(Bild: ZFF).

Vom Enden der Musik

in Campus von

 

Vor gut dreissig Jahren folgte Louis Sarno den Klängen aus dem Radio bis in den zentralafrikanischen Dschungel – und blieb. Dem Regisseur Michael Obert ist es in seinem ersten Film gelungen, mit weichen Farben ein ehrliches Porträt zu komponieren.

Die Verwendung von klassischer Musik zur Untermalung von Eindrücken eines Regenwaldes führt erfahrungsgemäss zu einem Bruch in der dadurch erzeugten Atmosphäre des Heiligen und des Bildes eines organisch-zyklisch Währenden. Keine Feuersbrunst verschlingt das Grün, setzt der Polyphonie der kriechenden und fliegenden Tiere ein Ende, und keine schreiende Affen springen von Bäumen, deren gesunder Wuchs bezahnten Maschinen zum Opfer fällt. Der Bruch in den ersten Szenen in «Song from the Forest» ist ein feiner, gefühlvoller, sanft schmerzender.

Ohne Spannkraft sitzt ein grosser Mann mit kahlendem Schädel auf einem Stuhl, sein Gesicht sehen wir nicht, erahnen aber müde, ein wenig ungläubige Augen, die aus dem Fenster eines New Yorker Appartments in die Stadt hineinsehen. Wohler fühlt sich Louis Sarno in einer Umwelt, die nicht seine angestammte ist: Im Urwald Zentralafrikas, bei einem Volk, das er um zwei Köpfe überragt – dem Pygmäenstamm der BaAka.

Von den USA in den Urwald Zentralafrikas

Vor gut dreissig Jahren hörte der amerikanische Musikforscher Louis Sarno zum ersten Mal die Musik der BaAka, die ihn derart in ihren Bann zog, dass er nach Aufspüren der Quelle mit Ausnahme weniger Reisen nicht wieder in die USA zurückkehrte. Im Laufe der Jahre nahm er über tausend Stunden Musik auf, fand eine Frau und zog mit ihr das gemeinsame Kind auf. Als Samedi, sein Sohn, schwer erkrankte, versprach Louis Sarno ihm eine Reise in die USA. Bei Drehbeginn ist Samedi dreizehn Jahre alt und der Zeitpunkt gekommen, das Versprechen einzulösen. Es braucht kaum gesagt werden, dass sich der Regisseur Michael Obert somit die Möglichkeit gab, ein dramaturgisch wichtiges Moment – das der (vermeintlichen) Gegensätze und Brüche – scheinbar ungezwungen und ungekünstelt einsetzen zu können.

Sarno und Samedi besuchen in den Staaten auch Sarnos Bruder; ein richtiggehender intrafamiliärer Zusammenstoss der Kulturen. Der Eine hat sich für das Bei- und Miteinandersein im Dschungel entschieden, der Andere für ein Leben im Zeichen des wirtschaftlichen Erfolgs und Absicherung auf hohem Niveau in einem Land des sogenannten Wohlstandes. Es fällt schwer, nicht zu werten, nicht das Natürliche über das Künstliche zu stellen. Das aber ist ein Problem für den Zuschauer, eines, das der Film sogar abzuschwächen vermag, weil er sich heraushält aus einer Diskussion der verschiedenen Verfassungen von Lebensweisen. Das Verfahren, das Obert wählt, ist ein über weite Teile deskriptives.

Die Verschiedenartigkeit zweier Welten

Mit der an einer Vertikalen angewinkelten Sicht auf eine New Yorker Strassenkreuzung wählt Obert ein starkes Bild der westlichen Strukturiertheit, Regelung und Normierung des gemeinsamen Funktionierens. Auf diese Kreuzung sieht der Mann in den ersten Szenen und er wird später über diese Welt, die nicht mehr seine ist, feststellen: «When you’re away from it and then you come back, you realise how strange and artificial it all is. Everything is marching in this kind of fake economy, everybody doing these tasks that really have no intrinsic importance to their lifes, you know. […] It’s not really connected to life. Like it’s not quite real or something.»

Sarno hat viel mehr Mühe mit der Verschiedenartigkeit der zwei Welten als sein Sohn. Dieser ist weniger von den Hochhäusern beeindruckt als von all den Menschen, die ihn umgeben. Von denen einer Jim Jarmusch ist, der seit der High School mit Sarno befreundet ist und ihn mit seiner Frau in New York besucht. Während sich die drei Erwachsenen am Küchentisch unterhalten, sitzt Samedi gebannt vor dem Fernseher. Samedi wird als der gezeigt, der immerzu etwas von seinem Vater gekauft haben will und der einmal von Zuhause weg will.

Etwas stimmt nicht

Fast alle Freunde, die Sarno bei den BaAka hatte, sind inzwischen gestorben. Und mit ihnen verschwimmt die Erinnerung an die Bräuche, an die Rituale und vor allem die Musik, die für die BaAka über Jahrhunderte zu ihrer Identität gehörten. Die Zerrüttung des Volkes und seiner Kultur hat ihre inneren und äusseren Ursachen. Die Kinder seiner verstorbenen Freunde seien die ersten, die nicht mehr so sein wollen wie die Eltern, sagt Louis Sarno. Dazu käme die Gefahr von eingeschleppten Krankheiten und der Abholzung der Wälder. Vielleicht sieht es in Louis Sarno so aus, wie bei die Szene, bei der Bilder der nächtlichen Betriebsamkeit in New York mit den Gesängen der BaAka aus dem Off konkurrieren: Ein Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, dass weder das eine noch das andere ganz ist.

Michael Obert hat mit «Song from the Forest» seinen ersten Film realisiert, weist aber wohl auch dank seiner Erfahrung als Journalist und Reisereporter ein ehrliches, feinsinniges Gespür für komponierte, aber Leerstellen zulassende Geschlossenheit vor. So ist dieser Dokumentarfilm eine bildgewordene Reportage Oberts, die in ihrer sorgfältigen Verschachtelung einen atmosphärischen Sog erzeugt und den Bildern und der Sprache ihre poetischen Freiräume lässt.

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