Bild: CC kowarski Flickr

Wiggle, wiggle – zur Ästhetik des Twerking

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Noch vor zwei Jahren wäre es wohl eine beleidigende Geste gewesen, jemandem seinen Hintern entgegenzustrecken. Doch seit Miley Cyrus nicht mehr bei Disney unter Vertrag steht und Nicki Minaj mit Busta Rhymes (naja) singt, haben sich die Dinge geändert.

Ein neues Phänomen der Populärkultur greift um sich: Twerking. Für all jene, die noch immer nicht wissen, worum es hier geht, sei der Eintrag im Oxford Dictionary empfohlen: «To twerk» bedeutet so viel wie «in sexuell provokativer Art zu Popmusik tanzen, indem in hockender Position die Hüfte vor- und zurückgeschoben wird». Über die Ursprünge herrscht Ungewissheit: Manche vermuten sie in der Hip-Hop-Szene der 1990er in New Orleans, andere im Jahre 2004 bei Fitta mit am Gion (Move Your Füdli).

Doch was hat es auf sich mit diesem Tanz, der als «neue Trendsportart Hollywoods den Po knackig und die Oberschenkel straff» machen soll? Ich will es genau wissen und fahre ins Loft1 beim Letzipark, ein Fitness-Studio, das überwiegend Pole-Dancing anbietet. (Richtig, der Tanzstil, der unseren Vätern noch heute die Schamesröte ins Gesicht steigen lässt, mittlerweile aber bei Weitem nicht mehr nur in zwie- und rotlichtigen Etablissements salonfähig ist.) Klar, weisse Rollkragenpullover sucht man auch im Loft1 vergebens. Aber die Klischees frivoler Luder und billiger Flittchen werden nicht bedient. Die Teilnehmerinnen sind zwischen achtzehn und vierzig Jahre alt, arbeiten im Marketing oder bei der Zollbehörde und könnten auch in Heidegger-Seminaren sitzen. Die meisten tanzen schon seit Jahren und wollen neue Bewegungen lernen, «Moves», wie es im Fachjargon heisst; andere hatten es einfach satt, im Club nur rumzustehen, und wieder andere schätzen das spezifische Training gewisser Muskelgruppen, das gleichzeitig Spass macht. Die Lektion beginnt mit einem Aufwärmen, das mir sofort Schweissperlen auf die Stirn treibt. Etwas deplatziert komme ich mir schon vor, als ich mir in meiner Jogging-Kluft vor dem Spiegel die Glieder verrenke und die geschmeidigen Bewegungen der Trainerin nachzuahmen versuche. Vor den Choreos kommt Mish, eine zierliche, toughe Profitänzerin, die den Kurs seit anderthalb Monaten leitet, zum Hauptteil, dem eigentlichen Twerken. Wer (wie ich) dachte, dass Bootyshaken selbst für mediokre Bewegungstalente keine koordinative Herkulesaufgabe darstellen dürfte, wird eines Besseren belehrt: En passant werden die verschiedenen Techniken durchgegangen. Ich zähle deren sechs. Mileys obszöne Varianten sind nicht dabei. «Das ist auch kein Twerk», findet Mish.

Aber trotz aller technischen und choreographischen Finessen der Tanzstile, in denen Twerken eine Rolle spielt – wird frau da nicht zum blossen Objekt? «Klar findet eine Objektifizierung statt», so Mish. «Aber ich finde das voll okay. Es geht darum, ein Körper- und damit auch Selbstbewusstsein zu entwickeln. Twerking zeigt, dass Frauen mit Kurven sexy sind, dass es gut ist, wenn da was schüttelt.» Und nicht zuletzt geht es auch um Provokation: Wer spielt hier mit wem? Twerking bietet die Möglichkeit, den aktiven Part zu übernehmen, und ist damit wohl weit weniger erniedrigend als so mancher «etablierter» Tanzstil. Denn wer möchte schon in Korsetts verpackt, vom starken Geschlecht geführt im Dreivierteltakt über das Parkett geschleift werden? Der schlechte Ruf des Twerking ist wohl überwiegend den lyrischen Ergüssen von Snoop Dogg und Konsorten zuzuschreiben (siehe Wiggle). Denn Tanzkurse mit Fokus auf Hüftbewegungen sind per se recht harmlos und machen (offenbar) richtig Spass. Männer sind aber eher in der Unterzahl.

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