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Herr Eidenbenz spricht über Spielsucht. Bild: Gian Heimann

«Wenn du Pech hast, gewinnst du»

in Sucht/Thema von

Therapeut Franz Eidenbenz im Gespräch über Verhaltenssüchte und darüber, wieso Abstinenz nicht immer das Ziel sein kann.

Wonach sind Sie süchtig, Herr Eidenbenz?

Es gibt sicherlich Dinge, die mich faszinieren und die ich sehr gerne mache: Unterwegs sein, mich viel bewegen, selbst fliegen. Diese Dinge begeistern mich derart, dass sie eine suchtähnliche Form annehmen können.

Was uns direkt zu einem Kernproblem führt: Jemand, der ein Hobby intensiv betreibt, viel Sport macht oder leidenschaftlich Serien schaut, wird schnell als süchtig abgestempelt. Wann reden Expertinnen und Experten von Sucht?

Der wesentliche Unterschied zwischen einem exzessiv betriebenen Hobby und einer Sucht besteht darin, dass letztere auch dann weiterhin exzessiv betrieben wird, wenn sie offensichtlich schädigende Auswirkungen hat. Diese können mannigfaltiger Art sein: Beeinträchtigung der Gesundheit, soziale Isolation oder emotionale Abhängigkeit. Daher ist Sucht aus Expertensicht auch zwingend problematisch.

Man hört viel vom sogenannten «Suchtpotenzial»: Was ist damit gemeint? Sind gewisse Menschen tatsächlich anfälliger auf Süchte als andere?

Man geht von drei Faktoren aus, die für eine Sucht ausschlaggebend sind: Erstens gibt es Substanzen oder Verhaltensweisen, die offensichtlich abhängiger machen als andere. Zweitens kommt es darauf an, was das Umfeld oder im weitesten Sinn die Gesellschaft als Sucht definiert. Schliesslich gibt es den Bereich, der im einzelnen Menschen selbst liegt, nämlich der persönliche Lebensstil, individuelle psychische Belastungen und die Schwierigkeit, Impulse kontrollieren zu können. Das Zusammenspiel der drei Bereiche entscheidet darüber, wie hoch eine Suchtgefährdung ist.

Sie haben die Gesellschaft als einen wichtigen Faktor für Suchtentstehung genannt. Welche Rückschlüsse auf die Gesellschaft lassen Süchte denn zu?

Was als Sucht definiert wird und was nicht, variiert einerseits von Gesellschaft zu Gesellschaft. Andererseits verändert sich die Wahrnehmung von Sucht innerhalb einzelner Gesellschaften über die Zeit hinweg jeweils stark. Schlussendlich sagen Süchte also sehr viel über Werte und Normen der Gesellschaft aus. Sucht ist auch immer an Kultur gebunden. Im Wallis, wo viel Weinbau betrieben wird, ist man Alkoholkonsum gegenüber tendenziell offener als vielleicht im städtischen Industriequartier, wo dieser schnell mit Stress oder Elend in Verbindung gebracht wird. Tolerierte Süchte hingegen sind oft ritualisiert und bieten so einen Rahmen, den Konsum kontrolliert auszuleben.

Stichwort Ritual: Angenommen, ich kaufe mir jeden Tag  nach der Uni als persönliches Ritual ein Comella. Wo ist der Unterschied zur Sucht?

Der Unterschied liegt darin, dass das tägliche Comella kaum negative Auswirkungen hat. Es kann sogar als Motivation gesehen werden, am nächsten Tag wieder an die Uni zu gehen. Selbst wenn es sich dabei nicht um ein Comella, sondern ein Bier handeln würde, wäre das noch nicht zwingend problematisch. Das Ritual, in begrenztem Mass gelebt, verkleinert das Risiko, dass ich nach der Uni in die Beiz hocke und ein Bier nach dem andern bechere. Man trinkt dann eben nur eines. Ein Ritual wirkt einer Sucht unter diesem Gesichtspunkt sogar entgegen.

Gibt es versteckte Süchte?

Verschiedene Suchtformen sind verschieden auffällig: Wenn man einen Menschen hinter einer leeren Weinflasche sitzen sieht, kommt man viel eher auf die Idee, dass dies ein Problem sein könnte, als etwa bei einem Menschen, der stundenlang hinter einem Laptop sitzt. Dabei könnte dahinter eine Internetsucht wie etwa exzessiver Onlinespielkonsum stecken.

Sie selbst sind spezialisiert auf die Therapie genau dieser Verhaltenssüchte: Worum handelt es sich dabei?

Verhaltenssüchte sind stoffungebundene Süchte, die grundsätzlich einen ähnlichen Verlauf aufweisen wie andere Süchte. Auch Verhaltenssüchte lösen beglückende Gefühle aus, die vor allem dann, wenn es im Leben nicht rund läuft, zu einem Kontrollverlust führen. So wirkt sich zum Beispiel ein grosser Gewinn beim Glücksspiel fatal aus und ist oft der Anfang einer Sucht. Therapieerfahrene Betroffene sagen deshalb: «Wenn du Pech hast, gewinnst du.»

Gibt es noch andere Verhaltenssüchte?

Ja, durchaus. Ein Beispiel wäre der Workaholic, wobei das eine Suchtform ist, die gerade in der Schweiz wenig auffällt. Fleissige und sogar exzessiv Arbeitende sind von Arbeitgebern gesellschaftlich gut akzeptiert, wenn nicht sogar gewünscht. Dies, obwohl exzessives Arbeiten auf das Umfeld des Betroffenen – insbesondere Kinder – verheerende Auswirkungen hat.

Wie lange dauert es, bis Betroffene von sich aus eine Therapiestelle aufsuchen?

Das kommt ganz darauf an, wie schmerzhaft die negativen Folgen der Sucht für den Betroffenen sind. Glückspielsucht zum Beispiel ist insofern interessant, als dass je nach Vermögen und Einkommen des Betroffenen die daraus resultierenden finanziellen Verluste unterschiedlich schwer wiegen. Wie lange es geht, bis sich Betroffene melden, hängt vom Druck durch die Umgebung und dem daraus resultierenden Leidensdruck ab. Ich erinnere mich an einen Fall, da brauchte der Betroffene zuerst drei Jahre, bis er sich überhaupt eingestand, glücksspielsüchtig zu sein. Weitere drei Jahre brauchte er, um sich bei uns im Zentrum zu melden. Bis er abstinent leben konnte, dauerte es schliesslich nochmals rund drei Jahre.

Ein Jahrzehnt in der Sucht.

Natürlich ist das ein ausserordentlicher Fall, aber er zeigt, dass die Therapie von Verhaltenssüchten eine grosse Herausforderung ist und viel Zeit beansprucht.

Wie sieht die Therapie einer Verhaltenssucht aus? Inwiefern unterscheidet sie sich von einer stoffgebundenen Sucht?

Der erste Schritt einer Therapie ist immer die diagnostische Beurteilung der Situation: In welcher Form findet die Sucht statt? Wie häufig? Wie lange schon? Mit welchen Auswirkungen? Was sind die Ursachen? Allerdings findet dies erst nach einem Kennenlernen statt. Glücksspielsüchtige zum Beispiel sind gerade nach der Lohnauszahlung besonders gefährdet. Da schlagen wir Betroffenen zum Beispiel vor, den Lohn von einer Vertrauensperson verwalten zu lassen. Die grosse Herausforderung im Vergleich zu einer stoffgebundenen Sucht, wie etwa der Nikotinsucht, liegt darin, dass es bei Verhaltenssüchten oft nicht möglich ist, komplett abstinent zu sein. Ein Kaufsüchtiger kann nicht plötzlich nichts mehr kaufen. Er muss den gesunden Umgang mit dem Konsum wiedererlernen.

Wie erfolgreich sind solche Therapien?

Sofern der Betroffene sich ernsthaft auf die Therapie einlässt, sind fast immer positive Veränderungen feststellbar. Etwa eine Schadensminderung, ein Erkenntis-
gewinn für den Betroffenen und Verbesserungen in den Sozialkontakten. Wenn man allerdings die vollständige Abstinenz als Massstab nimmt, dann sind Therapien nur bei einem kleineren Teil der Betroffenen nachhaltig erfolgreich. ◊

Zur Person
Franz Eidenbenz ist Psychologe. Er ist am Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix als Suchttherapeut tätig.

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