Ganze Landstriche abgesperrt, eine US-Präsidentin und fünfte Bologna-Reform: ist das die Zukunft? (Illustratorin: Sumanie Gächter).

Wie wird die nächste Dekade?

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Australien unbewohnbar, Trump abgewählt und Zürich autofrei. Ein Rückblick aus dem Jahr 2030.

Insgeheim dachten alle, dass die Welt bald vor die Hunde geht. Aber niemand redete offen darüber. Warum hätten wir überhaupt sollen? Aufgeben war  eh keine Option, die Dekade hatte erst begonnen. Wir wussten einzig, dass wir Anfang 2020 am Beginn der letzten Dekade standen, in der überhaupt noch irgendetwas wie Hoffnung aufkommen könnte.

Aber es war schon zu spät, zumindest für bestimmte Teile der Welt. 2025 wurde Australien von der Uno für unbewohnbar erklärt. Plötzlich verflogen alle politischen Parolen und Versprechen ins Nichts. Ein Land auf der Flucht vor der Klimakatastrophe. Klimaflüchtende waren nun kein Zukunftsszenario mehr, sie waren Realität. Und noch schlimmer: Es wurde in der vergangenen Dekade zur traurigen Normalität.

Klimaverbrechen und Spielplatz im Amazonas

Nachdem die Umsiedlung vorbei war, wurden ein paar Wissenschaftler*innen damit beauftragt, Australien wenigstens für widerstandsfähige Pflanzen zu retten. Dort hausen die Forscher*innen in kleinen Stationen, eine davon steht neben dem ehemaligen Opernhaus von Sydney. Das Bild, das sie vor der brüchigen Fassade des alten Wahrzeichens zeigt, ging um die Welt. Der gesamte Planet fiel in einen kollektiven Alarmzustand. Das war rückblickend gut, denn es kam keine Panik auf, sondern Gegenwehr. 2028 wurde der ehemalige brasilianische Präsident Jair Bolsonaro wegen Klimaverbrechen vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt und verurteilt. Das Urteil kam zwar für einen Grossteil des Amazonas zu spät, Rohstoffkonzerne hatten aus dem Regenwald einen Spielplatz für ihre Fabriken gemacht, aber es war wegweisend. Mitten in der Endzeit kehrte die Hoffnung zurück.

Das Internet wird demokratisiert

Dazu trugen auch die USA bei. Das war zu Beginn der Dekade noch unvorstellbar. Aber die Amerikaner*innen hatten es tatsächlich fertiggebracht, Donald Trump um eine zweite Amtszeit zu bringen. Dann führte Bernie Sanders erstmals in der Geschichte des Landes ein funktionierendes und kostenloses Gesundheitssystem ein. Heute heisst die Präsidentin der USA Alexandria Ocasio-Cortez. Sie ist weltweit eine der zentralen Figuren der vergangenen Dekade. Nicht nur, weil sie als erste Frau ins Oval Office gewählt wurde, sondern weil sie begonnen hat, den Green New Deal umzusetzen. Die Präsidentin hat in erneuerbare Energien investiert, den umweltzerstörerischen Konzernen den Kampf angesagt und alle Steuerschlupflöcher gestopft. Mit ihr gingen die USA zum ersten Mal nach vielen Jahrzehnten wieder mit gutem Beispiel voran.

In der vergangenen Dekade hatte auch die letzte Stunde der datenfressenden Tech-Konzerne geschlagen: Amazon, Google und Konsorten wurden in ihre Einzelteile zerlegt, Jeff Bezos und Bill Gates enteignet, das Internet demokratisch organisiert. Vorbei sind die Zeiten, in denen unsere Klicks und Bilder für Profit verwendet wurden. Kein Unternehmen der Welt kann heute bestimmen, was es mit den Daten über unseren Musikgeschmack oder über unser Körpergewicht macht. Die Daten gehören uns.

Glücklicherweise haben wir gerade noch rechtzeitig die Rückeroberung unserer Privatsphäre in Angriff genommen. Denn wie sich herausstellte, begann Facebook schon 2022 mit der Entwicklung von Kriegsrobotern. Die letzten Prototypen haben wir 2029 auf den Mars geschossen. Dort schlagen sie sich jetzt gegenseitig die Algorithmen um die stählernen Ohren.

Generalabonnement gegen CO2-Emissionen

Und wer dachte, die Schweiz käme dem Zeitgeist ungeschoren davon, wurde eines Besseren belehrt. In den letzten zehn Jahren verschwanden Gletscher, Flüsse traten über die Ufer und Schlammlawinen verschütteten Täler. Die hiesige Politik versuchte zwar Gegensteuer zu geben: Mit einem kostenlosen Generalabonnement für alle sollten CO2-Emmissionen reduziert werden. Bis jetzt hat es nicht so viel bewirkt, aber immerhin können wir kostenlos mit den SBB bis zum Aletschgletscher fahren und ihm beim Schmelzen zusehen.

In Zürich machen die beiden Letten seit ein paar Jahren bereits Ende März auf. Und die Josefwiese ist durchgehend braun. Das Sechseläuten wurde abgeschafft, weil mittlerweile niemand mehr die Hitzesommer vermisst. Stattdessen werden von Juni bis September jeden Mittwoch kollektiv Spiegeleier auf dem sengend heissen Platz vor dem Opernhaus gekocht.

Autofreies Zürich und Wohnungen für alle

Wenigstens fahren seit 2027 keine mühsamen und stinkenden Autos mehr durch Zürichs Strassen. Alles, was vorher von mehreren Quadratmetern Blech bedeckt war, ist jetzt entweder Veloweg, Flaniermeile oder Kleingarten. Wir wachen morgens auf und riechen frische Zitronen statt Bleifrei 95. Die Bahnhofstrasse ist jetzt öffentliche Picknick-Zone und die Rampen der Hardbrücke ein Rutschbahnen-Paradies. Und das Beste daran: Niemand muss dafür mehr Miete zahlen oder wurde aus dem Quartier verdrängt, denn die Stadt hat Spekulationen auf Immobilien verboten.

An der Uni Zürich haben alle Studierenden ein sogenanntes «UZH Tablet», seitdem die meisten Bücher aus den Bibliotheken verschwunden sind. Gerade läuft die fünfte Bologna-Reform an, bei der diesmal zur Diskussion steht, ob die Bachelor-Regelstudienzeit auf zwei Semester reduziert werden soll. Das würde dann bedeuten, dass Studis innerhalb von einem akademischen Jahr in jeder dritten Woche eine Prüfung schreiben müssen. Die Kantonsschulen haben sich bereits erkundigt, ob es sie dann überhaupt noch braucht.

Endlich Sommerferien für ETH-Studis

Unterdessen wurde in der ETH gründlich ausgemistet. Profs, die Studis oder Doktorierende belästigt oder missbraucht haben, sind weg. Neu wurden auch die Daten der Jahresprüfungen vorverschoben. Die ETH gönnt ihren Studierenden endlich auch Sommerferien. Dafür marschieren jetzt Roboter-Lehrkräfte über den Campus Hönggerberg und wählen willkürlich Studierende aus, die dann eine zufällige Schätzfrage beantworten müssen. Ist die Antwort falsch, müssen die Pechvögel zurück ins Basisjahr.

In der vergangenen Dekade ist viel geschehen. Kein Wunder, zehn Jahre sind eine lange Zeit und die Welt ist eine andere. Was in den nächsten zehn Jahren passieren wird, kann nur erahnt werden. Vielleicht wird Venedig bald zum echten Atlantis. Oder vielleicht müssen Studierende künftig in einem halben Jahr einen vollständigen Abschluss machen. Wer weiss das schon? 

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