Statt mitmarschieren heisst es vorerst Kamera anschalten und mittippen (Illustration: Sarah Baur).

Von der Stube aus demonstrieren

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Letztes Jahr mobilisierten Demos die Massen. Die Pandemie erfordert nun alternative Protestformen.

«Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!» Sprüche wie dieser beschallen seit Ende 2018 im Rahmen der Klimastreiks Schweizer Städte. Die letztjährige nationale Klimademonstration in Bern mobilisierte rund 100’000 Partizipierende, der Frauenstreik zählte mehr als eine halbe Million Teilnehmende schweizweit. Doch damit ist vorerst Schluss. Infolge der Corona-Krise gelten vielerorts Versammlungsverbote. Statt einer Streikpause setzen diverse Bewegungen jetzt auf Online-Alternativen.

Die Krise erfordert Umdenken

Das Frauen*streik-Kollektiv demonstrierte am 8. März mit mehreren hundert Teilnehmenden in Zürich und erntete dafür Kritik. Doch: «Aufgrund der nahenden Corona-Krise ist es wichtig gewesen, auf die prekäre Lage von Flint*-Personen, also Frauen*, Lesben, inter, non-binäre und trans* Personen, in systemrelevanten Berufen aufmerksam zu machen», sagt Linda Zobrist vom Zürcher Kollektiv.

Derzeit ist Demonstrieren auf der Strasse aber unmöglich. Die 2018 gegründete Bewegung Seebrücke engagiert sich für Menschen auf der Flucht und veranstaltete im Rahmen der #LeaveNoOneBehind-Kampagne deshalb am 29. März ihre erste Online-Demonstration.

Zuhause demonstrieren

Reden, Gesang und Fotoeinsendungen von Teilnehmenden erzeugten während der zweistündigen auf Youtube gestreamten Demo von Seebrücke ein Demo-Gefühl zuhause. Insgesamt nahmen 6’000 Demonstrierende teil. Zwei Moderierende leiteten die Aktion, kündeten die Redner*innen und Sänger*innen an, und führten durch die virtuelle Route, die neben einer Online-Petition für die Aufnahme von Geflüchteten Mitmachaktionen auf sozialen Netzwerken umfasste. Zudem verschickten die Teilnehmenden Mails an Politiker*innen und Institutionen und twitterten unter Benutzung des Hashtags #LeaveNoOneBehind.

Am 25. April folgte die Basler Bewegung «March against Bayer & Syngenta» mit einem Online-Marsch, um Kritik am Agrobusiness-Modell der Konzerne zu üben. In den letzten fünf Jahren nahmen jeweils 2’000 bis 2’500 Personen an der Demo teil. Am Tag des Online-Marches griffen bis zu 3’000 Personen auf die Webseite der Bewegung zu. Ziel des virtuellen Marschs war, «im Internet dahin zu gehen, wo man die Konzerne sieht und dafür zu sorgen, dass da nicht nur das positive Image, sondern auch die kritische Demo-Nachricht zu sehen ist», erzählt Zoë Roth, Sprecherin der Bewegung. Während der Demo wurden kritische Rezensionen auf Google Maps und im App Store verfasst, Bilder von Schildern auf den Social-Media-Kanälen der Unternehmen gepostet und E-Mails an die Konzerne verschickt.

Online-Demonstrationen als Zwischenlösung

Roth erachtet Online-Demos als «Möglichkeit, auch in Pandemiezeiten politisch aktiv zu sein». Auch Fabian Lind, Mitorganisator der Online-Demo von Seebrücke, sieht Potenzial in dem Format. Dennoch sei es problematisch, «dass wir physisch nicht sichtbar machen können, wie viele Leute die unmenschliche Flüchtlingspolitik beenden wollen». Daher sind Online-Demos laut Julia Solbach von Seebrücke «kein Ersatz für Demos auf der Strasse, aber zurzeit eine gute Alternative». Das Frauen*streik-Kollektiv und der Klimastreik Schweiz verzichten vorerst darauf. Anstelle des «Strike for Future» am 15. Mai plant die Klimastreik-Bewegung alternativ die «Challenge for Future». Ob sich Online-Demos dauerhaft durchsetzen können, bleibt abzuwarten.

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