Demonstrierende in Dublin fordern günstigeren Wohnraum (Bild: Joseph McCallion).

Wohnungsnot in Dublin

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Überrissene Mieten, zu wenig Wohnraum: Auch Studierende in der irischen Hauptstadt sind betroffen.

«Wenn man abends durch die Dubliner Strassen geht, ist es mittlerweile unmöglich geworden, die Zustände zu ignorieren», erzählt Ailish Brennan, Studentin am University College Dublin. Sie bezieht sich dabei auf die Obdachlosen, die an jeder Strassenecke und auf jeder Brücke anzutreffen sind, sowie Menschen mit Nadeln im Arm, die zum täglichen Bild Dublins geworden sind.

Ausziehen unmöglich

Seit 2015 steigen die Mieten in der irischen Hauptstadt. Das, trotz einer 4-Prozent-Limite auf Mietpreiserhöhungen. «Ich selbst habe das Glück, dass meine Eltern in Dublin leben, wo ich studiere», meint die 20-jährige Brennan. «Aber es gäbe keine Möglichkeit, auszuziehen.» Niemand aus ihrem Freundschaftskreis sei bis jetzt ausgezogen. Das sei die neue Norm. «Momentan ist es okay, aber es wird sich bis in vier Jahren vermutlich nicht verändert haben. Dann wird es langsam etwas unangenehm.»

Internationale Studierende haben diese Möglichkeit nicht. «Als ich mein Studium begann, kannte ich niemanden in Dublin», berichtet der 22-jährige Student Liam, der sich für ein Studium am renommierten Trinity College entschieden hat. «Da die Uni meine Bewerbung für eine Unterkunft auf dem Campus verlegt hatte, musste ich innerhalb kürzester Zeit etwas finden.» Zu dieser Zeit waren die meisten privat vermieteten Zimmer bereits weg. Schlussendlich landete der Student in einem Wohnblock, wo er 650 Euro für ein geteiltes Zimmer bezahlte. «Es gab Probleme mit den Wasserleitungen, der Aufzug funktionierte nie, das WLAN war praktisch inexistent und die Grösse der Küche entsprach etwa der eines  Besenschranks.» Zudem seien die Preise nach Lust und Laune der Vermieterin gesetzt worden, alle Partien hätten unterschiedliche Mietpreise bezahlt.

«Wohnen ist ein Menschenrecht»

Kein Wunder also wehren sich viele Studierende gegen diese Zustände. «Gerade Studierende werden in der Wohnungsnot ausgenutzt», sagt Brennan. Studierenden fehlt jeglicher Schutz, da Studentenwohnheime und ähnliche Angebote nicht unter die üblichen Regulierungen fallen. Universitäre Wohnangebote sind ohnehin begrenzt, da Studis in Irland üblicherweise nur das erste Jahr in solchen verbringen, um sich dann nach einer WG umzuschauen. Die neusten Gebäude aber gehören privaten Firmen, und die können sich sogar erlauben, freistehende Zimmer zu haben, da sie nicht der Mietkontrolle unterliegen. Für ein Zimmer in einem der neuen Luxus-Apartments zahlt man mindestens 1000 Euro im Monat. Geschirr, Bettlaken und Benutzung der Waschmaschine exklusive. «Wohnen ist ein Menschenrecht, es sollte nicht zu einer kommerzialisierten Einheit werden», ärgert sich Brennan.

Neue Welle von Aktivismus

«Die letzten zwei Monate waren die geschäftigsten in meinem Leben», meint Brennan. Sie ist Teil von verschiedenen Studierendenbewegungen in der Stadt, deren Ziel es ist, Mietpreise zumindest mal einzufrieren und leerstehende Gebäude zu vermieten. «Die Leute werden nur wütender und die Wohnungsbewegung wird sich weiterentwickeln, wenn die Regierung tatenlos bleibt.» Bewegungen wie Take Back the City, bei der  Brennan aktiv mitwirkt, sind massgeblich für die zunehmende Medienaufmerksamkeit verantwortlich. Jeden Monat gibt es mehrere Hausbesetzungen und Protestmärsche. Die jüngste Geschichte Irlands sei geprägt von öffentlichen Massenprotesten. Ob der Einsatz gegen die Privatisierung von Wasser oder jener für das Recht auf Abtreibung; die Bürgerinnen und Bürger Dublins seien in den letzten Jahren politisiert worden und die Wohnungsbewegung sei nur der neueste Ausdruck davon.

Luxusgartenhäuschen

Traditionell günstigere Wohnalternativen für Studis sind sogenannte «Digs», also Privatpersonen, die ein Zimmer an Studierende vermieten. Aber auch diese fallen nicht unter dieselben Regulierungen wie übliche Mietwohnungen, was massive Schlupflöcher für Vermietende schafft. Mittlerweile werden sogar Gartenhäuschen als «Luxus Apartments» für 16’000 Euro im Monat angeboten und viele Vermietende wünschen sich ruhige Studierende, die die meiste Zeit an der Uni verbringen und übers  Wochenende nach Hause fahren. Manche dürfen nicht mal die Küche im Haus mitbenutzen.

«Irgendwie daran glauben»

Obwohl Studierende die Auswirkungen der Wohnungskrise deutlich zu spüren kriegen, sind sie nicht am stärksten betroffen. «Viele Studierende kommen aus wohlhabenderen Familien», erklärt Brennan. Somit hätten die meisten Studierenden genug Optionen, sich irgendwie durchzuschlagen. Auch der britische Student Liam meint: «Ich habe das Glück, dass mich meine Familie unterstützen kann. Nur deswegen kann ich die Wohnkrise durchstehen.» Während Dublin seine Aufmerksamkeit langsam auf eine internationalere Gemeinschaft richte, erhöhten gierige Vermieter und Vermieterinnen die Isolation und Unzugänglichkeit der irischen Hauptstadt. «Die Tatenlosigkeit der Regierung ist entmutigend», meint Brennan. «Aber man muss irgendwie daran glauben, dass Veränderung möglich ist.»

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