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    Der Roman des Rechtsprofessors. (Bild: ZFV.)

Von der Vergangenheit eingeholt

in Campus von

«[…] unter Sturmbedingungen des Lebens, ist vieles möglich. Bei jedem von uns.» Wegen Aussagen wie diesen ist Klaus Maiwald, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie, bei Journalisten wie dem Gerichtsreporter und Protagonisten András bestens bekannt und beliebt. Dieses Zitat Maiwalds wird im Laufe der Geschichte eine tiefere Bedeutung erhalten. Doch erstmal soll András per Zufall Maiwalds Nachruf nach dessen überraschendem Suizid schreiben. Dies ist nicht unproblematisch, war Maiwalds Tochter Simone doch András’ erste grosse Liebe. Doch Simone verschwand 1990, später erfuhr man von ihrem Tod. András kam nie richtig über die Jugendliebe hinweg. Dass seine jetzige Beziehung auf den Nullpunkt zusteuert, scheint ihn indes nicht gross zu kümmern, lieber geht er einem Konflikt aus dem Weg.

Die Recherchen zum Nachruf führen András erst zu Maiwalds Witwe, die nebenbei brisante Andeutungen fallen lässt. Und so werden seine Recherchen weitergehen, bei der ehemaligen persönlichen Mitarbeiterin Maiwalds, mittlerweile Oberärztin, bei der ehemaligen Sekretärin. Er stösst auf ein Geflecht aus Lügen und Totgeschwiegenem, das letztendlich zu ihm selbst führt. Aus einem belanglosen Nachruf wird so die Suche nach der eigenen Identität, für die Licht ins Dunkel der Vergangenheit kommen muss. Der Journalist wird doch noch zum Detektiv.

Leider gelingt es dem Roman nicht wirklich, so richtig in Gang zu kommen und tut sich schwer, echte Spannung aufzubauen. Die Rückblenden in die Kindheit und Jugend des Protagonisten, in die «Protest- und Besetzerjahre der späten Sechziger und Achtziger», wie die Epochen auf dem Buchumschlag bezeichnet werden, sind dafür gelungen, werden mit einer Prise Ironie geschildert. Antiheld András wirkt eher wie einer, dem die Luft ausgegangen ist; während die entschwundene, doch dauerpräsente Simone als glühende Idealistin den Gegenpol bildet. Das verbindende Element der verschiedenen Erzählstränge ist dann auch Simone, über die der Protagonist nie wirklich hinweggekommen ist. Das überraschende Ende lässt dann endlich die Seifenblase, in der András vor sich hinvegetiert, platzen, er rafft sich doch noch auf um die fehlenden Stücke der Vergangenheit einzufügen, sowie die Scherben seiner letzten Beziehung aufzusammeln. Simone kann er endlich ruhen lassen. Wenn auch nicht in der Art, wie während der letzten 16 Jahren angenommen.

Oliver Diggelmann ist Professor für Völkerrecht, Europarecht, Öffentliches Recht und Staatsphilosophie an der Universität Zürich. Mit Maiwald ist im vergangenen Februar sein Roman –Debut bei Klöpfer & Meyer erschienen. Tübingen, 252 Seiten.

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