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Wie ein rauher Tagtraum

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Als würde er die Nachwehen vom traurigen 2016 gar nicht spüren: Während Legenden wie David Bowie und Prince dahinstarben, tourte Neil Young mit seinen 71 Jahren quer durch den europäischen Kontinent und veröffentlichte zum Abschluss der Tour das Album «Peace Trail». Nun präsentiert der raue Kanadier mit «Hitchhiker» ein Album, das schon 1976 in Malibu aufgenommen wurde, aber bisher unveröffentlicht blieb. Die meisten Songs auf der neuen Platte sind bereits auf früheren Werken erschienen, unter anderem auf «Rust Never Sleeps» mit Crazy Horse oder auf seinem mit Gold ausgezeichnetem Solo-Album «Comes a Time». Doch um musikalische Innovationen hat sich der Singer-Songwriter, dessen Stil zwischen Folk- und Country-Rock pendelt, nie geschert. Ihm ist dabei aber nicht alles egal: Young bleibt sich selber treu und setzt wie immer auf sein grösstes Talent: das Schreiben von Songs.

Einzig die beiden Stücke «Hawaii» und «Give Me Strength» blieben vor dem Release von «Hitchhiker» ungehört. In «Hawaii» beweist Young, dass er nicht zuletzt ein guter Erzähler ist. Das Lied zeichnet schroff eine gespenstische Begegnung mit einem Unbekannten und spielt damit mit der Fantasie der aufmerksamen Geniessenden. Die ruhige Ballade vermag zwar gekonnt die vermittelte Atmosphäre zu untermalen, doch es beschleicht einen das Gefühl, dass das Lied nie richtig anfängt. Dagegen ist «Give Me Strength» ein weiteres komplettes Werk, dass jede und jeden erreichen kann. Es besingt eine verflossene Liebe, während Youngs Gitarre und eine unterliegende Mundharmonika die Wörter sanft ummanteln und so die Macht entfalten, die Zuhörenden persönlich zu berühren.

Neil Youngs frühere Veröffentlichungen, wie beispielsweise «On The Beach», demonstrieren auf spektakuläre Art und Weise, warum er zu den allerbesten Gitarrenspielern der Welt gehört. Die Platte war gefüllt mit kraftvollen Riffs und gewagtem, aber äusserst gelungenem Verharren auf einzelnen Strängen. Das neue Album hört sich dagegen in seiner ganzen Länge wie ein folkiger Tagtraum an. Es erinnert an einen reisenden Romantiker, der auf der Suche nach dem Paradies ist, in dem die Sonne immer rot am Horizont hängt und das Gras billig ist. Die in «Hitchhiker» enthaltene gleichnamige Single tauchte erstmals 2010 in «Le Noise» auf. Damals als düsteres und verzerrtes Stück veröffentlicht, wurde es jetzt auf die essentiellsten Töne heruntergebrochen. Die drogengetränkte Fahrt, immerhin von Toronto nach Kalifornien mit Amphetaminen und Valium, wirkt so nicht besser, kommt aber authentischer an. Youngs Kunst besteht eben auch darin, das gleiche Lied zweimal unterschiedlich zu vertonen und trotzdem unverkennbar zu klingen.

Auch der politische Neil Young blitzt wieder auf. Auf dem 2015 erschienenen Album «Monsanto Years» beschimpft er den gleichnamigen Saatgut-Hersteller. «Hitchhiker» will aber keine Politik machen. Trotzdem kennt Young in dem Lied «Campaigner» anscheinend einen Platz, wo selbst Richard Nixon eine Seele habe. Den klangvollen und würdigen Abschluss des neuen alten Albums bildet dann «The Old Country Waltz»: «I don’t need no excuses, I just wanna play that good old country waltz». Das zehn Songs starke Album glänzt eben nicht in seinen Einzelheiten, aber in seiner Gänze. Es hört sich gut an, überrascht nicht, aber beim Hören fehlt einem nichts. Young schafft mit «Hitchhiker» das, was wenige Musikerinnen und Musiker wagen: Er bleibt konstant. So konstant, dass man einmal mehr ausrufen möchte: Neil Young lebt! [pro]

Das Album «Hitchhiker von Neil Young ist am 8. September 2017 bei Warner Music erschienen.

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