Wollen, sollen oder müssen?

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An Hochschulen werden Praktika unterschiedlich gehandhabt. Ein Blick auf drei Studiengänge an Uni und ETH.

Ohne berufliche Erfahrung geht gar nichts mehr. In der heutigen Leistungsgesellschaft ist ein Hochschulabschluss erst etwas wert, wenn Studierende bereits Einblick in mehrere Berufe gewonnen haben – darunter idealerweise in einen, in dem sie später ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Dieser auf reine wirtschaftliche Effizienz getrimmte Anspruch stellt die Hochschulen und die Studierenden aber vor Probleme: Erstens bieten die Uni und die ETH nicht Berufsausbildungen per se an und zweitens sind viele Praktika schlecht oder gar nicht bezahlt und nur mit Abstrichen während der Vorlesungszeit zu absolvieren. Klar ist, dass Studium und Praktikum kaum miteinander harmonieren. Was tun also die Uni und die ETH, um es den Studierenden einfacher zu machen? Wo wird den Praktika-Suchenden geholfen, wo ist ein Praktikum Pflicht, wo nicht?

Viele Anforderungen an ein Praktikum

Das Institut für Politikwissenschaft (IPZ) in Oerlikon sieht kein obligatorisches Praktikumsprogramm im Curriculum vor. Allerdings können sich Studierende freiwillig ein Praktikum anrechnen lassen – im Bachelor als Wahlmodul im Umfang von drei Credits, im Master als Seminar im Umfang von sechs Credits. «Wir wollen unbedingt ein Praktikumsprogramm anbieten, die Praxisorientierung für die Studierenden ist uns ein wichtiges Anliegen», sagt Naome Czisch, Prüfungskoordinatorin und Verantwortliche für Praktikumsprogramme am IPZ. Denn erst durch praktische Erfahrungen können Studierende den Mehrwert des eigenen Studiums schätzen lernen und sehen, wie wertvoll ihr Wissen ist, so Czisch.

Wer sich am IPZ ein Praktikum anrechnen lassen will, muss eigenständig eine Stelle suchen. Das Institut vermittelt keine Stellen direkt, erklärt Czisch: «Die Bewerbung gehört zum Prozess dazu. Diese Chance können und wollen wir den Studierenden nicht abnehmen.» Ausserdem muss das Praktikum einen konkreten Bezug zur Politikwissenschaft aufweisen und durch den Arbeitgebenden bestätigt werden. Zum Schluss müssen Studis noch einen Praktikumsbericht einreichen; erst dann können die Credits verbucht werden. Trotz diesen Anforderungen bleibt das Programm freiwillig. Daraus ein Pflichtmodul zu machen, wäre aus Sicht des Instituts aber ein Schritt zu viel. Es gäbe viele Praktikumsplätze, die sechs Monate oder mehr in Vollzeit verlangen, sagt Czisch. «Das wollen wir unseren Studierenden nicht verpflichtend abverlangen, das Studium an sich ist ja schon eine Herausforderung.»

Noch nie im Leben gearbeitet

Dieses Credo gilt beim Departement Architektur an der ETH nicht. Dort müssen Studierende zwingend Arbeitserfahrung sammeln, damit sie sich später diplomierte Architekt*innen nennen können. Und das aus einem einfachen Grund: «Die Studierenden sollen ihr zukünftiges Arbeitsfeld kennenlernen. Viele unserer Studierenden haben noch nie in ihrem Leben gearbeitet», sagt Mathias Imgrüt vom Studiensekretariat Architektur ETH.

Für das Bachelor-Diplom sind sechs Monate Arbeitserfahrung Pflicht, für das Master-Diplom weitere sechs Monate. Um den Master of Science ETH in Architektur zu erlangen, müssen Studis also insgesamt ein Jahr Praktikum über sich ergehen lassen. Doch das Praxisjahr ist nicht einfach so ins Studium eingebunden, obwohl es eine Bedingung für den Abschluss ist. Im aktuellen Master-Studienreglement steht, dass die praktische Tätigkeit während Urlaubssemestern auszuüben sei und dass dafür keine ECTS-Credits vergeben werden. Die Arbeitserfahrung hat also zusätzlich zur Regelstudienzeit von fünf Jahren für den Master zu erfolgen – damit verlängert sich das Studium für angehende Architekt*innen um mindestens ein Jahr. Zur Erleichterung der Studienplanung wird daher bereits im Bachelor empfohlen, die gesamte Praktikumszeit von zwölf Monaten nach dem vierten Studiensemester zu absolvieren.

Dafür sind die möglichen Tätigkeitsbereiche für Praktika in der Architektur offener. Zwar werden ausdrücklich sechs Monate in einem Projektierungs- oder Ausführungsbüro gefordert, das restliche halbe Jahr kann aber genauso gut in einer Zimmerei, in Schlosserbetrieben oder im Hoch- oder Tiefbau verbracht werden. «Wir befürworten praktische Tätigkeiten auf dem Bau, weil es den Studierenden einen komplett anderen Blickwinkel auf ihren zukünftigen Wirkungsbereich erlaubt», erklärt Mathias Imgrüt die grosse Bandbreite an Arbeitsbereichen.

Praktika sind «sehr erwünscht»

Mit dem in diesen Herbstsemester anlaufenden Master-Studienprogramm (Minor) «Deutsche Literatur: Theorie – Analyse – Vermittlung» bietet auch das Deutsche Seminar der Universität Möglichkeiten, praktische Arbeitserfahrungen an das Studium anzurechnen. In den beiden Modulgruppen «Literaturkritik» und «Literaturvermittlung» sind Praktika laut Davide Giuriato, Studienprogrammdirektor des Deutschen Seminars, zwar nicht obligatorisch, aber «sehr erwünscht».

«Wir bieten keine Berufsausbildung an.» – Davide Giuriato

Ansonsten haben Studierende der Sprach- und Literaturwissenschaften kaum eine Möglichkeit, sich ein Praktikum anrechnen zu lassen. Nur im Bachelor-Studiengang Skandinavistik gibt es das Wahlmodul «Praktikum», das Arbeitserfahrungen von mindestens zwei Wochen bei Medien, kulturellen Institutionen oder Bibliotheken mit sechs ECTS-Punkten verbucht. In der Vergleichenden Germanischen Sprachwissenschaft können sich Studis für drei Credits Praxiserfahrung anrechnen lassen.

Dieser Umgang mit Praxismodulen erstaunt, denn die Webseite des Deutschen Seminars verweist unter «Berufsperspektiven» auf externe Beiträge, in denen beispielsweise gefordert wird, dass Praktika «möglichst studiumsbegleitend absolviert werden» sollen. Warum wird dies aber kaum im Curriculum berücksichtigt? «Mit der neuen Studienreform und dem ausgebauten Angebot an praxisorientierten Modulen wollen wir den Studierenden ebenso konkrete wie attraktive Perspektiven mit Blick auf den Einstieg ins Berufsleben eröffnen», so Giuriato. «Wir bieten aber grundsätzlich keine Berufs-, sondern eine Fachausbildung an.»

Direkt nachfragen hilft

Bildung oder Ausbildung hin oder her: Die Anforderungen an Studis sind gestiegen. Praktika sind bei Arbeitgebenden nicht nur gern gesehen, sie werden teilweise vorausgesetzt. Wer sich für ein Praktikum interessiert, sollte sich am besten bei den entsprechenden Stellen an den Departementen und Instituten erkundigen. Denn die tatsächlichen Möglichkeiten sind nicht überall klar ersichtlich – trotz der Bemühungen seitens der Uni oder der ETH.

– Mit Illustrationen von Sumanie Gächter.

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