Drei Schauspieler*innen üben ihre Monologe für das Stück «Nouvelle Nahda» (Bild: Nuria Tinnermann).

Von der Realität überholt

von

Das Projekt «Nouvelle Nahda» am Theater Neumarkt handelt von einer erfundenen sozialen Bewegung. Die Vorbereitungen wurden nicht nur von der realen Bewegung im Libanon, sondern auch von der aktuellen Corona-Pandemie eingeholt. Online wird die Geschichte trotzdem weitererzählt.

Ein elektronischer Beat erfüllt den Raum. «Die Tanzfläche kann als Ort des Widerstandes gegen Systeme der Unterdrückung verstanden werden, die unsere Gedanken und Köpfe kontrollieren wollen», sind Worte, die einen vom Proberaum des Theaters Neumarkt auf eine Tanzfläche inmitten eines Clubs in Amman in Jordanien hineinversetzt. Tanzen gehen könne Freiheit bedeuten, könne bedeuten, sich Normen zu widersetzen und gegen das bestehende System zu rebellieren. Die Zeilen sind von Ibrahim Nehme, einer der künstlerischen Kollaborateure im Projekt «Nouvelle Nahda». Die Geschichte, die erzählt wird, besteht nicht aus einem geradlinigen Handlungsstrang, sondern aus zahlreichen Texten von beteiligten Künstler*innen, die als Inspiration für einzelne Szenen dienen. Diese Szene spielt in Jordanien kurz vor dem Beginn der ersten Proteste im Libanon. Seit dem 17. Oktober 2019 tragen die Menschen den Widerstand gegen den nicht-säkularen, korrupten Staat auf die Strassen und fordern einen Umbau des bestehenden Systems. Sie fordern gesellschaftlichen Wandel.

Erfundene Bewegung

Dieses Bestreben wurde vom Journalisten Samir Kassir bereits 2004 in seinem Buch «Das arabische Unglück» zusammengefasst: Nahda. «Nahda» bezeichnet die Epoche der arabischen Renaissance zwischen Mitte des 19. und des 20 Jahrhunderts und kann als Aufklärung oder Erwachen übersetzt werden. In seiner Auslegung steht der Begriff für eine Modernisierung der Gesellschaft, welche nicht nur an eine historische Epoche gebunden ist, sondern auch durch Veränderung der vorherrschenden gesellschaftlichen Werte vonstattengehen kann. An diesen Ideen knüpft die Co-Produktion zwischen dem Theater Neumarkt und dem Art Space Station Beirut an. «Nach einer ersten gemeinsamen Reise nach Beirut ist Antje Schupp, die Regisseurin dieses Projekts, auf die Idee gekommen, die Geschichte so zu erzählen, als ob sich die neue Avantgarde-Bewegung namens ‹Nouvelle Nahda› im Libanon bereits entwickelt hätte», erzählt Hayat Erdoğan, Co-Direktorin am Theater Neumarkt.

Kunst für sozialen Wandel

Die Stückentwicklung wurde jedoch von der anti-systemischen Bewegung im Oktober 2019 eingeholt und stellte das Projekt vor eine neue Herausforderung: «Wir mussten uns die Frage stellen, was es eigentlich heisst, eine fiktive Bewegung nachzuahmen, die sich zeitgleich auf den Strassen abspielt», so Erdoğan. Das Projekt sei deshalb in konstanter Weiterentwicklung. «Die Arbeit beruht darauf, Nachrichten zu den aktuellen Begebenheiten zu integrieren und die eigenen Sichtweisen und Reflexionen von Mitwirkenden aus dem Libanon und aus Zürich darin zu verarbeiten.»

Der Art Space Station Beirut richtet seine künstlerischen Projekte nach dem Leitsatz «Kunst für sozialen Wandel» aus, ähnlich wie das Theater Neumarkt. «Für uns heisst eine Theater-Institution zu sein, Position zu beziehen, um Veränderung herbeizuführen», stellt Erdoğan fest. Im Entwurf des Programmheftes, Stand 9. März, das kurz vor der Premiere hätte veröffentlicht werden sollen, schreibt sie: «Stellen wir uns einmal vor, am 2. April 2020 lesen wir die Nachrichten und sie sind voller good news, alles im Lot, keine Kriege, keine Rassismen, keine Ungerechtigkeiten, keine Machtspiele, keine Pandemien und hey, den Klimawandel haben wir auch in Griff gekriegt. Wäre dem so, wäre “Nouvelle Nahda» in der Tat outdated.» «Nouvelle Nahda» zeigt dorthin, wo gerade viele wegschauen. Es greift aber mit seiner Ursprungsidee auch ein Thema auf, das für viele gerade brandaktuell ist. Nämlich wie gesellschaftlicher Wandel herbeigeführt werden kann.

«Nouvelle Nahda» wird am 2. April um 20 Uhr als interaktive Publikation auf nouvellenahda.theaterneumarkt.ch mit anschliessendem Artist-Talk veröffentlicht. Die Publikation ist frei verfügbar, es werden jedoch Spenden für Projekte und gemeinnützige Organisationen im Libanon gesammelt. Ab dem 3. April finden online Tandemgespräche zwischen allen Beteiligten statt. Auf theaterneumarkt.ch sind weitere Informationen verfügbar. Die eigentliche Theater-Produktion wurde auf die nächste Spielzeit verschoben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Neuestes von Campus

Systemrelevante Studierende

Seit dem Lockdown schiesst zivilgesellschaftliches Engagement aus dem Boden. Studierende sind daran

Noch nicht ausgespielt

Gesellschaftsspiele erleben ein Revival. Spieleerfinder Urs Hostettler und Spieleverkäufer Beat Liechti wissen
Gehe nach Oben