Von der Dramatik des Alltags

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Der neueste Streifen des belgischen Filmemachers Guillaume Senez handelt von einem Vater und seinen Kindern, die plötzlich von der Mutter verlassen werden. «Nos Batailles» bedient sich dabei unkonventioneller filmischer Methoden, um die Geschichte des Protagonisten Olivier zu erzählen.

Der Titel des Filmes erzählt viel: «Nos Batailles» heisst auf deutsch «Unsere Kämpfe». Und genau davon handelt auch der Film. Es geht um das Alltägliche und die Kompromisse und Hindernisse des realen Lebens. Wer auf der Suche nach Eskapismus ins Kino geht ist mit «Nos Batailles» somit fehl am Platz. Der belgische Indie-Streifen handelt von einem Vater namens Olivier (Romain Duris), dessen Frau Claire (Laure Calamy) ihn und ihre zwei Kinder von einem Tag auf den anderen verlässt. Plötzlich ist er gezwungen, all die Dinge, für die er sich früher auf seine Frau verliess, alleine zu erledigen. Die Familie war darauf angewiesen gewesen, dass Claire sich um die Kinder kümmert und nebenbei noch in einem Kleiderladen jobbt. Nun müssen Olivier und die Kinder ohne sie auskommen. Gleichzeitig kämpfen die Kinder damit, ihre Mutterfigur verloren zu haben. Olivier hingegen versucht sein Arbeitsleben mit seinem Privatleben zu jonglieren. Er arbeitet als Teamleiter in einer Logistikfirma und hat als Gewerkschafter ständig mit der Geschäftsführung zu kämpfen, die sich nur wenig für ihre eigenen Angestellten interessiert. Irgendwie scheint er es niemandem so richtig recht machen zu können.

Rätselhafte Mutterfigur

Vieles im Film geschieht durch Auslassung. Es wird beispielsweise nie wirklich erklärt, warum die Mutter die Familie verlässt. Am Anfang des Filmes weint sie alleine auf der Toilette, hat einen Kollaps während der Arbeit. Später wird klar, dass sie scheinbar mit Medikamenten behandelt wird und unter Depressionen leidet. Doch nie wird direkt mitgeteilt, wieso sie ihre Familie verlässt und ob sie jemals zurückkommen wird. Zu Beginn des Films ist die Mutter mit ihrem jungen Sohn zusammen beim Arzt. Scheinbar verbrühte Claire ihn versehentlich mit kochendem Wasser an der Brust. Es wird darauf angespielt, dass es vielleicht doch kein Unfall war. Ob aber wirklich mehr dahinter steckt, wird nie geklärt.

Die Dialoge im Film sind nicht traditionell dramatisch, in der Hinsicht, dass sie ständig alles, was die Figuren denken und fühlen, zu erklären versuchen. Vielmehr sind es alltägliche Gespräche, die oft dasselbe und oft Belangloses sagen. Vieles wird ausgelassen. Doch genau das trägt zum Realismus der Situation und der Handlung bei. Regisseur Guillaume Senez liess die Schauspieler ihre Dialoge improvisieren und erarbeitete alle Szenen zusammen mit ihnen durch einen «organischen Prozess». Ein vorgeschriebenes Drehbuch gab es nicht. Der Film entwickelte sich von Szene zu Szene. Das als Tragikomödie bezeichnete«Nos Bataille» ist hierbei aber wirklich mehr Drama als Komödie. Dem Film fehlt es zwar nicht an leichteren und Momenten und dem gelegentlichen Lacher, aber Witze werden keine gerissen. Auch werden sehr ernste Themen wir Depression und Suizid angeschnitten.

Sparsame filmische Mittel

Auch mit Musik wird sparsam umgegangen. Bis auf Anfangs- und Endsequenz hören wir nur einmal Musik. Das verleiht dem Film eine gewisse Stille, macht die Male in denen Musik eingesetzt wird, dafür aber umso effektiver. Auch die Kameraarbeit unterstreicht diesen Minimalismus. Der Film ist grösstenteils mit Handkamera gefilmt, was dem Film einen dokumentarischen Stil verpasst. Während den Dialogen wird oft wenig geschnitten, die Kamera bleibt auf einer Figur, so dass wir nur ihre Reaktion sehen. Es fühlt sich so an als ob die Zuschauer in die Leben der Figuren fast schon voyeuristisch hineinblicken, während diese einfach ihren Lauf nehmen. Der Blick der Kamera bleibt dabei immer unaufdringlich und nah am Leben.

«Nos Batailles» ist all jenen zu empfehlen die nach einer zeitgemässen Geschichte über die Schwierigkeiten des Lebens suchen. Wer lautes, bildgewaltiges Actionkino gewöhnt ist, ist mit diesem Film hingegen fehl am Platz. Doch wer eine stille Charakterstudie über einen alleinerziehenden Vater – ein immer noch selten portraitiertes Sujet – und seine Familie sehen will, ist mit «Nos Batailles» genau richtig.

«Nos Batailles» startet am 2. Mai in Deutschschweizer Kinos.

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