirche Hallgrímskirkja posieren, um Selfies zu schiessen. Doch der Boom des isländischen Kinos hat mit Island als Trend-Reisedestination zu tun. «Die Leute interessieren sich für Island», erklärt Cyril Thurston, Chef von Xenix Film. Xenix vertreibt viele der isländischen Filme in der Schweiz, so auch «A White, White Day», «The County» und «Echo».

«101 Reykjavík» habe den Beginn einer neuen Ära des isländischen Films markiert, sagt Thurston. «Wir konnten damals beinahe 70’000 Eintritte verzeichnen.» Seit da wussten isländische Filme immer wieder zu begeistern. Dass nun gleich drei isländische Filme in kurzer Zeit in die Schweizer Kinos kämen, sei aber programmatisch bedingt. Nach «A White, White Day» und «Echo» wird mit «The County» ein weiterer isländischer Streifen starten. Darin geht es um eine Bäuerin, die den Kampf mit der isländischen Milch-Lobby aufnimmt. Wem also Benedikt Erlingssons «Gegen den Strom» gefallen hat, darf sich Grímur Hákonarsons neuesten Film nicht entgehen lassen. Indes zeigt sich Rúnarsson vom Island-Hype wenig überrascht. «Bevor isländische Filme in Arthouse-Kinos angesagt waren, waren es rumänische oder griechische.» Zurzeit würden einfach gute isländische Filme gemacht. Der isländische Markt sei zu klein, um vom Filmemachen leben zu können. «Wir machen das, was uns gefällt.»

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