Prodekan Alain Griffel will den «Grundsatzfehler des Bologna-Systems» angehen (Bild: zVg).

Von der Praxis gerügt

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Die Rechtswissenschaftliche Fakultät reagiert auf Kritik aus der Berufswelt. Prodekan Alain Griffel setzt sich für eine Studi-freundliche Reform ein.

Dass Studienabgehende nichts können, ist keine neue Kritik. Seit der Einführung der Bologna-Reform musste sich insbesondere die Rechtswissenschaftliche Fakultät (RWF) der Uni Zürich wiederholt anhören, dass ihre Abgänger*innen weder schreiben noch lesen könnten. Im Zusammenhang mit der neuen Musterrahmenverordnung der Uni, aufgrund derer bereits an der Philosophischen Fakultät eine Reform durchgeführt wurde, soll der Ius-Studiengang nun ebenfalls tiefgreifend reformiert werden. Hinter der Reform steht Alain Griffel, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht und seit Anfang 2018 Prodekan für Lehre an der RWF.

«Zu Beginn des Reformprozesses luden wir eine hochkarätige Delegation aus der Praxis ein, um deren Meinung einzuholen», erklärt Griffel. Gerichte und Anwaltsbüros hätten schon länger ihre Unzufriedenheit mit den Studienabgehenden ausgedrückt. Bald sei klar geworden, dass der Studiengang grundlegend überarbeitet werden müsse. «Damit gehen wir den Grundsatzfehler des Bologna-Systems an», so Griffel. Bei der Einführung von Bologna vor 21 Jahren sollte der Bachelor generell zum Regelabschluss werden – für die RWF bedeutete das, dass der Bachelor-Abschluss als Zulassungsvoraussetzung für die Anwaltsprüfung reichen sollte. Mit verheerenden Folgen.

Master wurde ausgeklammert

«Ich finde die Vorstellung, man könne nach sechs Semestern und einem Praktikum im Gericht die Anwaltsprüfung ablegen, schon etwas eigenartig», sagt Griffel. Die Konsequenz dieses Entscheids war, dass der Stoff des Lizenziats in die sechs Bachelor-Semester gequetscht wurde. Von 2010 bis 2013 gab es eine erste Reform des Bologna-Systems. Doch auch hier lief einiges schief. «Der Grundfehler damals war, dass der Master bei der Reform ausgelassen wurde», erklärt Griffel. Dass der Bachelor überdacht wurde, sei durchaus dringend gewesen, denn: «Die Assessmentstufe des Bachelors war damals wahnsinnig dicht, bereits nach dem ersten Semester fanden drei Prüfungen statt.» Durch das Ausklammern des Masters habe sich der Druck aber einfach von der Assessment- in die Aufbaustufe verlagert.

«Dies hat zur Folge, dass Bachelor-Studierende ihr Studium nicht in der Regelstudienzeit von drei Jahren abschliessen können», sagt Griffel. Dabei müsse dies zumindest für Vollzeitstudierende im Bereich des Möglichen liegen. Zudem ergebe es keinen Sinn, dass Studierende im Master teilweise kein einziges Fach belegen würden, das später in der Praxis relevant sei. Wenn jemand einen 5.5-Schnitt im Master habe, aber keine für das Gericht relevanten Fächer belegt hätte, werde diese Person nicht mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, habe ein Gerichtspräsident in der erwähnten Anhörung gesagt. Dabei ist Griffel überzeugt: «Die Fakultät ist es den Studierenden schuldig, dass sie die Uni mit einem Abschluss verlassen können, mit dem sie eine gute Chance auf eine Stelle haben.»

Gegen Bulimie-Lernen

Jetzt soll gerettet werden, was noch gerettet werden kann. Konkret werden ab dem Herbstsemester 2021 einige Pflichtmodule von der Bachelor- in die Masterstufe verschoben. Dadurch soll eine bessere Verteilung und eine Entlastung der Aufbaustufe erfolgen. Durch das Entschlacken des Stoffs soll überdies dem «Bulimie-Lernen» entgegengewirkt werden. «Es soll nicht ums Auswendiglernen gehen, sondern darum, dass Studierende Konzepte verstehen und juristisch denken lernen.» Zudem wird ein neues Pflichtmodul zum Thema «wissenschaftliches Schreiben» eingeführt. Und: Alle Fehlversuche von Studierenden, die ihr Studium im jetzigen System begonnen haben, werden gelöscht. «Es ist nicht möglich, die Fehlversuche von einem System in ein neues zu übertragen», erklärt Griffel den Entscheid.

Griffel sieht der Veränderung optimistisch entgegen. «Vor einem Jahr hätte ich noch nicht sagen können, ob die Reform zustande kommt.» Doch schliesslich wurde sie beinahe einstimmig angenommen und werde von der Studierendenschaft wie der Praxis gutgeheissen. «Dies soll die letzte Reform für die nächsten 20 Jahre sein», sagt Griffel. Er ist überzeugt, dass auch andere juristische Fakultäten das neue Modell übernehmen werden.

3 Comments

  1. Hoch interessanter Artikel, aber eine Sache sticht mit bei ihm heraus: dass die grundlegende Studienreform offenbar erst ernsthaft angegangen wurde, nachdem sich die „hochkarätige Delegation“ aus der Berufswelt über die Mängel der studentischen Ausbildung beschwert hat.

    Die Studenten der RWF haben sich seit Jahren intern bei der Fakultät und dem Dekanat darüber beschwert, dass die massive Zahl der Pflichtfächer, geringe Zahl der (und Kulanz bei) Fehlversuchen, und allgemeine Realitätsfremdheit des Studiums zu einem fast unhaltbaren und extrem belastenden Leistungsdruck führt. Die massive Zahl der Studienabbrecher, Universitätswechsler, und die durchschnittliche „Regelstudienzeit“ von vier bis fünf Jahren im Bachelor of Law waren schon seit langem klare statistische Indizien. Aber die rechtswissenschaftliche Fakultät wusste eigentlich schon seit Jahren, dass der BLaw in Zürich massive Probleme hat. Die Studenten hatten es nämlich immer wieder klar und deutlich gesagt und wurden immer wieder ignoriert.

    Dass der Impuls für diese grundlegende Reform erst aus der Berufswelt und Praxis kommen musste, ist ein unglaubliches Armutszeugnis für die Universität Zürich, weil es andeutet, dass man den Studenten der Fakultät bei Ihren Problemen jahrelang nicht zugehört hat und auch jetzt noch nicht zuhört. Auch jetzt ist unklar, wie weit Studenten und studentische Vertreter der RWF in den Reformprozess eingebunden sind.

    Der vorgeschlagene Ansatz von Hr. Prof. Griffel, den Bachelor zu entlasten, ist sicherlich der richtige. Aber wenn sich das grundlegende Problem — nämlich das geschlossene Ohr der Fakultät gegenüber seinen Studenten — nicht ändert, werden wir die gleiche Diskussion in ein paar Jahren nochmals haben. Da hilft auch der beste Regelstudienplan nicht viel weiter.

    • Liebe(r) FJF
      Ich verstehe Ihren Groll gut. Ihr Kommentar gibt mir jedoch die Gelegenheit, das eine oder andere zu präzisieren und allfällige Missverständnisse zu beseitigen. Es ist nicht etwa so, dass die RWF in der Vergangenheit nichts unternommen hätte. Sie musste – aus heutiger Sicht ziemlich überstürzt – 2006 den Bachelor- und 2009 den Masterstudiengang einführen (Ablösung des Liz-Systems). Bereits 2010, also kurze Zeit später, startete sie eine erste „Reform der Reform“. Diese ist allerdings – leider – wenig befriedigend herausgekommen (was zeigt, dass es nicht ganz einfach ist, innerhalb der grössten Rechtsfakultät im deutschsprachigen Raum [nebst Wien] ein bestehendes Studiensystem erfolgreich umzubauen). Aus diesem Grund beschloss die Fakultät im Dezember 2017 – vier Jahre nach dem Inkrafttreten der erwähnten Reform -, eine zweite „Reform der Reform“ an die Hand zu nehmen. Der Anstoss kam nicht etwa von aussen; vielmehr haben wir die im redaktionellen Beitrag erwähnte Praktiker*innen-Delegation nach dem Start der Reform von uns aus zu einem Gespräch eingeladen, um ihre Sichtweise zu erfahren und dies im Rahmen der Reform berücksichtigen zu können.
      Der (schwierige!) Reformprozess, der durch die Fachstelle für Hochschuldidaktik eng begleitet wird, dauert nun bereits zweieinviertel Jahre, und ich darf sagen, dass wir nicht nur im Zeitplan, sondern auch inhaltlich gut unterwegs sind. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es uns nun im dritten Anlauf gelingt, einen Studiengang zu schaffen, der allseits befriedigen wird.
      Beste Grüsse
      Alain Griffel, Prodekan Lehre RWF

      • Nachtrag zu Ihrem Satz „Auch jetzt ist unklar, wie weit Studenten und studentische Vertreter der RWF in den Reformprozess eingebunden sind“: In der sog. Bologna-Kommission der RWF, welche die Reform zuhanden der Fakultätsversammlung erarbeitet, waren von Anfang an alle Stände vertreten (mit Stimmrecht), so auch die Studierenden. Die Studierendenvertreterin hat sich stets auf überaus konstruktive Weise eingebracht und die Reform dadurch stark mitgeprägt. Ausserdem habe ich mehrfach den mündlichen informellen Austausch mit allen Studierendenorganisationen der RWF gepflegt. Auch in der Fakultätsversammlung, welche über die einzelnen Reformschritte beschliesst, sind die Studierenden vertreten, und zwar mit einer stimmberechtigten Dreierdelegation.

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