Von innen sieht auch ein Hamsterrad wie eine Karriereleiter aus

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Am 22. November findet die Lange Nacht der Kritik an der Uni Zürich statt. Zum Programm gehören Vorträge über alternative Wirtschaftsmodelle und Workshops zum omnipräsenten Rassismus.

Die Lange Nacht der Kritik findet dieses Jahr zum dritten Mal an der Universität Zürich statt. Zeitgleich dazu findet die Lange Nacht der Karriere statt, die vom Karrieredienst  – bekannt als «career services», weil Englisch die Sprache des Business ist – der Uni angeboten wird. Die Lange Nacht der Kritik versteht sich als Alternative und Gegenveranstaltung dazu. In sechs Programmpunkten sollen kritisches Denken, pluralistische Inputs sowie selbstständiges Lernen gefördert werden.

Denn «Die Lange Nacht der Karriere stellt eine Art Beruhigungspille für Studierende dar: Durch CV-Überarbeitungen, Networking und professionelle Bewerbungsfotosessions werden die Sorgen um den Berufseinstieg besänftigt», sagt Lars von der KriPo, die die Lange Nacht der Kritik zusammen mit anderen studentischen Organisationen veranstaltet.  «Aus unserer Sicht sind diese Sorgen jedoch nicht Symptome auf individueller Ebene, sondern struktureller Herkunft. Um sich diese Probleme vor Augen zu führen, braucht es eine Kritik, die im heutigen Studium nicht gefördert, sondern verdrängt wird.» Deshalb brauche es die Lange Nacht der Kritik.

VSUZH als Feigenblattdemokratie

Die Lange Nacht der Kritik soll aber nicht nur Reaktion bleiben, sondern Aktionen fördern. Genau dafür sind die Workshops da. Einer davon, derjenige der AG Bibliotheken, geht anhand der eigenen Erfahrung der Frage nach, wie die studentische Partizipation im 21. Jahrhundert aussehen soll. Die AG Bibliotheken setzt sich für den Erhalt der lokalen Fakultätsbibliotheken ein, also gegen die von der Unileitung geplante Zentralisierung. Die Uni hat dabei die Studierenden komplett übergangen, erst durch aktive Organisation erreichte die AG Bibliotheken, im Prozess mitwirken zu dürfen. Das Fundament für die Schaffung einer «UZH Bibliothek der Zukunft» war da jedoch schon gelegt.

Die Organisatorinnen und Organisatoren hinter der Langen Nacht der Kritik finden: «Diejenigen, die am meisten von Veränderungen betroffen sind, sollen auch am meisten mitreden dürfen.» Mit dem VSUZH werden die Studierenden zwar miteinbezogen, doch Lars nimmt dieses Gremium als Feigenblattdemokratie und heuchlerische Abfindung wahr.

Wider die Logik des freien Marktes

In einer Zeit, in der Banken und Wirtschaftsverbände Lehrstühle sponsern, wird die Auseinandersetzung mit Alternativen, die nicht auf der Logik der freien Marktwirtschaft folgen, marginalisiert. Gleich zwei Konzepte des alternativen Wirtschaftens werden am 22. November thematisiert. Einerseits präsentiert der Aktivist Paul Michel aus Baden-Württemberg das Konzept der «demokratischen Planwirtschaft». Andererseits wird die Bewegung «Degrowth» (zu Deutsch: Postwachstum) vorgestellt. Diese versteht sich gleichermassen als Wirtschaftssystem und Gesellschaftsform, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. Dem vorherrschenden Ideal von Wachstum, Beschleunigung und Verbesserung setzt sie Werte wie Kooperation, Solidarität und Achtsamkeit entgegen. Ihr Vorbild ist die wachstumskritische Bewegung der 1970er-Jahre mit Konferenzen wie dem Club of Rome.

Eine Wirtschaftsform, die auf soziale und ökologische Bedingungen Rücksicht nimmt.

«Degrowth» entstand 2002 in Lyon mit der Veröffentlichung eines Sonderhefts zum Thema «décroissance». Als wissenschaftliche aktive politische Bewegung spricht sie an Konferenzen, in Zeitungen und durch Aktionen die offensichtlichen ökologischen Probleme an, vor die die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform uns heute stellt und in Zukunft stellen wird. Xavier Balaguer Rasillo, der als PhD-Student im Departement der ökonomischen Geografie am geografischen Institut der Uni Zürich arbeitet, und Sofia Getzin, Assistentin und PhD-Studentin am Institut für Erziehungswissenschaften, sind beide Mitglieder der «Degrowth»-Bewegung. Sie stellen einige Beispiele vor und diskutieren das Potential einer Wirtschaftsform, die auf soziale und ökologische Bedingungen Rücksicht nimmt.

Paul Michel wiederum stellt die Idee der demokratischen Planwirtschaft vor. Diese Wirtschaftsform, in der die Menschen entscheiden, was und wieviel wovon produziert wird, hat in Europa seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Ruf, nicht zu funktionieren und die Konsumenten und Konsumentinnen nicht genügend zu befriedigen. Gerade für Studierende der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, aber auch für alle anderen, stellt dieser Workshop eine Möglichkeit dar, vom gebetsmühlenartig wiederholten Mantra des Prinzips des freien Handel wegzukommen und mutig neue, oder eben erneuerte Wirtschaftsformen zu erdenken.

«Wir» und «die anderen»

Nicht nur wirtschaftliche oder universitätspolitische Themen sind Teil der Langen Nacht der Kritik – auch politische und soziologische Aspekte deckt das Programm ab. Die Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen durch Rechtsextreme in Ostdeutschland sind nur der Gipfel des in unserer Gesellschaft omnipräsenten Rassismus. Als sowohl Wissen Konsumierende als auch Produzierende sind wir Studierenden aufgefordert, uns mit dem Machtungleichgewicht der (ehemals) imperialistischen Mächte gegenüber den (ehemals) kolonialisierten Länder auseinanderzusetzen.

Den eigenen Rassismus erkennen – und ablegen.

Der «postcolonial turn» der Geisteswissenschaften soll in den Siebzigerjahren stattgefunden haben. Weshalb es aber auch heute noch postkoloniale Studien brauche, legt uns am Donnerstag die Assistenzprofessorin für «Global Literatures in English», Ana Sobral, dar. Die Auseinandersetzung mit Ideologien, die auf Hass beruhen, bietet der Workshop «Rassismus, Islamophobie, Antisemitismus: Umgang und Solidarität». Darin soll dem Austausch von Erfahrungen mit Fremdenhass Platz gegeben werden. Zusammen soll versucht werden, Strategien zu erarbeiten, wie damit umzugehen ist. Die Gruppierung «Linke People of Colour (Linke PoC)» und das Netzwerk «Bla*Sh» von schwarzen Frauen in der Deutschschweiz organisieren den Workshop. Im Workshop «Critical Whiteness» geht es darum, sich den eigenen Rassismus vor Augen zu führen und ihn abzulegen.

Im Gegensatz zur Beruhigungspille, die uns die Universitätsleitung mit der Langen Nacht der Karriere offeriert, bietet uns die Lange Nacht der Kritik die Möglichkeit, nicht die Symptome, sondern die Ursachen der gesellschaftlichen und universitären Krankheiten anzugehen. Mit neuen Ansätzen, mutigen Thesen und der Übung von (Selbst)kritik soll eine hinterfragende, selbstorganisierte und wissensdurstige Studierendenschaft entstehen.

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