Nach sieben Minuten Redezeit gibt die Jury (vorne) eine detaillierte Rückmeldung (Bild: Sumanie Gächter).

Von der Kunst des Streitens

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Debattierclubs gibt es nicht nur in Oxford oder Cambridge, sondern auch in der Limmatstadt.

Es ist kurz nach 18 Uhr in einem Seminarzimmer im ETH-Hauptgebäude. Knapp 15 Leute haben sich eingefunden. Matthias Roshardt, Präsident des Debattierclubs, eröffnet den Abend. «Heute geht es um Rollenerfüllung. Falls ihr eure Rolle in der Debatte nicht erfüllt, ist es schwierig, bei der Jury zu punkten», sagt er. Roshardt spricht von einer speziellen Form des Debattierens, dem sogenannten «British Parliamentary Style». Studentische Debattierclubs entstanden im 19. Jahrhundert in Grossbritannien. Oxford, die Schmiede der zukünftigen britischen Eliten, ist dabei nicht zufällig Heimat des wohl berühmtesten Debattierclubs der Welt, der Oxford Union. Bekannte Figuren aus der britischen Politik wie etwa David Cameron, Theresa May oder Boris Johnson waren Mitglieder.

Regierung versus Opposition

«British Parliamentary Style», angelehnt an das englische System, ist denn auch das bekannteste Format der Debatte. Dabei stehen sich zwei antagonistische Gruppen gegenüber: die Regierung und die Opposition. Beide müssen eine Seite einer klar ausformulierten Streitfrage vertreten. Alle Debattierenden haben dabei eine Rolle, die eine bestimmte Funktion im Ablauf der Debatte einnimmt. Nach einem Theorieteil stimmen die Teilnehmenden über ein Debattierthema ab. Dieses wird als Antrag der Regierung formuliert: «Dieses Haus glaubt, dass Deutschland Atomwaffen haben sollte.» Nun gilt es, innerhalb von kurzer Zeit die besten Argumente dafür oder dagegen zu finden.

Der Debattierclub Zürich wurde 2010 gegründet. Die Idee dazu entstand bei regelmässigen Stammtischdebatten. Jeweils zum Semesterstart organisiert der Club eine Showdebatte mit Gastredner*innen. Vorstandsmitglied Alex Jürgens ist bei solch einer Veranstaltung zum ersten Mal auf den Debattierclub aufmerksam geworden. «Mich hat die Showdebatte begeistert – danach wollte ich es selber ausprobieren. Wie furios und wortgewandt dort debattiert wurde, hat mich sehr beeindruckt.»

Die Angst, zu verlieren

Nach einer Viertelstunde Vorbereitungszeit beginnt die Debatte. Jede Person hat sieben Minuten Zeit, um die beiden Juror*innen zu überzeugen. Danach entscheidet die Jury über die Ränge und gibt allen Redner*innen eine detaillierte Rückmeldung. Bewertet werden Inhalt, Form und Methode der Debattierenden: Wurden die Argumente mit genügend und überzeugenden Beispielen untermauert? Hatte die Rede eine klare Struktur? Wie wurden sprachliche Mittel genutzt, um die Vermittlung des Inhalts zu unterstützen? Bei der Atomwaffen-Debatte trägt die Opposition klar den Sieg davon. Zugegeben: Überzeugend für die atomare Aufrüstung Deutschlands zu argumentieren, ist alles andere als einfach.

Wem der Auftritt vor Menschenmengen Bauchschmerzen bereitet oder wer verzagt, weil es in einer Diskussion nicht gelungen ist, den eigenen Standpunkt eloquent zu vertreten, der oder dem kann der Debattierclub Zürich Abhilfe schaffen. In einem kleinen Raum wird die Kunst des Redens und des Streitens geübt. Von Boris Johnson kann man halten, was man will, aber ein guter Redner ist er allemal. Und das kommt nicht von ungefähr, sondern wurde früh in der Oxford Union geübt. Doch ob in Westminster oder Zürich, der römische Philosoph Cicero wusste bereits in der Antike: «Weisheit ohne Beredsamkeit ist nutzlos. Aber Beredsamkeit ohne Weisheit ist gefährlich.»

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