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Würfelgedichte

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«Ihr wacht schweissgebadet im Bett auf, den Rücken kerzengerade, Gänsehaut über den ganzen Körper hinweg. Ihr hattet einen Albtraum. Wovon habt ihr geträumt?», fragt der Moderator. Keine Antwort. Stille im Saal. Stattdessen wird gewürfelt. Das Kullern fünfer Würfel ist das einzige Geräusch im Cabaret Voltaire. Die Würfel kommen zum Erliegen, zeigen fünf Symbole: Ein Hufeisen. Eine Schallplatte. Eine Billardkugel. Einen Salzstreuer. Einen Apfel. Ab dem Moment, da diese fünf Symbole zu liegen kommen, läuft die Uhr: Drei Minuten stehen zur Verfügung, um aus ihnen eine Geschichte zu basteln – nämlich die Geschichte, welcher Albtraum einen tiefnachts heimgesucht hat.

«Icon Poet» nennt sich das Gesellschaftsspiel, das die Brüder Andreas, Lukas und Ueli Frei vor rund fünf Jahren entwickelt haben. Inzwischen ist «Icon Poet» derart populär, dass sich Menschen in der Öffentlichkeit – etwa im Cabaret Voltaire – treffen, um es gemeinsam zu spielen. Der Modus ist einfach: Vier «Icon Poet»-Profis sitzen um einen Tisch, von wo aus  sie das Kullern der Wüfel beäugen, um dann aus den sich daraus ergebenden Symbolen unter Hochdruck Texte zu schreiben. Danach tragen sie ihre Geschichtsvorschläge dem Publikum vor. Dieses entscheidet per Applaus, wessen Geschichte am meisten überzeugt hat. Gespielt werden sieben Runden. Analog zu den «Slam Poetry»-Wettbewerben erhält die Gewinnerin oder der Gewinner eine Flasche Schnaps.

Auch das Publikum ist angehalten, mitzudichten. Denn sollte den Profis einmal nichts einfallen, muss jemand aus dem Publikum einspringen. Freilich steht dieser Joker jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer nur einmal zur Verfügung. «Oft bleibt darum nur die Flucht nach vorne», sagt Suzanne Zahnd, Schriftstellerin und Journalistin, die mehrmals pro Jahr an «Icon Poet»-Veranstaltungen teilnimmt. «Icon Poetry» sei unberechenbar: «Es gibt Abende, da sprudeln die Ideen nur so. An anderen musst du kämpfen.»

Menschen kommunizieren immer mehr mit Bildern. Keine SMS, an deren Ende nicht ein lustiges Emoji stünde. «Icon Poet» geht den umgekehrten Weg: Aus Bildsymbolen werden Worte. Und aus den Worten Geschichten. Das ist faszinierend und die Freude am Erzählen, die die Künstlerinnen und Künstler an den Tag legen, ansteckend. Darum hingehen, wenn es das nächste Mal heisst: «Alea iacta est.»

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